Wie kann es einen Montag geben, wenn man am Sonntag den Gardiner hören wird!

Hallo,

das Rendezvous der zwei englischen Gentlemen versprach von Anfang an etwas ganz besonderes zu werden und der 13.09.09 stand seit April wie etwas absolut Unumstößliches in meinem Kalender. Ich hatte mich sogar für die „Dettinger Te Deum“ -Proben und Aufführung bei meinem früheren Chorleiters abgemeldet. Das sollte schon was heissen!

Beethovenhaus in Bonn

Beethovenhaus in Bonn

Da ich bisher durch Bonn nur mit dem Zug durchgefahren war, beschloss ich, einer weiteren musikalischen Größe, LvB ebenfalls einen Besuch abzustatten. Durch Beethoven hatte ich schliesslich als Jugendliche Zugang zur Klassik gefunden. Das Beethoven Geburtshaus gehört zu einer erhaltenen (oder wiederaufgebauten) Häuserzeile, die von einem Konglommerat verschiedener Baustile eingequetscht ist. Nachdem man die Kasse passiert hat, findet man sich in einem wunderschönen, grünen Innenhof wieder. Wir schliessen uns einer Führung an, einige der Besucher lassen erkennen, dass wir sie vielleicht beim Gardiner wiedertreffen.Der Führerin merkt man die Begeisterung für den großen Musiker an. Mit dem schaurigen Bild, dass nach seinem Tode seine Locken als Devotionalien vom Haupt geschnitten wurden, endet die Führung. Vor meinem geistigen Auge tauchen die Frisierversuche meiner Barbie-Puppen auf…

Lebendmaske von Beethoven erstellt vonFranz Klein

Lebendmaske von Beethoven erstellt von Franz Klein

Mittlerweile ist es 17.00 Uhr. Es wird noch ein Flötenkonzert im Beethovenhaus gegeben, aber ich bin jetzt schon zu aufgeregt, also machen wir uns auf zur Beethovenhalle, es erwartet mich jetzt das nächste Highlight: Das Treffen mit Iris und Volker. Als ich gerade Volkers Nummer eingetippt habe, klingelt dieselbe und wir treffen uns auf dem roten Teppich in der Eingangshalle. Das ist wunderbar, weil zwischen uns allen eine Stimmung herrschte, als würden wir uns schon Äonen kennen.

Erst kommt der grüne Teppich vom Beethovensaal Bonn

Erst kommt der grüne Teppich vom Beethovensaal Bonn

Israel in Egypt

Der Marketingstratege Händel hatte sich, nachdem er sich als „Zugezogener“ in London als Opernkomponist etabliert hatte, einer neuen Gattung, dem Oratorium zugewandt. Es ist das 5. in englischer Sprache. Es genoß große Popularität im 19. Jahrhundert in England und wurde von Mendelssohn, der uns ja als großer Musik-Paleanthologe ein Begriff ist, 1833 in Düsseldorf aufgeführt (auch am Rhein). Händel hat es mehrfach umgearbeitet, einerseits um den ernormen Schwierigkeitsgrad und den Erschöpfungserscheinungen des Doppelchores vorzubeugen, andererseits dem Anspruch seiner Primadonna La Francesina gerecht zu werden, deren Geltungsbedürfnis befriedigt werden musste, für die er extra einige Arien eingefügt hatte. Als Story seines Oratoriums hat er sich einen echten Kracher aus der Bibel ausgesucht, der Auszug der Israeliten aus Ägypten durch das rote Meer, das ist ein stets präsentes Bild, woran sich sogar Kinder erinnern können.

