Alles, nur nicht „runtergeruttert“ – Chorkonzert in Bocholt

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Am 03.10.09, der ja dieses Jahr unpraktischerweise auf einen Samstag gefallen ist, mache ich mich aus dem bergischen Land auf in die charmante Kleinstadt Bocholt, nahe der holländischen Grenze. Meine Freundin singt dort seit einiger Zeit in einem guten Chor, von dem sie ziemlich begeistert ist. Ehrensache, dass wir zum Konzert fahren um sie zu unterstützen, wir sind natürlich auch neugierig, auf den Chor, den Chorleiter Max Kuon, die Literatur und die Sängerschar.

Wenn man moderne Literatur singt, warum muss man sich immer dafür entschuldigen? Meine Freundin kündigt das Ganze im Vorfeld etwas negativ als eine Kitschorgie (das sind meine eigenen Worte) an und auch der  Vorredner, der die Konzerteinführung hält, möchte dem Publikum die Angst vor einem im Kopf verhafteten atonalen Desaster nehmen. Dabei ist gerade moderne Chorliteratur oft sehr bereichernd und öffnet neue Türen für das Altbekannte.

Englischer Komponist John Rutter in 2006

Englischer Komponist John Rutter in 2006

Der Hauptschwerpunkt liegt auf John Rutter, der mit Stücken aus dem Magnificat, Gloria , Requiem und dem Psalmfest vertreten ist. Rutter wurde 1945 geboren und wenn man Wikipedia Glauben schenken darf, lebt er auch noch. Er sieht so ein bisschen aus wie Kurt Masur nur ohne Bart aber mit Ganzkörperbrille. Selbst wenn man ihm vorwirft, Kaufhausmusik gemacht zu haben, auf diese geistlichen Gesänge mit Klavierbegleitung trifft das auf keinen Fall zu. Es ist rythmisch absolut anspruchsvoll und verlangt konsequentes Durchzählen.  Der Chor, der Kammerchor Westfalen (warum haben gute Chöre immer so nichtssagende Namen?) ist wirklich eine Klasse für sich, er klingt sehr homogen, reagiert gekonnt auf das präzise Dirigat von Max Kuon und ist immer präsent. Die Sänger sind erfahren, ein das Alter betreffend recht gemischter Haufe. Lediglich in schwindelerregender Höhe hört man im Sopran mal einen Hauch von Giesskanne (schepper). Besonders genossen habe ich die wahnsinnig spannungsgeladenen Pianissimo-Stellen, die einfach fantastisch diszipliniert und schwergewichtig waren. Im Piano offenbart sich halt die wahre Qualität.

Die Stücke aus dem Requiem sind zuckersüß und haben nichts von der Finsternis anderer Vertonungen, sondern ihr zarter Lichtglanz ist ein freudiges Loslassen der Seele in die andere Welt, während man selbst im Diesseits auf ihr Wohlergehen ein leckeres Sektchen trinkt und Streuselkuchen isst. Was mag Herr Kuon dabei empfunden haben, er, der selbst eine schwere Erkrankung hinter sich gelassen hat?

Die anderen Stücke der anderen Kollegen wie Ravel, Fauré, Langlais und Whitlock, versprühen eine ähnliche Stimmung wie Rutter, bedienen sich aber weniger Divertiermelodien, sondern verwenden Stilelemente vergangener Epochen und beschwören so eine Art modernen Mystizismus herauf. Absoluter Höhepunkt ist auch leider das letzte Stück, „Totus tuus“ von Górecki. Der Chor trägt das Stück in 2 aneinander gereihten Zirkeln ähnlich einer 8 vor, oder sollte diese Aufstellung das mathematische „Unendlichkeitszeichen“ symbolisieren? Draußen stürmt es, während die getragenen Klänge und die Rufe nach Maria in der warm erleuchteten, modernen Kirche St. Paul mit der Stille verschmelzen und das wohlige Gefühl vermitteln, dass man im Herbst angekommen ist.

Geschafft!

