RUHR2010 Teil IV: Anfang und Ende aller Kohle

Nicht nur um das „Rheingold“ ranken sich Legenden, auch die Geschichte des „schwarzen Goldes“ beginnt mit einer Sage: Im Wittener Muttental, der Wiege des Bergbaus an der Ruhr, macht im Mittelalter ein Schweinehirt (Mutten=Säue) morgens die Entdeckung, dass sein Lagerfeuer noch glühende Kohlen enthielt.

Seit 1510 wird die Kohle hier im Tagebau abgebaut, oder besser abgeschürft. Der ausgeschilderte „Bergbaurundweg Muttental“ führt in die Geschichte des frühen Bergbaus ein und durch die wunderschöne Landschaft des Muttentals. Zu besichtigen ist u. a. das „Bethaus der Bergleute“ und eine abgebrochene Steilwand, die die Sedimente und ihre Aufschichtung des oberen Karbon sichtbar macht.

Impression vom Bergbaurundweg, man sieht deutlich das Flöz unter dem helleren Gestein.

Nach dem Tagebau erfolgte der Abbau zunächst durch waagerechte Stollen, dann von senkrechten Schächten aus. Die Zeche Nachtigall, die am Rundweg liegt, ist eine der ersten Zechen, in denen der Übergang zum Tiefbau erfolgte. 1892 stellte die Zeche die Kohleförderung ein.  Die Ausstellung „Zeche Eimerweise“ beschreibt das Leben auf Kleinzechen. Entstanden in der Not der Nachkriegsjahre, waren von 1945 bis 1976 über 1000 Klein- und Kleinstzechen in Betrieb. Der für Besucher geöffnete Nachtigall-Stollen zeigt „unter Tage“ typische Arbeitssituationen im Kleinbergbau.

  • Link: www.lwl-industriemuseum.de
  • Link:  www.ruhr-guide.de (Bergbauwanderweg)
  • Der Rest ist bekannt, kleine Kuhdörfer mutieren zu Großstädten, die Einwohnerzahlen explodieren, ohne sichtbare Ordnung reihen sich Fördertürme, Montankonstrukte und Transporttrassen aneinander, für die benötigten Facharbeiter entstehen Werkssiedlungen, die ehemals ländliche, lockere Bebauung wird buchstäblich zugepflastert. Überall im Ruhrraum schiessen die Zechen wie Pilze aus dem Boden, es qualmen die Schlote. Die Zeche, die zum Symbol für die Umnutzung wurde, von der Unesco 2001 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, ist zum Markenzeichen der Ruhr2010 geworden. Sie ist die Verkörperung der Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs einer ganzen Region.

    1847 kauft der Duisburger Industrielle Franz Haniel (1779-1868) 13 zusammenhängende Grubenfelder, teufte den ersten Schacht ab und nannte die entstehende Zeche „Zollverein“ nach der 1834 in Kraft getretenen Freihandelszone aus 14 deutschen Staaten. Der Name war Programm, stand der Deutsche Zollverein doch synonym für wirtschaftlichen Aufschwung und Prosperität. Tatsächlich wuchs auch Zollverein kontinuierlich: wurden 1851 im ersten Jahr der Förderung mit 256 Bergleuten 13.000 t Kohle gefördert, hatte sich bis 1890 die Belegschaft verzehnfacht, und die Fördermenge war mit 1 Mio Tonnen auf das 75-fache nahezu explodiert.

    Um die Anlagen weiter modernisieren zu können, ging die Familie Haniel, in deren Alleinbesitz Zollverein bislang gewesen war, mit der Phoenix AG für Bergbau und Hüttenbetrieb eine Interessengemeinschaft ein. 1926 schließlich wurde Zollverein in die neu gegründete „Vereinigte Stahlwerke AG“ integriert. Dadurch konnte finanziell der Plan einer Zentralschachtlange verwirklicht werden.

    Die Zusammenlegung von Förderung und Aufbereitung aller Zollverein-Kohle in einer Schachtanlage versprach eine Kapazitätssteigerung auf das Vierfache einer Durchschnitts-Zeche. Die noch jungen Architekten Martin Kremmer und Fritz Schupp entwarfen ab 1927 die neue Zentralschachtanlage XII nach dem Bauhaus-Prinzip „form follows function“: die optimalen Abläufe der Kohleförderung und –aufbereitung waren die Vorgaben für das Arrangement der Übertagebauten. Mit 12.000 t täglicher Kohleförderung war Zollverein die größte Zeche des Ruhrgebiets geworden. Im Vergleich zu den Anfängen wurde nun an einem Tag gefördert, wozu man 1851 ein ganzes Jahr gebraucht hatte.

    Blick von Zollverein auf Essen-Katernberg

    Zollverein war aber nicht nur die größte Zeche des Reviers, sie wurde auch als die „schönste Zeche der Welt“ bezeichnet (doch, Iris, doch!!!).

