Archiv der Kategorie: Interview von Künstler

83. Bachfest in Salzburg wird am 4.10.2008 eröffnet


Hallo,

eines der ältesten Bach-Feste wird am 4. Oktober 2008 in Salzburg eröffent.

Flyerrechte: Salzburger Bachgesellschaft

Eröffnet wird das Fest am Samstag, 4. Oktober mit einem Konzert der Camerata Salzburg mit dem Collegium Vocale Salzburg unter Christophe Coin in der historischen Aula – auf dem Programm steht Bachs Kantate 214 »Tönet, Ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!« und die 4. Orchestersuite.

Benjamin Schmid wird Bachs kompletten Werken für Violine solo zwei Abende widmen – am Samstag, 11. und Sonntag, 19. Oktober im Rittersaal der Alten Residenz.

Das Mozarteum Orchester Salzburg und der Salzburger Bachchor wird mit seinem Chefdirigenten Ivor Bolton; Bachs Hohe Messe in h-Moll interpretieren – am Freitag, 17. Oktober; dieser Abend wird in Kooperation mit den Salzburger Kulturtagen im Großen Festspielhaus stattfinden.

Eine besondere Veranstaltungsreihe, der Orgelpfad, führt am Samstag, 11. Oktober, von der Pfarrkirche Mülln u. a. über Franziskanerkirche, Kapuzinerkirche, Pfarrkirche St. Andrä und Kajetanerkirche zur Stiftskirche St. Peter. Zu hören sind Uraufführungen von Orgelwerken und Stücke aus dem Orgelwerk Bachs. Unter dem Motto »Mit Bach durch den Tag« werden in vielen Kirchen und im Dom auch Vespern aufgeführt. Orgelpfad, Vespern und Messen sind bei freiem Eintritt.

Link zum Programm des 83. Salzburger Bachfestes, anklicken !

Beim 83. Bachfest 2008 in Salzburg singt James Gilchrist den Tenorpart in der h-Moll-Messe am 17. Oktober 2008 im großen Festspielhaus.

Foto: von Diskussionsforum J.S. Bach und die Cantata Pilgrimage 2000 und sonstige Klassik-Themen

James Gilchrist

studierte zunächst Medizin und war Chorsänger am New College in Oxford und am King’s College in Cambridge. 1996 entschloss er sich zu einer professionellen Laufbahn als Sänger und nahm Gesangsunterricht bei Janice Chapman und Noelle Barker. International bekannt wurde er durch seine Mitwirkung bei der Bach Cantata Pilgrimage 2000 des Monteverdi Choir und der English Baroque Soloists unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Im Konzertbereich arbeitet er regelmäßig mit Dirigenten wie Ton Koopman, John Eliot Gardiner und Paul McCreesh zusammen.

(Obige Angaben von Salzburger Bachgesellschaft)

Ein inhaltsreiches Interview gibt es hierzu von Benjamin Schmid, (Violine), während der Bachwochen improvisiert der Salzburger Geiger Werke von Bach. Interessant seine Aussagen über J.S. Bach.


Foto: Benjamin Schmid (Rechte: Salzburger Bachgesellschaft)

Hier der Link zum Interview der Salzburger Nachrichten vom 3. Oktober 2008, hier anklicken !

Eine umfassende Biographie von Benjamin Schmid ist über diesen Link aufrufbar:

Viel Spass beim Stöbern und Lesen !

Grüsse
Volker

Webnews


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Sir John Eliot Gardiner im Gespräch mit der FAZ vom 20.9.2008


@Barbara sagt:

Hallo,

es gibt ein Interview in der FAZ vom 20. September 2008 mit dem englischen Dirigenten Sir John Eliot Gardiner, was in Köthen durchgeführt wurde.

Hier der Link zum Interview-Gespräch von Köthen:

http://www.faz.net/s/Rub4D7EDEFA6BB3438E85981C05ED63D788/Doc~EE5C7AAAC2D8B41D38DD0BC8E93362D47~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Viel Spass beim Lesen, Grüsse

Barbara


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Interview: The Observer mit J. E. Gardiner


Hallo,

nun meine versprochene „Deutsch-Übersetzung“ des Interview vom „The Observer“, von @Alex, dafür herzlichen Dank.
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John Eliot Gardiner, Dirigent

Dirigent und Gründer des Monteverdi Choir. Hat mehr als 250 Alben eingespielt.

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Interview von Ally Carnwath
The Observer,
Sonntag, 29. Juni 2008
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Der fünfundsechzigste Geburtstag hat mich in keiner Weise aus dem Lot gebracht. Ich bin heute zufriedener und in besserer Verfassung als vor zwanzig Jahren. Fünfundsechzig ist für einen Dirigenten noch kein Alter. Es gibt keinen Grund oder Motiv aufzuhören, vorausgesetzt man ist noch im Vollbesitz seiner Kräfte – Sehen, Hören, Denken – und das bin ich hoffentlich. Schließlich ist jetzt die Erfahrung da, die man braucht, um wirklich loszulegen und Geleistetes noch zu übertreffen. Mag sein, dass man zwischen den Projekten etwas längere Verschnaufpausen braucht, meine Frau rät mir dringend zu einer solchen. Auch kann ich nun nicht mehr mit dem Chor und dem Orchester ganze Nächte durchmachen, wie ich es in meinen Zwanzigern getan hatte. Fünf Konzerte in sieben Tagen, das war bei uns normal, und bei den ganzen Feiern zwischendurch kam der Schlaf schon mal zu kurz.

Aber der Hunger nach Musik und das Arbeiten mit verschiedenen Orchestern, das sind Dinge, die nicht einfach nachlassen. Sollte dies dennoch eines Tages passieren, ich wüsste, der Moment fürs Aufhören wäre gekommen.

