Saul in Hamburg – Eine Sternstunde

Ich habe mein persönliches Händeljahr jetzt in Hamburg in der Laeiszhalle begonnen – mit dem Oratorium Saul.

Laeiszhalle-Konzerthalle, Hamburg

Laeiszhalle-Konzerthalle, Hamburg

Saul ist das erste große Werk, das nach dem gesundheitlichen Zusammenbruch Händels entstanden ist. Der schlichte Bibeltext wird hier hochdramatisch dargestellt, wobei der zentrale Punkt „die psychologische Darstellung der eigenen Selbstdarstellung des israelitischen Königs aufgrund der tiefen seelischen Zerrüttung“ (Laut Programmheft) ist. Hier erst einmal die Mitwirkenden:

Saul – Andrew Foster-Williams
Jonathan – James Gilchrist
David – Daniel Taylor
Michal – Malin Christensson
Merab – Lisa Milne
Hoherpriester, Hexe von Endor
– Daniel Norman (kurzfristig eingesprungen)
sowie die Chorsolisten Frederick Martin und Dantes Diwiak

Elbipolis Barockorchester Hamburg
NDR Chor
Leitung: Philipp Ahmann

Wenn ich jetzt „nur“ die Rollennamen weiterverwende, so hat das einen Grund. Diese Aufführung war so unglaublich intensiv, hatte eine solche Geschlossenheit, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie war einfach aus einem Guss. Die Sänger sangen keine Rollen, sie „waren“ Saul, Jonathan usw. Und alles, was dieses Oratorium so überreich an Emotionen zu bieten hat, brachten diese wunderbaren Stimmen zum Ausdruck.

Da war Saul, der zuerst mit sehr viel Wärme David bei sich behält und seiner Tochter zur Frau geben will und dann aufgrund der neuen Kriegserfolge eifersüchtig auf ihn wird und dabei wahnsinnig vor Wut wird.
Jonathan, der Sohn Sauls, der ungeachtet der Standesunterschiede David seine Freundschaft anträgt und dann diesen tiefen Konflikt durchleben muss zwischen dem Gehorsam seinem Vater gegenüber, der von ihm verlangt David zu töten, und der Freundschaft zu David. Welche eine Ehrlichkeit war hier zu hören. Mit wie viel Einsatz kämpft er um das Leben seines Freundes. Welch ein Glück für jeden, der einen solchen Freund zu haben.
David, der einfach lieb und gut war, sodass er nicht von dieser Welt zu sein schien. In seiner Arie „O Herr, des‘ Güte endlos ist“ beschwört er mit so viel Wärme und Süße in der Stimme Gottes Güte, dass für mich die Welt fast stehen blieb. Selbst Herzen aus Stein mussten hier aufweichen. Fragt sich, aus welchem Material Sauls Herz ist, dass er kurz danach seinen Speer auf David schleudert.
Michal, die jüngere Tochter Sauls, die auch unglaublich innig ihre Liebe zu David und ihre Trauer um Jonathan zum Ausdruck bringt.
Merab, die ältere Tochter Sauls, die voller Standesdünkel entsetzt ist darüber, dass ihr Vater sie David zur Frau geben will und sehr gehässig auf diesen Knaben niederer Geburt herabblickt. Doch auch sie findet später, wenn David mit Michal vermählt wird und und weiter sehr aggressiv von Saul bedroht wird, sehr weiche Töne des Mitgefühls, auch in ihrer Trauer um Saul und Jonathan.
Die Hexe von Endor – wie gespenstisch. Ein kalter Schauer lief über den Rücken.
All dies musste man nicht dem Textheft entnehmen, es war hörbar.

Chor und Orchester hatte zwischen Trauer, Schlachtenlärm und Jubel viel zu bewältigen und ließen sich von Philipp Ahmann mitnehmen zu einem unglaublich farbenreichen intensiven Musizieren, wo all die Emotionen, die die Solisten so überzeugend auslebten, ihren Widerhall fanden.