Wir werden älter, wir werden anspruchsvoller. Lassen wir die Szenerie von einem Peter Paul Rubens auf einem gigantisch angelegten, zweidimensionalem Gemälde an uns vorbeiziehen. Gardiner und Händel bringen dieses Bild zum Leben, lassen uns verschmelzen mit der Dynamik der Bewegungen, mit der Kakophonie der Insekten, erheben uns in den Jubel über das abgeschüttelte Joch der Sklaverei. Das Oratorium beginnt entgegen allem Händelschem Hang zum Feierlichen völlig unpretentiös und steigert sich ähnlich einer Revolution zu einer riesigen Welle, die uns mitnimmt in ihr Innerstes.

Der überragende Chor wird ohne viel Ganzkörper-Einsatz akzentuiert durch alle Dynamiken navigiert, die Homogenität und Qualität ist wirklich beindruckend. Besonders in den fugierten Sätzen entfalten sich Kräfte, die schon fast -verzeiht mir den etwas Trieb-behafteten Ausdruck- orgastisch gipfeln. Das Orchester fügt sich in diese Einheit ein, bleibt transparent, undominant aber keinesfalls farblos. Die erste Arie des Altus J. Budd ist engagiert, aber etwas verwackelt, das macht aber gar nichts, weil allzu perfekten Aufführungen ein Makel der Distanz anhaftet, außerdem ist der Sir durch sein Engagement im Bereich der Nachwuchskräfte immer rehabilitiert! Das ist die Zukunft.

Gardiner- Monteverdi Choir - English Baroque Soloists

Sir Gardiner- Monteverdi Choir - English Baroque Soloists

Die anderen Solisten scheinen auch Nachwuchskräfte zu sein, von denen wir bestimmt nochmal hören werden. Insgesamt hat mir allerdings der 2. Teil noch besser gefallen als der erste, weil er noch differenzierter,  -bleiben wir beim Gemälde- farbenprächtiger und abwechslungsreicher war. Der Sir hinterläßt mit seinem Pinselduktus ein Bild, wie es dramatischer, bewegter und photorealistischer nicht mehr zu steigern ist. Selbst wenn es diese Meeresteilung vielleicht nie gegeben hat, drängen sich mir 2 philosophische Aspekte dieses Sieges der Israeliten, die ja schon Monotheisten waren, über die polytheistischen (heisst das so?) Ägypter auf:  Du bist nur erfolgreich, wenn Du 1)Deine Kräfte bündelst und auf einen „Gott“ konzentrierst und 2)-ganz einfach- auf Regen folgt Sonnenschein.

Am Ende dieses unglaublichen Konzertes, wir stehen natürlich, treffen sich meine Blicke mit denen meiner Sitznachbarn. Am Blick sehe ich, dass uns gerade in diesem Moment etwas ganz großartiges verbindet. Wir können es nicht halten, aber wir geniessen es.

Im Foyer treffen wir uns dann alle noch einmal wieder um das abschliessende Projekt, von dem wir ja noch nicht wissen, ob es klappt, in Angriff zu nehmen. Ein Autogramm vom „transzendenten Medium“ John Eliot Gardiner. Volker wusste wo die Künstlerausgänge waren und wir machten uns auf den Weg. An der „Hintertür“, sieht aus wie der Eingang zu einer Sporthalle, warten wir. 2 Engländer und eine Tussi die wir nicht kennen, wartet auch noch. Man stellt sich ja immer den Moment vor, wie es sein könnte, aber wenn er dann eintritt, glaubt man zu träumen. Auf einmal tritt der Sir auf mich zu, schüttelt mir die Hand und beugt sich zu mir hinunter, er ist wirklich ziemlich groß! Das Herz klopft mir bis zum Hals und die Knie sind weich. Der Händedruck ist einfühlsam, bestimmt,  nicht wie bei einem Schmied, aber ein bisschen gestreichelt ;-). Er unterschreibt auf meiner Bachtasche und ich schwebe.