Manche Dinge fallen mir heute sogar wesentlich leichter. Im Alter gehen die Leute mit einem etwas anders um. Als aufstrebender Dirigent macht man erst einmal die Hölle durch, Orchestermusiker sind – völlig zu Recht – eine sehr kritische Spezies, und diese Skepsis kann auch auf den Dirigenten selbst abfärben. Bei meinem Landgut denke ich an Neubepflanzungen, die sich vielleicht in 50, 60 oder 80 auszahlen werden. Der Himmel weiß, wer dann der Landeigentümer sein wird und davon profitieren wird, aber mein Vater und mein Onkel, die haben unglaublich viel für die Rekultivierung dieser Gegend getan, und mein Herz schlägt jedes Mal höher, wenn ich raus in den Forst trete, es ist so beglückend, die Früchte ihrer harten Arbeit wachsen zu sehen.

Solange die Leute deine Konzerte besuchen und deine Aufnahmen kaufen und von dir lernen wollen, ist die Welt rund, du bist noch nicht marginalisiert. Klar, sollte ich auch nur andeutungsweise dieses Gefühl bekommen, da kann ich Sie beruhigen – ich werde mich auf der Stelle vom Acker machen.

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Interview übersetzt aus dem Englischen
Die Urheber-Rechte bei „Guardian“:
Diese Seite wurde von ©Alexander Behrens für ©“Diskussionsforum J.S. Bach und die Cantata Pilgrimage 2000 und sonstige Klassik-Themen“, übersetzt.
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Grüsse an alle
Volker

Interview der HAZ mit Gardiner


@Barbara sagt:

Hallo,

gestern war dieses Interview unter dem Titel „Ich wurde unter Bachs Augen groß“ in unserer Zeitung veröffentlicht. Ich habe gerade von der HAZ die Genehmigung zur Veröffentlichung im Blog erhalten, selbstverständlich unter Nennung der Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 19.3.2008.

Den unten stehenden Zeitungsausschnitt anklicken, danach erfolgt eine lesbare Vergrößerung:


Grüße
Barbara

"Klassische Musik ist nun einmal elitär" zum 80. Geburtstag von der Mezza-Sopranistin "Christa Ludwig"


Hallo,

Christa Ludwig, feierte am 16. März 2008 ihren 80. Geburtstag. Die weltbekannte Mezzosopranistin wurde jüngst in Cannes auf der Musikmesse Midem für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Sie trat zusammen mit den Dirigenten Karl Böhm, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan auf – und sang mit Maria Callas.


Fotorechte: BMG / Sopranistin Christa Ludwig

Interview:
Klosterneuburg vor den Toren Wiens, eine gutbürgerliche Gegend. Die Kammersängerin lebt ganz oben am Berg in einem Architektenhaus. Ihr Händedruck ist kernig.

Frau Ludwig, Sie sind vor ein paar Jahren aus Südfrankreich nach Wien zurückgezogen …

Zu dem inhaltsreichen Interview von „DER TAGESSPIEGEL“ hier klicken !

Brillante Klassiker-Aufnahmen mit ihrer Mitwirkung bleiben unvergessen:

Karl Richter: J.S. Bach Gesamtaufnahme des Weihnachtsoratoriums

Herbert von Karajan: J.S. Bach „Messe H-moll“, Berliner Philharmoniker

Herbert von Karajan: Giuseppe Verdi, „Requiem“, Berliner Philharmoniker

Karl Böhm: W. A. Mozart „Requiem“, als DVD, eine Einspielung von Historischer Größe

Gruß
Volker

Nikolaus Hornoncourt im Interview DIE ZEIT


Hallo,

ein bemerkenswerter Artikel aus DIE ZEIT möchte ich dem Forum nicht vorenthalten, Nikolaus Harnoncourt im Gespräch über Karajan, Furtwängler, etc. und als Cellist bei den Wiener Symphonikern.

»Er sah mich als Verräter«

Der junge Nikolaus Harnoncourt spielte noch Cello unter Karajans Leitung. Später wurde er als Dirigent dessen bedeutendster Antipode. Doch im Gespräch zeigen sich auch Gemeinsamkeiten

Der Österreicher Nikolaus Harnoncourt kam 1929 in Berlin zur Welt. Er wurde berühmt durch sein Concentus Musicus, ein Ensemble mit historischen Instrumenten. Von 1972 an trat er auch als Dirigent auf und revolutionierte mit seiner Ästhetik der "Klangrede" unser Verständnis der Klassik

Der Österreicher Nikolaus Harnoncourt kam 1929 in Berlin zur Welt. Er wurde berühmt durch sein Concentus Musicus, ein Ensemble mit historischen Instrumenten. Von 1972 an trat er auch als Dirigent auf und revolutionierte mit seiner Ästhetik der „Klangrede“ unser Verständnis der Klassik

Fotorechte:

Er hat wie kein anderer bewirkt, dass Musik des Barock heute überwiegend auf historischen
Instrumenten gespielt wird, dass Interpreten sich für die musikalischen Sprachregeln der
Epochen bis hin zur Romantik interessieren. Damit steht Nikolaus Harnoncourt im Gegensatz zu den einheitlich am »modernen« Orchesterklang orientierten Interpretationen, wie Karajan sie realisierte. Der Konflikt der beiden Lager trug zeitweise ideologische Züge bis hin zu Karajans Festspielverbot für den Revolutionär.

