RUHR2010 Teil VII: Zeche im Dornröschenschlaf

Die Ruine der kleinen Arbeitskapelle (das ist ja keine Kathedrahle)

Jenseits der touristischen Pfade und der „Route Industriekultur“ erkunde ich heute das Gelände der Zeche Rudolph in Heidhausen-Oefte. Was es so alles gibt! Ich unterhalte mich meiner Kundin über das journalistische Ruhr2010-Projekt: „Wir haben ja hier auch eine Zeche, Zeche Rudolph, mitten im Wald!“ Na, das wäre doch mal ein echtes Schmankerl für Euch, so ein Geheimtipp. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch eine geschlossene Schneedecke hatten, und die Zufahrt bei Schnee etwas kriminell ist, haben wir uns für heute auf eine kleine Wanderung durch den Oefter Wald verabredet. Bei strahlendem Sonnenschein und schneefreier Witterung mache ich mich auf den Weg, es riecht nach Frühling, ich höre einen Specht.  Mir fehlt ein bisschen die Orientierung. Hier soll also eine Zeche sein, alles ist zugewuchert und im Sommer muss man sich hier bestimmt durch das meterhohe Dornengestrüpp und Brennesseln seinen Weg bahnen. Meine Kundin erzählt mir, dass hier die 24-Zimmer Villa des Betreibers gestanden hat. Wie lange ist das her? Circa 80 Jahre? Da ist ja von den Stadtmauern von Jericho mehr übrig! Nur noch eine überwucherte ca. 1,00m hohe Mauer läßt es erahnen.

Reste der Zechenvilla

Der etwas matschige Untergrund führt uns tiefer in den Wald hinein, dann taucht, wie ich es nie vermutet hätte, plötzlich die Ruine des alten Maschinenhauses auf. So groß hatte ich mir diese „Zeche Eimerweise“ nicht vorgestellt und dann noch mitten in der Knüste! Casper David Friedrich hätte es nicht stimmungsvoller im Bild festhalten können. Bemooste Wurzeln schlagen sich ins Gemäuer und machen die Exkursion zu einer glitschigen Angelegenheit, alles ist wie ein großer Abenteuerspielplatz, die Sonne zaubert phantastische Effekte auf das alte Gemäuer, da den Bäumen ja noch das Laubkleid fehlt. Gegenüber der Ruine soll der Fördertum gestanden haben, ein bewachsener kleiner Hügel, das letzte Rudiment. Um das Maschinenhaus stehen Pappeln, wie ich erfahre, Zeichen des Reichtums und Wohlstandes. Auch die Pionierbäume, die Birken haben schon nach der Zechenschliessung eine stattliche Größe erreicht.

Die Ruine des Maschinenhauses

Hinter dem Maschinenhaus liegt der Schachteingang. Wer es nicht weiss, sieht es nicht, die Seiten sind abgerutscht und verschütten den Eingang, die verbleibende Öffnung (Stollenmundlöcher) ist mit einem Gitter gegen Besucher (es ist gefährlich, die Stollen zu betreten) gesichert. Hier ist das Reich der Fledermäuse, die von einer  Naturschutzgruppe betreut werden. Es ist wie, wenn man Reste einer Römerstadt oder einer fast unkenntlichen Burgruine betritt, auf den ersten Blick ist gar nichts zu erkennen! Überall liegen Backsteine herum, die aber als solche gar nicht auszumachen sind, weil sie voller Moos sind! Ein alter Luftschacht ist besser erhalten als der eigentliche Zugang, die meisten Schächte sind auch zubetoniert um Unfällen vorzubeugen, mir wird jedoch berichtet, dass die Schächte allesamt mit Backsteinen als Rundbögen ausgekoffert wurden. Ziemlich nobel, wo sonst nur Holzbalken zum Stützen verwendet wurden.

Stollenmundloch

1872 gind Rudolph in Betrieb, 1873 förderte die Zeche 2048 Tonnen und hatte 31 Mitarbeiter. Bis in 50 m Tiefe  wurde der Flöz Redlichkeit abgeteuft, allerdings stellte man bereits 1878 den Betrieb erstmals ein. 1899 wurde eine großzügige Schachtanlage mit 3 Dampfkesseln gebaut und der Schacht Wilhelm bis auf 90m abgeteuft, jedoch schon 1901 bereits wieder geschlossen (899 Tonnen / 120 Mitarbeiter). Man war auf eine Gebirgsstörung, den sogenannten „Sutan“ gestoßen. Im April 1951 reaktivierte man die Zeche wieder, aber 1966 war dann entgültig Schluss. Seither verfällt alles, das Gelände gehört heute dem Essener Bistum. Viele Strassennamen in Essen Heidhausen sind den Geschehnissen unter Tage zuzuordnen. „Auf dem Sutan“, „An der Braut“, „Sarnsbank“ usw. (Braut und Sarnsbank sind hierbei auch Namen von Kleinstzechen)

Es war eine spannende Reise in die Vergangenheit für die ich mich ganz herzlich bedanke. Wen es interessiert, es gibt eine ganze Reihe von Rundwanderwegen in Heidhausen, die noch andere Leckerbissen und bisher unbekannte Sehenswürdigkeiten preisgeben.