    Architektonisch im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten, dominieren strenge Symmetrie und Geometrie sowohl die einzelnen kubischen Gebäude wie auch ihre Anordnung auf dem Areal. So verlaufen die Gebäude an parallelen Linien und bilden zwei, sich rechtwinklig kreuzende Achsen. Inmitten der ersten Achse, der Produktionsachse, ragt der 55 Meter hohe Doppelbock, das Fördergerüst, hervor. Am Ende der zweiten Achse, der Versorgungsachse, stand der 106 Meter hohe Kamin des Kesselhauses, der 1979 abgerissen werden musste. Die Formensprache ist sachlich, reduziert, ästhetisch, einheitlich rote Backsteinfassaden im Stahlfachwerk bestimmen das Bild. Schacht XII wird als Gesamtheit begriffen, als Monument. Damit entspricht die Anlage durchaus dem Repräsentationsbedürfnis ihrer Eigentümerin, der Vereinigten Stahlwerke AG, die als Europas größter Montankonzern galt.

    Im gleichen Stil wurde 1957 bis 1961 die Kokerei gebaut und am 12. September 1961 in Betrieb genommen. Die räumliche und architektonische Nähe zu Schacht XII symbolisiert auch die funktionale Nähe.  Auch die Kokerei schaffte Produktionskapazitäten der Superlative. Nach ihrer Erweiterung in den 70er Jahren „buk“ sie täglich in 304 Öfen bei 1.250 Grad 10.000 t Kohle zu 8.600 t Koks. In Spitzenzeiten hatte die Kokerei 1.000 Mitarbeiter.

    Das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters machte auch vor Zollverein nicht Halt. Die größte Zeche des Ruhrgebiets konnte trotz aller Rationalisierungsbemühungen dem Kostendruck ausländischer Kohleförderung nicht Stand halten. Am 23. Dezember 1986 fuhr die letzte Schicht nach 135 Jahren Bergbaubetrieb ein. Damit schloss die letzte der Essener Zechen ihre Tore. Am 30.Juni 1993 folgte die Kokerei. Eine Ära ging zu Ende. Heute ist Zollverein Eventlocation, Besuchermagnet und verfügt über ein kleines Gewerbegebiet, wo sich vorrangig Firmen aus der Dienstleitstungsbranche angesiedelt haben. Die Arbeitsplätze allerdings, die so geschaffen wurden, liegen weit unter den Spitzenzahlen der Zeche. Es bleiben so viele Fragen offen. Wo sind all die Arbeitnehmer hin? Wird seither Hartz IV weitervererbt? An einigen Bevölkerungschichten ist der Strukturwandel schlicht vorbei gegangen.  Und so endet mein Rundumschlag von den Anfängen bis zum unrühmlichen Ende. Was mich immer wieder aufs neue an dieser Zeche fasziniert, ist die erstarrte Zeit, die die unglaubliche Arbeit und das Ineinandergreifen der einzelnen Prozesse verdeutlichen, mit welchem Aufwand und Opfern unser Wohlstand und eine Industrievormachtstellung geschaffen wurden.

    Link: www.zollverein.de

    Das neue Ruhrlandmuseum und das Designmuseum „Red Dot“ befinden sich ebenfalls auf dem riesigen Areal der Zeche Zollverein.

    Gruß aus dem verschneiten Velbert-Langenberg

    Claudia

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    6 Gedanken zu „RUHR2010 Teil IV: Anfang und Ende aller Kohle

    1. Volker

      Hallo Claudia,

      wieder eine tolle Sicht mit Angaben zum ehemaligen Ruhrgebiet – muss man ja heute so sagen, da die Kohleförderung so gut wie eingestellt wurde – interessant der Ruhrwanderweg und das Bergbaumuseum Zollverein und im Wittener Land die Ausstellung “Zeche Eimerweise”.

      Das sind Vorschläge für den Sommer die uns in OWL nicht bekannt sind. Darum sind deine Angaben für uns Neuland und ein Anfahren an diese Stätten so wertvoll, Geschichtsunterricht pur, dafür ein herzliches Dankeschön…!!

      Herzlichen Gruß
      Volker

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    2. Claudia

      Hallo Volker, die Zeche Nachtigall liegt dazu noch an dem vor ca. 2 Jahren fertiggestellten Ruhrradweg. Ich habe 2008 eine Radwanderung mit den Naturfreunden W´Tal gemacht (u.a. Besichtigung Zeche Nachtigall), was mir supergut gefallen hat. Das ist wirklich was für den Sommer, wo man nebenbei ne Menge lernen kann. Sehr abwechslungsreich.
      Grüße und Danke fürs nette Feedback,
      Claudia

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    3. Iris

      Hallo, Claudia,
      das war eine wirklich spannende und interessante Führung. Vielen Dank dafür – ich sehe den „Pott“ jetzt mit ganz anderen Augen. Sicher ist es unrühmlich, wenn Arbeitsplätze wegfallen; nicht nur unrühmlich, sondern ganz schlimm für alle, die einmal dort gearbeitet haben. Aber ich sehe trotzdem etwas Rühmliches: die Musik, das Theater, die Kunst/Kultur, die jetzt an einer solchen Stätte entstanden sind und die uns bereichern.
      Lieben Gruss
      Iris

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    4. Claudia

      Hallo Klaus, habe gerade deinen weiterführenden Link gelesen, den ich auch sehr interessant fand. Spannend auch, dass Du selbst noch im Pütt Kohlen abgebaut hast.
      Danke dafür!
      Claudia

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