Heute gelten beide als die einflussreichsten Dirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Grund genug, mit Harnoncourt über den Mann zu sprechen, unter dessen Leitung er einst selbst spielte. Ebenfalls anwesend: Harnoncourts Frau Alice, Geigerin, ein Jahr jünger als er. Während unseres Treffens in der Wiener Wohnung des Ehepaars ist sie über eine Partitur gebeugt – und greift ins Gespräch ein, wenn’s nötig ist……….

Zum ganzen Artikel in DIE ZEIT “ hier klicken !!

Viel Spass beim Lesen eines aufschlussreichen Artikels der Gegenwart..!

Gruss

Volker

Interview in der TIMES ONLINE: mit Mark Padmore und Ian Bostridge zur Johannes-Passion


(Fotorechte:

@Barbara sagt:

Hallo,

eine kleine Einstimmung auf die Johannes Passion am 21.3.2008 um 20:00 Uhr, in der Trinitatiskirche in Wolfenbüttel:

Interview in der TIMES ONLINE mit Mark Padmore versus Ian Bostridge in St John’s Passions

Mark Padmore and Ian Bostridge, both about to sing the same part in rival St John Passions in London, compare notes.

Link: englische Original-Seite „Times Online“

http://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/stage/opera/article3370176.ece

Gruß Barbara

P.S. Eine deutsche Google-Übersetzung ist unter Kommentare von mir hinterlegt, einsehbar !
@Volker

Im Interview Violonist J. Pramsohler: An Gott glauben nicht alle Musiker, an Bach schon !


Hallo,

vermehrt entdecke ich unter Klassik so manch Interessantes, was ich dem Forum nicht vorenthalten möchte.

„An Gott glauben nicht alle Musiker, an Bach schon“

Er ist Ende zwanzig, spricht fünf Sprachen und ist ein Weltenbummler. Als Barockmusiker pendelt Johannes Pramsohler zwischen London und Paris, auf seinen Tourneen bereist er ganz Europa. Südtirol Online hat mit dem Geiger und Konzertmeister – unmittelbar nach einer Tournee – über brotlose Jobs, MTV, seine Lebensphilosophie, Südtiroler Speckknödel und Johann Sebastian Bach gesprochen.

© 2008 STOL
Johannes Pramsohler Foto: Nephi Niven Stogner

“Auszüge aus dem Interview mit Südtirol Online

Südtirol Online: Sie kommen soeben von einer Tournee zurück?

Johannes Pramsohler: Ja, ich bin nach einer fünfwöchigen Tournee wieder nach Paris zurückgekommen. Drei Tage bleiben mir, um ein bisschen aufzuräumen, dann geht es wieder los. Im Moment ist es schon ein bisschen heftig.

STOL: Anstrengend, das Leben aus dem Koffer?

Pramsohler: Ja, schon, aber man gewöhnt sich daran. Anstrengend ist es immer dann, wenn die Tourneezeiten nur ganz kurz sind. Die fünf Wochen waren jetzt okay: Wenn ich für längere Zeit unterwegs bin, gewöhne ich mich schnell an das Leben aus dem Koffer und den ständigen Hotelwechsel.

STOL: Werden Sie für die Konzerte über Agenturen gebucht?

Pramsohler: Agenturen sind bei mir noch keine im Spiel. Zurzeit läuft alles über Auditions und Empfehlungen. Die Barockszene ist eine sehr kleine Szene innerhalb der klassischen Musik, in der beinahe jeder jeden kennt. Somit trifft man immer wieder auf die gleichen Personen, die einen dann auch kennen und weiterempfehlen, was einen Wechsel zwischen den Orchestern erleichtert. Wenn man als Musiker aber noch ganz neu in der Szene ist, dann bewirbt man sich bei diversen Orchestern durch Probespiele. Damit fängt alles an. Später gelangt man irgendwann auf die Reserveliste, bis man dann vielleicht irgendwann Mitglied ist. Manchmal kann das schon anstrengend sein, vor allem, da die Barockorchester sehr klein sind und manchmal nur aus sechs bis sieben Musikern bestehen, also nicht so viel Bedarf an neuen Mitgliedern besteht.

STOL: Eine Zukunft mit Fragezeichen. Beunruhigt Sie das nicht?

Pramsohler: Ja, das mit dem Fragezeichen stimmt. Beunruhigt bin ich eigentlich nicht, denn die Orchester buchen die Musiker bereits längere Zeit im Voraus. Mein Konzertkalender ist bis 2009 abgedeckt, 2008 werde ich dann die Termine für 2010 erhalten.

STOL: Sie spielen eine Barock-Violine. Was ist daran besonders?

Pramsohler: Ich spiele Barockmusik auf Originalinstrumenten, d. h. ich versuche mich einer Klangvorstellung anzunähern, die uns heute als ‚authentisch’ erscheint. Ich möchte meine Idee, wie diese Musik im 17. und 18. Jahrhundert geklungen haben könnte und vom Komponisten gedacht wurde, verwirklichen. Eine Barockgeige ist ein wenig anders gebaut und mit Darmsaiten bespannt. ‚Moderne’ Violinen besitzen hingegen Kunststoff- oder Stahlsaiten. Auch der Bogen unterscheidet sich vom modernen, er hat eine gänzlich andere Form – die Spannung wird dadurch anders verteilt und das erlaubt mehr Artikulation und ein viel detailreicheres Spiel.

STOL: Ist das Interesse an der Alten Musik heutzutage eigentlich noch groß?

Pramsohler: Die Szene ist klein, das Interesse steigt jedoch zunehmend. Es gibt immer mehr Barockmusiker, insbesondere da in den vergangenen 20 bis 30 Jahren die Barockmusik neu entdeckt wurde. Zuvor spielte man sie auf modernen Instrumenten, ohne näher zu überlegen, was sich der Komponist bei seinem Werk wohl gedacht haben mag bzw. ohne zu überlegen, was die Barockmusik für eine Aufgabe hat, wie sie funktioniert. Das kommt heute Gott sei Dank immer seltener vor.