Bachtasche mit Gardiner-Original-Autogramm, Bonn

Bachtasche mit Gardiner-Original-Autogramm, Bonn

Der Zustand läßt sich von der Hormonausschüttung zwischen Euphorie, Anbetung und Verliebtheit beschreiben. Auch 2 Schnäpse, die ich im Restaurant auf Ex kippe, können mich nicht beruhigen. Nachts kann ich nicht schlafen, den Montag durchlebe ich wie gerädert. Gut Iris, dass es Dir ähnlich ging.

Sir John Eliot Gardiner - Lebendgröße

Sir John Eliot Gardiner - Lebendgröße

Wer noch nie Gardiner live gehört hat, Achtung, Suchtpotenzial. Danke auch an Iris und Kalla, Volker und Rita, es war super euch kennenzulernen. Danke auch an Olli, meinen Ex, den ich ja Gott-sei-Dank mit Klassik infiziert habe und der mich betrunken nach Hause gefahren hat.

Grüße Claudia

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7 Gedanken zu „Wie kann es einen Montag geben, wenn man am Sonntag den Gardiner hören wird!

  1. Volker

    Hallo Claudia,

    das ist ein wunderbarer Artikel vom Bonner Konzert „Israel in Egypt“. Wie anschaulich Du das Geschehen (Oratorium) – mit einem Gemälde von Rubens darstellst ist schon sehr beeindruckend gelungen, genau so stellte es sich da und wir zehren heute noch von dieser Granaten-Aufführung.

    Mir sollte kein Weg zu weit sein, um den Sir sehen und hören zu können, wenn es sein muss, laufe ich auch zu Fuß über die Alpen, sollte er einmal beim Papst im Vatikan ein Konzert zelebrieren….!!

    Ja, @Claudia, du hast den Beruf verfehlt, Du solltest umsatteln und Musik-Kitikerin werden, alle Türen der großen Organe ständen weit auf, also überleg es Dir…!! Wir im Forum profitieren ebenfalls von deinen herrlichen ausgeschmückten Beiträgen und hoffen auf weitere Veröffentlichungen.
    In diesem Sinne wünsche ich Dir und allen Mitstreitern ein schönes Wochenende.

    Gruß
    Volker

    Antworten
  2. Claudia

    Vielen Dank für Deinen begeisterten Kommentar, ich muss Dich an dieser Stelle auch mal mit Lob überschütten, dass Du die tollen Bilder eingefügt hast und Du immer unermüdlich alles auf dem Laufenden hälst, bezogen auf Information sowie die persönliche Note.
    Ich habe im übrigen die Karte für den Sir in HH gebucht und freue mich auf ein weiteres Treffen u.a. mit Dir, Volker „Hannibal“ Hege (den Elefanten für die Alpenüberquerung klauen wir dann in Hagenbeck).

    Auch schönes, sonnige WoE,
    Claudia

    Antworten
  3. barbara57

    Hallo Claudia,
    das mit dem Montag ist eigentlich ganz einfach: Stell Dir vor wie der Montag ist, wenn Du am Sonntag keinen „Gardiner gehört hat“! „Mit Gardiner“ strahlt am Montag, am Dienstag, am Mittwoch usw immer noch ein Stück Sonntag mit, sodass eigentlich gar nicht auffällt, dass es schon wieder Montag ist. Und mit dem Suchtpotential hast Du schon recht: Ich habe angefangen mit „Einmal in meinem Leben will ich mir ein wirklich überragendes Konzert mit den Musikern gönnen, die mir so oft von CD so schöne Stunden bringen.“ Und habe mit der Matthäus-Passion in Königslutter angefangen. Von wegen einmal – der Irrtum meines Lebens. Es ist schon überwältigend, wie der Sir die Musik, die Herzen, die Luft zum Schwingen bringen kann, sodass die Welt nach einem solchen Konzert ein enig anders zu sein scheint. Und Du findest auch noch so anschauliche Worte, dass mir endgültig die Tränen kommen, dass ich dieses Konzert nicht hören konnte.
    Bis Hamburg
    Barbara

