RUHR2010 Teil VI: Neues Museum im Ruhrland

Ruhrland Museum auf Zollverein

Heute haben wir mit Freunden das neue Ruhrlandmuseum auf Zollverein besucht. Das Wetter zeigt sich von seiner „musealen Seite“ (es regnet in Strömen), so dass wir draußen auch nichts verpasst haben. Pünktlich um 10.00 Uhr morgens öffnet die große Rolltreppe, die orange beleuchtet ist wie ein Strom Roheisen im Inneren des Hochofens, ihre Tore und läßt uns in den Bauch der ehemaligen Kohlewäsche. Ein riesiger großzügiger Empfang lädt ein. Bereiche der Waschanlagen, die früher mit Führung schon zugänglich waren, wurden in die neue Architektur des Stuttgarter Architekturbüro HG Merz integriert.

Die beeindruckende Lichttreppe

Zuerst betritt man den Gegenwartsbereich, der auf einer Fotoaussstellung und Kuriositätensammlung bestimmte Klischees und Realitäten des Ruhrgebiets beleuchtet, wie z.B. die Schrebergartenmentalität, Feinripp und Würstchengrill, Migrationsghettos, Proletentum mit getunten Mantas usw. Es ist so ein bisschen ein Brainstorming aus gesammelten Werken aus dem Wirtschaftswunder, Geologischen Fünden und einer derben Sprach- und Esskultur, die Puzzleteile zum Mythos Ruhrgebiet liefern sollen. Da stellt einer seine SA Spielfiguren zur Verfügung, Bergmannsuniformen, ein Fuchssschwanz vom Manta, 60-er Jahre Geschirr („der Teller is´ egal, Hauptsache ´nen Kotlett drauff“) es fehlen aber auch nicht „Sargdeckel“ (riesige Gesteinsbrocken, die am Ende eines Flözes oft zu schweren Unfällen geführt haben) oder stumme Migranten, bestimmte Pflanzen, die sich nach der Stilllegung ihr Territorium wieder zurückerobert haben. Es läßt schmunzeln und macht manchmal auch nachdenklich.

Wollhaarnashorn

Im „Gedächtnisbereich“ geht es dann um Fakten, chronologisch wird (in toller Präsentation!!!) die Entstehung der Kohle im Karbon mit ihren archäologischen Funden bis zur Neuzeit dargestellt. Von alt- bis jungsteinzeitlichen Funden gehts weiter über den Einfluss der Römer, das Frankenreich, die Christianisierung, Aufstreben der Städte der Ruhrregion, Bedeutung des Hellwegs und der Hanse, Engelberts Tod und seine Folgen (darüber habe ich bereits berichtet). Es schliesst an eine kleine phantastische geologische Sammlung und ein kleiner ethnologischer Teil mit afrikanischen Masken und Schrumpfköpfen aus Papua Neuguinea (naja). Dieser „Gedächtnis“-Teil hat mir gut gefallen, da vieles knapp und prägnant erklärt wurde und die Chronologie durch die einzelnen Räume vereinfacht wird. Es wird mir hierbei klar, dass das Ruhrgebiet schon vor Krupp bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht hat (Mercator…).

Portal des Gelsenkirchener Renaissanceschlosses Blick vom Renaissancetrakt in den nächsten Raum

Die dritte Ebene beschäftigt sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts,  die NS Zeit und die Bedeutung der Stahlindustrie, Bedingungen von Migranten, das normale Leben, Umweltverschmutzung, Renaturierung, Niedergang der Region, der noch nicht abgeschlossene Strukturwandel, sowie die einzelnen Produktionsprozesse über Kohleverarbeitung. Ich werde garantiert dieses Museum noch einmal besuchen und mit Ebene 3 anfangen, da wir nach 2h Informationsinput nicht mehr so richtig aufnahmefähig waren. Mir hat besonders gut die Synthese aus ursprünglich belassener Architektur, die Archaik der industriellen Anlagen und moderner Auffassung von innovativer, attraktiver Architektur gefallen, so dass der Besuch des Ruhrlandmuseums als lohnenswert eingestuft werden kann. Die Informationen waren gut veständlich, interessant präsentiert, so dass auch nichts mehr von dem muffigen Charme früherer naturkundlicher Museen bleibt. Um Zollverein herum macht sich die Gentrifizierung breit, das heisst, die prosperierende Gegend, die vormals von einem eher armseligen Malochertum geprägt war, wird von kapitalkräftigen Neubauten und einer neuen, yuppiehaften Kultur verdrängt, die von dieser Aura des Weltkulturerbes profitiert und den „Lebensraum“ für die angestammten Bewohner verteuert.

Alfred K., das alte Filzauge

Alfred Krupp, das alte Filzauge

Ich verabschiede mich mit dem Standardbild von Zollverein, vielleicht kann man auch erkennen, dass diese Architektur ein wenig einschüchtert…

LINK: www.ruhrmuseum.de

Eintritt: Erwachsene 6,-Euro

Aufwiedersehen! Fortsetzung folgt, Claudia

Aufwiedersehen!

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5 Gedanken zu „RUHR2010 Teil VI: Neues Museum im Ruhrland

  1. Volker

    Hallo Claudia,

    deine neuste virtuelle Reise vom Ruhrgebiet habe ich mit großem Interesse verfolgt, was tut sich dort an Neuem, das Ruhrlandmuseum ermöglicht so manche Einblicke, die dich ebenfalls begeistert haben, so stelle ich mir Museen auch vor, dass sie lebendig und anschaulich dem Besucher es präsentieren und nicht gähnende Langeweile aufkommen lassen.
    Wie Du schon richtig bemerkst, werden durch solche Neubauten ehemalige Brachflächen aufgewertet und der kleine Mann bleibt mit den Mietpreisen auf der Strecke, das ist die Kehrseite der Medaille, leider..!!

    Herzlichen Gruß
    Volker

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  2. Wolfgang

    Hallo Claudia!

    Auch ich verfolgte mit Interesse Deine Excursion zum neuen Ruhlandmuseum auf Zollverein und bin beeindruckt.

    Gesegneten Sonntag

    @Wolfgang

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  3. Claudia

    Hallo, ergänzend zu Volkers Links noch ein TV Tipp:
    Morgen, 01.03.10 / 23.15 Uhr kommt auf WDR eine Doku über das neue Ruhrlandmuseum.
    Claudia

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  4. Iris

    Hallo, Claudia,
    Dein Artikel macht Lust auf mehr. Ich hab` ihn mit ganz großem Interesse gelesen. Freu` mich schon auf den 1. Besuch im Museum.
    Herzl. Gruss
    Iris

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