STOL: Wie sind Sie zur Barockmusik gekommen?

Pramsohler: Das Interesse dafür ist langsam in mir gewachsen. Obwohl mir sowohl meine Eltern als auch meine Professoren am Konservatorium immer wieder sagten, dass ich ein Talent für Barockmusik hätte, sträubte ich mich zunächst dagegen. Der Barockmusiker war für mich kein erstrebenswertes Idealbild: Vor zwanzig Jahren waren diese meistens Gesundheitstypen, Müslifresser mit Vollbart in Birkenstock, die recht wenig draufhatten und im Studium oder mit ‚späterem’ Repertoire nicht sehr erfolgreich waren. Deshalb war der Ratschlag zunächst alles andere als schmeichelhaft für mich.

STOL: Warum glauben Sie kam er dann?

Pramsohler: Nicht, weil ich so schlecht war (lacht). Am Bozner Konservatorium müssen alle Epochen gespielt werden und ich hatte eben immer den leichtesten Zugang zu Bach oder Mozart. Ich habe mich schnell in diese Musik hineinfühlen und die musikalische Rhetorik wie verlangt wiedergeben können. Trotzdem hat mich die Barockmusik lange Zeit nicht sonderlich interessiert. Erst als ich nach London ging, wurde mir sehr bald klar, dass die Barockmusik tatsächlich das Richtige für mich ist.

STOL: Was war ausschlaggebend für die Karriere: Kindheitstraum Musiker oder ein einschneidendes Erlebnis?

Pramsohler: Weder noch, es war vielmehr ein Lauf der Dinge: Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie, in der jeder entweder singt oder ein Instrument spielt. Musik hat somit immer schon eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Es war dann aber nicht so, dass ich mit fünf Jahren lautstark verkündete, Geige spielen zu wollen. So wie andere Kinder in den Fußballverein geschickt werden, haben mich meine Eltern mit sechs Jahren für den Geigenkurs in der Musikschule angemeldet.

STOL: Warum ausgerechnet Geige?

Pramsohler: Mein Vater spielt Klarinette und er hat zu uns Kindern immer wieder gesagt: „Wenn ihr ein Instrument lernt, dann bitte kein Blasinstrument“. Ihn haben Streichinstrumente, besonders die Geige, seit jeher fasziniert und vor allem hat er bei seinen Orchestertouren des Öfteren beobachten können „dass die Geiger nach den Aufführungen sehr schnell weg sind, wir Klarinettisten aber immer noch dasitzen und eine halbe Stunde ihr Instrument putzen müssen“. Vor dem wollte er mich wohl bewahren…

STOL: Und dann?

Pramsohler: Und dann habe ich über mehrere Jahre hinweg die Musikschule besucht. Während für meine Freunde in der Musikschule bereits damals feststand, dass ich einmal auf dem Bozner Konservatorium landen würde, war das für mich völlig abwegig und ich erklärte sie für verrückt. Musik war für mich lange Zeit eine angenehme Begleiterscheinung, aber sicher nicht mein Hauptinteresse. Nach der Mittelschule habe ich für zwei Jahre die Gewerbeoberschule in Brixen besucht und bin dann mit 16 Jahren nach Bozen, um dort die Gewerbeoberschule mit Fachrichtung Elektronik zu besuchen. In Bozen habe ich mich dann auch, mehr oder weniger nebenher, am Konservatorium angemeldet. Erst im Maturajahr interessierte mich die Schule immer weniger, dafür aber die Musik umso mehr. Es hat sich dann also umgedreht: Die Matura habe ich so nebenher gemacht, während mein Hauptaugenmerk auf dem Musikstudium lag, das ich zwei Jahre später abschloss.

STOL: Sind Sie sofort nach London?

Pramsohler: London war immer schon mein großer Traum, nicht einmal so sehr wegen der Musik. Nachdem ich das Bozner Konservatorium beendet hatte, habe ich mich an der „Guilhall School of Music and Drama“ bei Jack Glickman beworben und wurde aufgenommen. Damit war der Weg nach London geebnet. Ich muss sagen, diese Stadt hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie die Welt eigentlich so funktioniert. Denn plötzlich musste ich alleine zurechtkommen, ohne immer gleich auf die Basis „Daheim“ zurückgreifen zu können. Nach zweieinhalb Jahren bin ich dann aus Studiengründen nach Paris.

STOL: Welche Eindrücke haben Sie von London mitgenommen?

Pramsohler: London war super. Wenn diese Stadt nicht so extrem teuer wäre, würde ich gerne irgendwann zurückkehren. In London brodelt alles nur so von neuen Ideen, alles pulsiert und bewegt sich. Jeden Tag bekommt man Neues präsentiert. Auch die Leute sind immens interessant. Jeder arbeitet an sich, versucht sich weiter zu entwickeln und sich zu profilieren. Das ist in Paris ziemlich anders: Dort zählen Life-Style, gutes Essen, schicke Kleidung, das Sehen und Gesehen werden. Die Stadt brodelt aber nicht. Auch was das multikulturelle Leben betrifft, hinkt Paris ziemlich nach. In London sind Ausländer integriert, in Paris hingegen immer noch isoliert. Ich wohne hier in Paris in einem Viertel mit ziemlich vielen Indern und Schwarzen zusammen und die nehmen am gewöhnlichen französischen Leben kaum teil. Es ist mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander, was ich persönlich als sehr schade empfinde. Auch wenn ich jetzt in Paris wohne, ist es nach London nur ein Katzensprung. Wenn ich für Konzerte oder um Unterricht zu nehmen nach London muss, setze mich am Morgen in den Zug, und kehre am Abend wieder zurück nach Paris. Es sind ja nur zwei Stunden Fahrt.