Dass die Bedenken am Anfang für diese Musik überflüssig waren, zeigt der begeisterte Applaus für ein ungeheuer berührendes und persönliches Konzert. Wir sind froh, in Bocholt dabei gewesen zu sein, anstatt in Saarbrücken oder am Brandenburger Tor.

Liebe Grüße Claudia

Für weitere Infos: www.kammerchor-westfalen.de

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4 Gedanken zu „Alles, nur nicht „runtergeruttert“ – Chorkonzert in Bocholt

  1. Volker

    Hallo Claudia,

    das haben wir unter uns noch nicht gehabt, moderne Chorliteratur zur Diskussion zu stellen, dafür danke ich Dir, denn dein Beitrag ist fantastisch gelungen und öffnet in uns eine neue Sichtweise – z.B auf den zeitgenössischen Komponisten „John Rutter“ – der auch Kompositionen für die „King-Singers“ geschrieben hat. Rutter lebt noch und ist unter uns….!!

    Überschwenglich gelobt wird von John Rutter sein Requiem, dass er aus Anlass des Todes seines Vaters in 1985 komponiert hat, hier stand Faurés Requiem von 1888 Pate und bezog daraus seine Schlüsse zur Verwirklichung seines Werkes.

    Ich bin einmal auf die Amazon-Seite gegangen und wurde überrascht, wie viele Einspielungen von Rutter angeboten werden.

    Link mit teilweise zur Verfügung gestellten Hörproben nachstehend:

    Link: http://www.amazon.de/s/?ie=UTF8&keywords=john+rutter&tag=googhydr08-21&index=music&hvadid=2630094321&ref=pd_sl_n986ghfz2_b

    Eine Abqualifizierung der Werke von John Rutter ist immer eine persönliche Geschmackssache. Manche Protagonisten meinen: „Grässlicher, künstlich-süsser Pop-Kitsch“ aber, – Rutter hat einen sehr eigenen Stil mit großer Breitenwirkung geschaffen und er weiss immer mit einigen rhytmischen und harmonischen Finessen die breite Masse zu überraschen…… populär-klassisch komponierte Werke, die auf Anhieb mit Kadenzharmonik und wunderbar einprägsamen Melodien zu gefallen wissen.

    Der Hörer gerät teilweise in einen Trance-Zustand – so in seinem Requiem -, die Kompositionen sind leicht und verständlich geschrieben und erreichen den heutigen Hörer und das ist es doch, was seine Werke so auszeichnet…!!

    @Claudia, danke, dass Du uns mit John Rutter wachrüttelst und mit einem modernen Komponisten uns konfrontierst. Rutters leichte, gefällige und nicht sehr tiefgründige Musik passt genau in unsere heutige Zeit..!!

    Lieben Gruß
    Volker

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  2. Claudia

    Danke Dir für das schöne Feedback. Würde R. jetzt nicht gegen meinen geliebten Bach eintauschen, aber diese Stücke waren wirklich phantastisch. Wir haben mal im Kirchenchor „Schau auf die Welt“ (Look at the world) gesungen, das entspricht wirklich diesem Kitsch-Pathos oder Sacro-Pop-Klischee. Leider wurde diese olle Kamelle dann zu allen Gelegenheiten rangekramt und hat Begeisterungsstürme beim Publikum ausgelöst. Ich dagegen konnte mich nach der 50.000sten Wiederholung nur schwer dem Brechreiz erwehren.

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  3. Iris

    Hallo, Claudia,
    das Rutterkonzert muss ja toll gewesen sein. Beim Lesen Deines lebendigen Berichtes beschleicht mich der blanke Neid. Ich habe bisher kaum etwas von Rutter gehört und werde diese Musiklücke spätestens am 29.11. schließen. Die Kirchengemeinde Obernbeck hat eine super Kantorin, die sich an das Magnificat wagt. Ich bin gespannt drauf und werde auf jeden Fall das Konzert besuchen und davon berichten.
    Lieben Gruss
    Iris

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