Wer noch ein wenig mehr über das Stück, wie Händel ungewöhnliche Orchesterinstrumente verwendet oder auch nur den Text lesen möchte, kann sich im Programmheft, das der NDR als PDF-Datei veröffentlicht hat, noch ein wenig schlau lesen.

Programmheft Saul NDR

Dieses Konzert wurde von NDR aufgezeichnet und wird am 20.2. gekürzt gesendet. Ich weiß nicht, wo sie kürzen wollen, ich möchte keine einzige Note missen.

Ein überwältigender Abend – ich bin immer noch nicht auf Planet Erde angekommen.

Barbara

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2 Gedanken zu „Saul in Hamburg – Eine Sternstunde

  1. Volker

    Hallo Barbara,

    wunderbar und anschaulich Deine Beschreibung des Konzertes in der Laeiszhalle Hamburg von dem Oratorium „Saul“ von Georg Friedrich Händel. Nun habe ich wieder etwas Neues entdecken können, das „Elbipolis-Barockorchester“ war mir noch nicht bekannt, das setzt sich wohl aus Mitgliedern aus Norddeutschland: Bremen-Hamburg zusammen?

    Du beschreibst den Aufführungs-Inhalt so perfekt, dass man sich ein Bild davon machen kann. Es waren wohl nicht alle angekündigten Gesangs-Solisten mit von der Partie, oder täusche ich mich da.

    Gestern stolperte ich bei meinem Entwurf zum „MDR-Musiksommer 2009“ wieder über Philipp Ahmann und dem Elbipolis Barockorchester, sie werden dort am 22.7.2009 in der Trinitatiskirche in Ohrdruf auftreten.

    Noch etwas in eigener Sache, das PDF-Programm funktioniert nicht richtig im Artikel, kannst Du es mir @Barbara nochmals per E-Mail zusenden oder willst Du das noch einmal in Multimedia laden und dann in den Artikel einbinden.

    Nochmals vielen Dank für den wunderbar geglückten Beitrag, davon wirst Du noch lange zeheren, es muss wieder eine Sternstunde eines Konzertbesuches gewesen sein.

    Einen schönen sonnigen Sonntag wünsche ich allen..

    Grüsse
    Volker

    P.S.
    @Barbara, deinen Beitrag habe ich auf die Hauptseite transveriert, da oben im Kopf des Forums nur Seiten stehen, die als Nachschlagewerke angedacht sind: Biographien, Fotos, J.S. Bach, u.s.w.

    Antworten
  2. Barbara

    Hallo Volker,

    ja, das Elbipolis Orchester ist noch ein ganz junges Orchester mit Musikern hauptsächlich aus Norddeutschland, sowohl was das Alter des Orchesters als auch das Durchschnittsalter im Orchester angeht und ist bekannt dafür, dass es sehr unbekümmert aufspielt. Was es an dem Abend auch bewiesen hat. Aber genauso intensiv ging es auch in die andere Richtung, wenn es wie beim Trauermarsch sehr ruhig wurde.

    Philipp Ahmann ist seit dieser Saison Chordirektor des NDR. Er hat eine beeindruckende Biographie, die im Programmheft abgedruckt ist und die ich hier nicht noch einmal aufführe. Er hat unglaublich inspirierend dirigiert und die Musiker wirklich sehr engagiert durch dieses Stück geführt. Ich habe schon vom Zusehen Muskelkater bekommen. Temperament pur. Es muss unglaublich Freude machen, unter ihm zu singen. Ich denke, diesen Namen werden wir noch öfter hören, bzw. hinhöre, wenn dieser Name fällt.

    Was die Gesangssolisten angeht – doch, alle haben gesungen. Markus Brutscher musste wegen Erkrankung kurzfristig ersetzt werden. Der Hohepriester, gesungen von Daniel Norman war sehr distanziert gesungen. Die Chorsolisten übernahmen verschiedene Rollen, hatten aber diesselbe Intensität wie alle anderen. Besonders beeindruckend hier der Geist Samuels (Frederick Martin), das war schon ein Schauer über den Rücken wert.

    Viele Grüße
    Barbara

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