STOL: Sie waren Anfang 20, als Sie Südtirol verlassen haben. Ist Ihnen die Umstellung auf das Ausland schwer gefallen?

Pramsohler: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich relativ schnell zurecht gefunden und wohl gefühlt. Ein paar Hürden gab es trotzdem, das stimmt: London kann extrem bürokratisch sein. So hat es unglaublich lange gedauert, bis ich endlich ein Bankkonto und einen Telefonvertrag erhielt. Willst du ein Bankkonto, brauchst du einen Telefonvertrag. Willst du einen Telefonanschluss, brauchst du ein Bankkonto. Das war schon absurd. Damals hat es mich gestresst, heute schmunzle ich darüber. Auch der Einstieg in die Hochschule war einschneidend bzw. eine ziemlich große Umstellung im Vergleich zum Bozner Konservatorium: Die Hochschule in London ist wahnsinnig professionell organisiert und verlangt den Musikern einiges ab. Alles funktioniert wie an einem Arbeitsplatz: Unpünktlichkeit, fehlender Fleiß, schlechte Leistung werden bestraft und zwischen den Studenten herrscht große Konkurrenz. Aha-Erlebnisse hatte ich zu Beginn auch mit der Sprache: Eigentlich war ich davon überzeugt, ziemlich gut Englisch zu sprechen. Dem war dann nicht immer so, einige Mal war es nur Gestammel (lacht) und Grübel, Grübel…

STOL: Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie bereits Konzertmeister sind. Eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Pramsohler: Ja, das ist sie. Besonders weil der Konzertmeister im Barockorchester nicht nur zwischen Dirigent und Orchester kommunizieren muss, sondern oft auch das Orchester eigenständig leitet. Viele Barockorchester musizieren ohne Dirigent. Um Konzertmeister zu werden, muss man sich jedoch nicht unbedingt hocharbeiten, sondern eher der Typ dafür sein. Nicht jedem liegt diese Rolle.

STOL: Wie muss ein Konzertmeister denn sein?

Pramsohler: Er muss gut kommunizieren können und sich mit den Orchestermitgliedern und dem Dirigenten gut verstehen. Ein bisschen Psychologe sein schadet auch nicht, denn der Konzertmeister ist verantwortlich dafür, dass sich jedes Orchestermitglied wohl fühlt. Wichtig ist auch eine klare Körpersprache, damit jeder im Orchester sofort weiß, was er zu tun hat. Er muss auch immer eine klare Vorstellung vom Musikstück haben und das Werk in allen Details kennen.

STOL: Wird das Orchester eigentlich zu einer Art Ersatzfamilie oder versucht man in der Freizeit bewusst Abstand von seinen Orchesterkollegen zu halten?

Pramsohler: Eher Abstand zu halten, ich jedenfalls. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit unterschiedlichen Orchestern unterwegs bin und damit immer wieder auf andere Kollegen treffe. Aber mir fällt schon auf, dass ich ganz bewusst versuche – auch auf Tourneen – mein eigenes Leben weiterzuleben und mich nicht zu fest an die Orchesterkollegen zu binden. Ansonsten würde ich das wahrscheinlich nicht aushalten, weil es mir zuviel werden würde. Da ich ja mit vielfach jungen Orchestern unterwegs bin, sehe ich viele meiner Kollegen jeden Tag on tour. Für sie zählt vor allem der Spaß. Spaß ist wichtig, keine Frage, ich klinke mich dann aber irgendwann aus und gehe meine eigenen Wege.

STOL: Wie viele Stunden verbringen Sie mit dem Orchester auf einer Tournee?

Pramsohler: Ungefähr sechs Stunden zwischen Orchesterprobe und Konzert. Das eigenständige Üben kommt dann noch hinzu.

STOL: Wie viele Stunden am Tag üben Sie eigenständig?

Pramsohler: Kommt drauf an, wie viel Zeit ich habe. Auf einer Tournee muss mindestens eine Stunde drin sein. Wenn ich zu Hause bin, übe ich dann mindestens vier Stunden, die rasend schnell vergehen. Eine Stunde ist nichts. Ich teile mir die Probezeit dann meistens in Abschnitte ein: zuerst Technik (Finger- und Bogenübungen), dann Solostücke, dann Werke, die ich gerne spielen würde oder eben meine Hausaufgaben, da ich ja noch privaten Unterricht in London nehme. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich auch mit dem absolut notwendigen Studium von Quellen und dem Lesen von Büchern und Traktaten über die Werke, die ich spiele oder die Epoche, die mich zurzeit interessiert.

STOL: Ist es ein lebenslanges Lernen, oder ist man irgendwann perfekt?

Pramsohler: Was ist perfekt? (lacht) Wenn man sich auf lebenslanges Lernen einstellt und sich für einen nicht endenden Lernprozess öffnet, dann ist das sicher in jedem Beruf von Vorteil. Man muss als Musiker schon immer ‚am Ball bleiben’ und seine Technik erhalten, damit man sich immer auf seine Finger und das Gehirn verlassen kann. Als junger Musiker hat man meistens noch ein Vorbild, dessen Niveau man gerne erreichen würde. Dies nur zu wollen ist aber zu wenig, da hilft eben nur üben, üben, üben… Diese Vorbilder sind wie ein Energiekick und super für die Motivation.

STOL: Wer ist Ihr Vorbild?