    Antworten
  4. Iris

    Liebe Claudia,
    Dein erfrischend-spritziger Bericht hat bei uns helle Freude ausgelöst. Du schilderst so anschaulich alle unsere Gefühle, unser Herzklopfen, unser Berauschtsein von der Musik, unsere Freude an Gardiner und seinen Spitzenleuten, dass ich ihn immer wieder lesen kann. Meinen beiden hab` ich Deine Rezension sogar ausgedruckt. Auch sie bedanken sich bei Dir – Volker, bei Dir auch -, hatten ihren hellen Spaß daran und freuen sich – genau wie ich – auf HH, aufs Wiedersehen und auf Deine nächsten lebensnahen Zeilen.
    Noch einen schönen Abend!
    Herzl. Gruss
    Iris

    Antworten
  5. Iris

    Liebe Barbara,
    Du bist uns in Vielen so weit voraus! Kennst Königslutter schon, hast Dich dort mit der M-Passion infizieren lassen, und dann viele Sir-Aufführungen mitgenommen und lange davon gezehrt. Einige Konzerte haben wir zusammen erlebt; z. B. in Köthen. Und viel Schönes steht uns noch bevor. Sei nicht traurig wegen Bonn. Sowie ich Dich kenne, kannst Du sowieso alle Händeloratorien rückwärts singen – und das Wiedersehen holen wir in Hamburg nach.
    Lieben Gruss
    Iris

    Antworten
  6. Volker

    Liebe @Barbara, liebe @Iris und natürlich als Verfasserin des Artikels, liebe @Claudia,

    das sind so nette Stellungnahmen zu Claudias Artikel geworden, dass ich diesen schönen und gelungenen Kommentaren nichts weltbewegendes mehr hinzufügen kann und möchte. Das ist alles so toll verfasst und berührt sogar mich, immer wieder schwenken meine Gedanken an dieses Erlebte in Bonn zurück und möchte es in der „Historie“ meiner besuchten Gardiner-Konzerte ganz vorne mit anstellen. Es war einmalig in dieser netten Gesellschaft immer wieder Worte austauschen zu können,

    Deshalb freue ich mich so auf Hamburg am 5. Dezember, wenn die Truppe wieder aufmarschiert und es sich bei Gardiner ein erneutes Stelldichein ergibt, dann werden einige Getreue aus dem Forum mehr dazu stossen, toll, dass es diese Möglichkeit gibt.

    Wünsche allen einen schönen Wochenstart

    Grüße
    Volker

    Antworten
  7. Claudia

    Ihr Lieben!
    Vielen Dank für Eure tollen Rückmeldungen!
    Ich möchte noch einmal kurz zu dem Titel dieses Artikels und Barbaras Sichtweise Stellung nehmen. Barbara, Du hast natürlich recht, dass sich die Woche erst recht nach so einem Konzert gut durchleben läßt, obwohl ich in KW 38 in eine träumerische Lethargie verfallen bin, die -beruflich gesehen- nicht produktiv war. Auch ich dachte, wie Du, das wird jetzt mal eine einmalige Aktion, sich sowas zu gönnen, aber man ist wirklich stark sucht gefährdet.
    Der Titel ist von mir leicht abgeändert und stammt eigentlich aus T. Manns „Buddenbrooks“. Original heisst es „Lohengrin“ statt „Gardiner“. Es lagert soviel des Widerwärtigen (Zahnarzt Malträtierungen, fiese Lehre, Griechisch-Stunden usw.), bis man sich endlich auf das langersehnte Ereignis freuen kann.
    Und Montag fängt halt alles aufs neue an…aber da denkt man ja am Sonntag noch nicht dran! Fühle mich oft mit Hanno solidarisch, ist im Übrigen eins der tollsten Bücher, die ich je gelesen habe.
    Euch allen einen entspannten Abend, Barbara ich hoffe, ich lerne Dich dann in HH kennen!
    Gruß aus Velbert, Claudia

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