Bis bald, Claudia

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7 Gedanken zu „RUHR2010 Teil VII: Zeche im Dornröschenschlaf

  1. Volker

    Hallo Claudia,

    ich bin immer wieder überrascht, mit welchen Örtlichkeiten du uns im Ruhrgebiet überraschen kannst, liegt diese erwanderte Strecke in der Nähe von Essen? Das Wetter war ja gerade nicht berauschend, dafür aber wieder dein Beitrag, der uns in unbekannte Regionen gedanklich mitwandern lässt, dafür danke.

    Schönen Sonntag und Grüße
    Volker

    Antworten
  2. Claudia

    Hallo Volker, die Strecke liegt in Essen-Heidhausen, ganz im Süden. Da es sehr hoch gelegen ist und sich hier auch der höchste Punkt von Essen befindet hat man (vorausgesetzt die Sicht ist gut) einen wunderbaren Weitblick ins Ruhrgebiet.

    Gruß, Claudia

    Antworten
  3. Iris

    Hallo, Claudia,
    ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Könnten wir mal einen Blogzechentreff ins Auge fassen?
    Herzl. Gruss
    Iris

    Antworten
  4. Claudia

    Das Treffen unterstütze ich 100 %ig!! Ich mime dann den „Guide“ (Führer hört sich schon ziemlich doof an), das macht mir nämlich auch total Spaß. Wir würden dann auch eine Mischung aus Musik, Industriekultur und Geschichte machen! Freue mich, wenn das zustande käme!
    Grüße, Claudia

    Antworten
    1. torsten schmidt

      Hallo, ich bin heute erst auf diese seite gestoßen. Habe heute selbst das Maschinenhaus entdeckt und bin begeistert! Nun bin ich neugierig auf mehr und wollte fragen welche unbekannten Sehenswürdigkeiten es noch so in Essen gibt! Würde mich sehr freuen wenn mir etwas verraten wird. Schöne Grüße Torsten Schmidt

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      1. Claudia

        Hallo Hr. Schmidt,
        cool dass Sie den alten Bericht gefunden haben.
        Wenn´s um die großen Highlights geht, hat ja unser Volker schon einiges genannt. Nicht zu vergessen Zollverein mit Ruhrmuseum, Designmuseum und der Kokerei.
        Wenn´s um echte Insidertipps geht, hier ein paar
        1. Konvent der Karmeliterinnen mit St. Nikolauskirche in Stoppenberg. Kann man mit Zollverein verbinden. alles mit Öffis möglich
        2. Abteikirche Essen Werden mit Folkwangschule, ev. Kirche und Luciuskirche (älteste Pfarrkirche nördlich der Alpen)
        3. wenn Sie musikinteressiert sind und/oder Kinder haben, gibt´s im Aalto Theater eine Führung „Familien machen Oper“, super Einblicke ins Theaterleben und klasse verständlich. Am Ende gibt´s eine kleine Aufführung, das ist zum Brüllen.
        4. ein Top Highlight ist auch immer eine Führung im Essener Dom / bzw. Kombi Domschatz. Die Führung sind sehr sehr gut und es gibt wirklich viele Kunstschätze von Weltrang.
        Auch hier qualitativ hochwertiges Musikleben. (Oliver Bierhoff ist da früher Chorknabe gewesen)

        Gruß, Claudia

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  5. Volker

    Sehr geehrter Herr Schmidt !

    Danke für ihren Kommentar. Ihre Anfrage habe ich weitergereicht an ein Mitglied vom Blog Volkers Klassikseiten. Meiner Meinung nach ist der Baldeneysee, Grugapark, Krupp-Stiftung – mit dem Museum der Dynastie Krupp am Baldeneysee gelegen sehr interessant. Viel Wissenswertes aus der Industrie-Kultur mit zahlreichen Gemälden aus der Sammlung von Alfred Krupp versehen. Sehr bekannt das Folkwang-Museum. Das sind kleine Auszüge aus meinem Wisssenschaftsbereich.

    Herzliche Grüße

    Volker

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