Pramsohler: Ein Vorbild ist mir sicherlich meine Lehrerin Rachel Podger, bei der ich zur Zeit Privatunterricht nehme. Sie ist eine der gefragtesten und berühmtesten Barockgeigerinnen. Sie besitzt eine unglaublich brillante Technik und eine wunderbar natürliche Musikalität. Ein weiteres ganz großes Vorbild ist Reinhard Goebel. Wenn jemand einen Barockgeiger kennt, dann ihn. Er ist der ganz große Vorreiter, Bezugspunkt und Autorität in der Barockmusikszene. Mit ihm bin ich seit ein paar Monaten in persönlichem Kontakt. Seit November habe ich die Ehre, auf seiner Geige zu spielen.

STOL: Und wer ist Ihr Lieblingskomponist?

Pramsohler: Johann Sebastian Bach. Mich fasziniert, wie er sein Leben unbeirrt einer Idee unterwarf: musikalische Vollkommenheit zu erreichen und die Grundlagen aller Musik zu schaffen. Bach war unglaublich kühn, nie akzeptierte er Beschränkungen, er reizte die technischen Möglichkeiten aller Instrumente und der menschlichen Stimme bis ins nahezu Unmögliche aus. Und dabei fließt seine Musik immer mit einer Selbstverständlichkeit, die Geist und Seele im Innersten anspricht. In unseren Kreisen sagt man oft: „An Gott glauben nicht alle Musiker, an Bach schon“.

STOL: Wie ist das Musikbusiness in der Barockbranche: hart, aber herzlich oder doch knallhart?

Pramsohler: Konkurrenz gibt es, aber gesunde. Während sich die einzelnen Musiker im Bereich der Klassik oft gegenseitig auszuschalten versuchen, ist es bei uns Barockmusikern noch so, dass wir uns gegenseitig versuchen zu pushen. Konkurrenz gibt es auch bei uns, natürlich, dennoch ist es meistens ein Miteinander statt einem Gegeneinander. Ich hoffe, dass es so bleibt, denn der Barock-CD-Markt boomt zur Zeit, im Gegensatz zum Klassik-Markt, der bereits seit einigen Jahren stagniert.

STOL: Boomt der Barock-CD-Markt nur in Insiderkreisen, oder spricht er auch die breite Masse an?

Pramsohler: Die ganz große Nachfrage gibt es in den Liebhaberkreisen, aber Sängerinnen wie Cecilia Bartoli oder der Barockgeiger Andrew Manze finden auch bei Otto Normalkäufer steigenden Absatz. Sie sind mittlerweile so etwas wie Pop-Ikonen der Barockbranche. Die Tendenz ist generell dahingehend, Barockmusik zu kaufen, die auf Originalinstrumenten gespielt und aufgenommen wird, was für uns natürlich sehr erfreulich ist. Ich mache mir im Moment keine Sorgen, dass es schwierig werden könnte.

STOL: Was macht die Barockmusik eigentlich so besonders?

Pramsohler: Die Barockmusik hat eine ganz besondere Aufgabe: Während ein Großteil davon Tanzmusik ist, ist der Rest ganz eng mit Sprache verbunden. Vor 1600 sah man Musik als sozusagen komponierte Poesie an: Man vertonte Texte so, dass sich die Stimmung und die Atmosphäre in der Musik widerspiegeln kann. Im Barockzeitalter kam man dann auf die Idee, die Sprache selbst zur Grundlage zu machen und den Text nahezu Wort für Wort mit Musik genau auszudeuten. Barockmusik imitiert also Sprache, sie drückt musikalisch das aus, was in einem Text steht. Kommt darin Schmerz vor, dann wird ein Akkord gespielt, der sehr schmerzvoll klingt; wird hingegen der Himmel beschrieben, dann wählt die Barockmusik helle, fröhlich klingende Töne und eine nach oben steigende Melodie. Es ist eine sprechende Musik, die eine imaginäre Geschichte erzählt.

STOL: …und sehr gefühlvoll ist?

Pramsohler: Ja, eigentlich schon. Die Barockmusik ruht auf einem enormen Regelsystem von Figuren, das genauestens festlegt, welches Gefühl z. B. mit welcher Tonart ausgedrückt wird. Ich spiele letztlich musikalische Rhetorik, die ganz eng an Affekte gekoppelt ist, um menschliche Gemütszustände aufzuzeigen. Und diese Musik wechselt irrsinnig schnell zwischen Fröhlichkeit, Trauer und Schmerz, weshalb der Barockmusiker immer ganz schnell zwischen den einzelnen Gefühlen umdenken muss.

STOL: Verarbeiten Sie dabei auch eigene Gefühle?

Pramsohler: Nein. Ich beschränke mich darauf, die Musik so zu interpretieren, wie es sich der Komponist gedacht hat, also die in der Musik verarbeiteten Gefühle und Affekte wiederzugeben. Eigene Gefühle versuche ich außen vor zu lassen. Schlussendlich ist das dann aber immer eine Verbindung von vielen Faktoren: eigene Gefühle und Erfahrungen, die geschriebene Musik, die Mitspieler und deren Gefühle und Auffassung vom Musikstück…

STOL: Zumindest früher ist der Beruf des Musikers als brotloser Job beschrieben worden. Hat sich das geändert?

Pramsohler: Er kann auch heute noch brotlos sein, vor allem dann, wenn man noch nicht Teil jenes Kreises ist, in dem sich Vieles verselbstständigt. Das Schwierige ist, in diesen Kreis zu hineinzukommen. In meinem Fall ist es so, dass ich für eine Tournee von ein bis zwei Wochen relativ gut verdiene, dann aber mit diesem Geld auch Pausen überbrücken muss, denn ich arbeite nun mal nicht jede Woche im Jahr. Das Wort Tournee klingt für die meisten Menschen spannend, abwechslungsreich und bewegt. Kaum jemand kann sich aber vorstellen, dass Tourneen auch unheimlich zehren. Deshalb sind Auszeiten unbedingt notwendig, an denen Nichtstun, nur Proben und wenig Stress auf der Tagesordnung stehen.

STOL: Waren Sie nie auf Studentenjobs angewiesen, um zu „überleben“?

Pramsohler: Ich habe Super-Eltern, die mich wahnsinnig unterstützen, auch finanziell. Als ich nach London gegangen bin, habe ich vom Land und von der EU ein Arbeitsstipendium erhalten. Ohne wäre es niemals gegangen: Die Kostenvoranschläge, die ich damals einreichen musste, schwankten zwischen 40.000 und 50.000 Euro. Englands Schulen sind unvorstellbar teuer. Allein die Studiengebühren betrugen in meinem Fall 15.000 Euro im Jahr. Ohne Unterstützung hätte ich das niemals geschafft.

STOL: Wie viel kostet eine Barockvioline?

Pramsohler: Viel, sehr viel – eigentlich zu viel, bedenkt man, dass Musiker ja im Allgemeinen längst nicht so viel verdienen wie Leute in anderen Berufen. Ich habe mich vor einigen Tagen zum Kauf von Reinhard Goebels Geige entschieden. Es handelt sich dabei um ein ganz außergewöhnliches Instrument von Pietro Giacomo Rogeri, 1713 in Brescia gebaut. Ungefähr 150.000 Euro muss ich dafür hinblättern – bezahlen kann ich das nicht, weshalb ich zur Zeit auf fieberhafter Suche nach Gönnern und Sponsoren bin, die sich für Musik begeistern und an mich glauben.

STOL: Was ist für einen Berufsmusiker wichtiger: Disziplin oder Talent?

Pramsohler: Disziplin ist das Wichtigste. Auch wenn jemand noch soviel Talent hat, wird er es ohne Üben nie soweit bringen wie mit Disziplin. Ich kenne einige, die zwar nicht so musikalisch sind, aber durch diszipliniertes Üben sehr weit gekommen sind. Andere wiederum, die ein außergewöhnliches Talent haben, glauben, nicht üben zu müssen und bleiben dann stecken. Gleichzeitig ist es nicht leicht, diese Disziplin immer aufzubringen – auch für mich nicht. Seit ich die Entscheidung für die Barockmusik getroffen und ein konkretes Ziel habe, ist das Üben keine Last mehr, sondern mein Beruf, mein Hobby und meine Leidenschaft. Denn mit dem was ich eigentlich am liebsten tue, verdiene ich nun auch mein Geld.

STOL: Ist Paris mittlerweile so etwas wie eine zweite Heimat für Sie geworden?

Pramsohler: Ja, Paris ist meine zweite Heimat geworden bzw. zur Zeit meine Heimat. In den Tourneepausen reise ich beispielsweise immer nach Paris und nicht mehr nach Südtirol zu meinen Eltern. In Paris habe ich meine Wohnung, mein Zuhause. In London hatte alles WG-Charakter. London war meine Studentenstadt. Obwohl ich zur Stadt einen besonderen Bezug habe, bin ich als Musiker in Paris besser aufgehoben. In London ist ein Musiker nämlich schlechter angesehen als ein Busfahrer. Das ist mitunter ein Grund dafür, warum die meisten Musiker in London am Rande der Existenz leben. Paris besitzt hingegen ein soziales System, das eine Unterstützung für Musiker in „Ruhephasen“ vorsieht: also für Zeiträume, in denen Musiker nichts verdienen, weil sie nicht auf Tournee sind und zu Hause üben müssen.

STOL: Hat Paris noch weitere Vorteile im Vergleich zu London?

Pramsohler: Paris ist viel ruhiger als London, viel dörflicher, was jetzt sicherlich im Vergleich zu Südtirol etwas merkwürdig klingt. Man kann fast alles zu Fuß zurücklegen, das Essen ist viel besser als in London. Unmittelbar neben meinem Haus gibt es einen Markt, wo ich täglich frisches Gemüse finde. Das sind kleine Details, die mir aber sehr viel geben. Alles ist viel „nationaler“, französischer eben. Man findet Käse- und Weingeschäfte, typische Bäckereien. In London gibt es nur mehr Einkaufszentren. London ist international, Paris ist national. Unglaublich schön sind Spaziergänge an der Seine. Jedes Mal wenn ich von einer Tournee zurück nach Paris komme und an der Seine spazieren gehe, an Notre Dame und am Eiffelturm vorbei, spüre ich wieder, wie toll es ist, in einer so faszinierenden Stadt zu leben.

STOL: Haben Sie einen Geheimtyp für Paris-Touristen?

Pramsohler: Jeder, der sich in Paris aufhält und sich auch nur ein bisschen für Musik interessiert, sollte in die Oper gehen. Die Aufführungen sind sensationell, die Inszenierungen sehr modern.

STOL: Für Popmusiker ist Werbung das halbe Leben. Wie wichtig ist die „Vermarktung“ für Barockmusiker?

Pramsohler: Eigentlich das Um und Auf, vor allem wenn man sich (noch) keinen Agenten leisten kann. Meine Homepage ist meine Visitenkarte. Am Anfang bin ich mir fast ein bisschen überheblich vorgekommen: Eigentlich war ich noch so gut wie unbekannt, hatte aber schon eine professionelle Homepage. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass das so richtig ist. Will man gebucht werden, braucht es auch einen guten Auftritt. Viele Agenten oder Konzertbesucher schauen mehr auf die Homepage bzw. auf die Eigenvermarktung des Musikers, als auf die Musik, die er spielt. Diese „Eigenvermarktung“ kostet auch Zeit: Ich verbringe Stunden am Computer, um E-Mails zu beantworten, Termine auszumachen usw. Eine Sekretärin wäre nicht schlecht (lacht).

STOL: Was hat Ihnen die Musik bisher gegeben?

Pramsohler: Wenn ich übe, entfliehe ich in einen eigenen Raum, fern des Alltages. Ich schalte dann einfach ab und lebe in der Traumwelt der Musik. Nichts anderes ist dann mehr wichtig. Das ist wunderbar.

STOL: Welche Art von Musik hören Sie privat?

Pramsohler: Ich höre meist das, was ich spiele, also Barockmusik und klassische Musik im Allgemeinen. Ich stöbere oft in Musikgeschäften nach alten Aufnahmen, die 20 oder 30 Jahre alt sind, um dann aber auch nach klassischen CD’s zu greifen, die neu sind.

STOL: Können Sie sich an ein besonders tolles Erlebnis in Ihrer bisherigen Karriere erinnern?

Pramsohler: Ich hab soviel Schönes erlebt, an das ich mich gern zurückerinnere. Da ich grundsätzlich positiv eingestellt bin, fällt es mir auch nicht schwer das Schöne zu sehen. Sicherlich gehört aber mein „Auswandern“ nach London zu einer der schönsten Erfahrungen: Ich kann mich noch gut an mein Ankommen erinnern: Es war Herbst, in London herrschte wunderbares Wetter und ich fühlte mich in der Stadt sofort wohl und heimisch. Es war der Aufbruch in ein neues Leben, der mich bisher nicht enttäuscht hat.

STOL: Hat Sie das Ausland verändert?

Pramsohler: Ich bin sicherlich offener und erfahrener geworden. Das Leben im Ausland hat meinen Blick auf Südtirol verändert…

STOL: Was sagen Sie zum Südtiroler Musikangebot?

Pramsohler: Es ist sicherlich nicht schlecht, aber es könnte vielschichtiger sein. In Südtirol ist alles ein bisschen festgefahren, sowohl was die Politik als auch die Kultur betrifft, denn wenige Leute regeln alles. Was mich ein bisschen stört, ist, dass einige Prestigeprojekte tatkräftig unterstützt werden, obwohl sie eigentlich keinen großen Beitrag für eine echte Kultur in Südtirol leisten. Kleinere, einheimische Unternehmungen ziehen dann manchmal den Kürzeren und das ist schade.

STOL: Bereitet das Bozner Konservatorium gut auf eine Musikerkarriere vor?

Pramsohler: Es kommt auf den Lehrer drauf an. Einige bereiten gut vor und einige kümmern sich kaum um ihre Studenten. Das Bozner Konservatorium hat noch nicht verstanden, dass es sich viel besser vermarkten könnte, sprich ähnlich wie die Uni Bozen mit einem Super-Standort, der zwei Kulturen in sich birgt – einerseits die italienische Lebenslust, andererseits die deutsche Organisation.

STOL: Fällt Ihren Orchestermitgliedern dieser Mix an Ihnen auf?

Pramsohler: (lacht) Sie werden sich wundern, aber ich werde tatsächlich andauernd gefragt, woher ich denn nun komme. Ich sage dann immer: „Hast du ein wenig Zeit, denn die Antwort könnte etwas länger ausfallen“. Denjenigen, den es dann wirklich interessiert, erkläre ich die Südtiroler Geschichte gerne etwas genauer. Vor allem die italienischen Musikerkollegen kommen immer auf mich zu und sagen „sei italiano!“ Als Italiener gebe ich mich aber nicht aus. Ich sage immer, dass ich zwar einen italienischen Pass habe, letztlich aber Südtiroler sei. Also weder Italiener noch Österreicher oder Deutscher, sondern Südtiroler.

STOL: Welchen Ratschlag würden Sie jungen Musikern geben, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten?

Pramsohler: Sich ein Ziel zu setzen und dieses mit aller Willensstärke zu verfolgen, denn dann sind die Chancen groß, das Ziel zu erreichen. Das klingt jetzt natürlich einfach, vor allem wenn man bereits ein Ziel hat. Aber ich rate jedem, so schnell wie möglich heraus zu finden, was er will, was er anstrebt in seinem Leben, um dann daraufhin zu arbeiten. Jeder sollte sich selbstständig in Frage stellen und immer für eine Verbesserung offen sein. Was ich auch immer wieder mache, ist, über den bisherigen Lebensweg zu reflektieren: Ob das was man bisher erreicht hat, auch das ist, was man angestrebt hat. Jeder sollte den Mut haben evtl. auch mal bereits Begonnenes abzubrechen, sich zu ändern – vor allem dann, wenn man nicht mehr zufrieden oder glücklich ist.

STOL Ist das auch Ihre Lebensphilosophie?

Pramsohler: Ja, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass wir uns manchmal in Details verlieren, die letztlich überhaupt nicht wichtig sind und damit das Wesentliche aus den Augen verlieren. Das gilt für alle Lebensbereiche: egal ob in einer Beziehung oder im Beruf.

Interview: © Johanna Gasser

(Dieses Interview wurde mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung im “Blog Diskussionsforum J.S. Bach und Cantata Pilgrimage 2000″ durch Südtirol Online am 10.01.2008, dem Betreiber erteilt, womit ich an dieser Stelle nochmals meinen Dank an “Südtirol Online” ausspreche!)

Grüße

Volker

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