RUHR2010 Teil XVI: Babel-ein musikalisches Netzwerkprojekt

Der Turmbau zu Babel von P. Breughel

Bei meinem täglichen Brot, d.h. dem Surfen auf der Ruhr 2010-Seite, fällt mir das Babel Projekt ins Auge: Bis zum 23.05.2010 finden 8 Konzerte in den Ruhr-Hauptkirchen mit hochrangigen Künstlern an jedem Tag statt. Pate für dieses Projekt hat die biblische Geschichte von der Entstehung der Sprachen gestanden.  Da ja die Metropole Ruhr im Zeichen des hans werner henze „neue musik für eine metropole“ steht, findet sich im Programm auch eine bunte Mischung vom gregorianischen Choral über Bach-Kantaten, Händel-Oratorium, Stravinsky, bis zu zeitgenössischen Künstlern und natürlich Henze, die man im Glanze der Aureole der anderen Größen aber gut „ertragen“ kann. Daher bitte nicht abschrecken lassen.

Am 23.05.10 findet dann um 20.00 Uhr ein Simultankonzert in allen Hauptkirchen statt. Um 21.00 Uhr wird dann ein Film (ich habe bisher nur noch nicht entnehmen können welcher) gezeigt. Zum Abschluss „erklingt“ dann gleichzeitig in allen Kirchen gleichzeitig von John Cage „4.33“ *(haha). Der Eintritt für den Abschluss kostet 8,-Euro, je nach Veranstaltungsort sind sogar Speisen und Getränke enthalten.

LINK: www.babel2010.de

Babel-Abend 2: Dorothee Mields-Sopran, Almerija Delic-Mezzosopran, Eike Thiedemann-Alt, Knut Schoch-Tenor

Essener Kantorei+Essener Barockorchester, Institut für Computermusik und Elektronische Medien der Folkwang Universität Essen-Thomas Neuhaus, Dirk Reith, Roman Pfeifer

Na gut, in die Kreuzeskirche in Essen bin ich natürlich heute nur wegen der Kantaten“ Lobet Gott in seinen Reichen“; „Wer mich liebet, wird mein Wort halten“ und „O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe“ gegangen-und weil Dorothee Mields die Solo Sopranistin war. Zu den Kantaten sage ich jetzt auch gar nicht so viel, bis auf dass es eine sehr gute Aufführung war, mit tollen Solisten und einem wunderbaren, historischen Orchester, der einzige Negativpunkt war, dass die Kirche total hallig war und man immer das Gefühl hatte, Chor und Orchester sind nicht zusammen. Ein eher grenzwertiges Erlebnis ist dann ja die „neue Musik“. Die Stücke sind Einspielungen, diesmal nicht live. Das erste Stück „Idle Chatter“ von Paul Lansky passt noch super in den Kontext von Bachs polyphonen Gepflechten hinein, präsentiert es doch rhytmisch ein Puzzle aus Gesprächsfetzen, was durchaus Groove hat. Trevor Wishart mit „Vox 5“ hat dann für mich keinen Bezug mehr zum großen Meister, depressive Stimmungen, die apokalyptische Gefühle aufkeimen lassen, Rabengekrächze, Fliegen die um einen „Haufen“ oder totes Fleisch summen, bis alles von einem Gewitter gelöscht wird. Vielleicht kennt ja jemand noch Pink Floyds experimentelle Platten wie „Ummagumma“ (speziell „Sysiphos“) oder auch die 2. Seite der „Meddle“ . Dazu dann am besten was zu Rauchen und eine 2 vor ´m Komma (ich meine natürlich Promille), sonst läßt sich das nicht ergründen. Da gehts dann wie auf einer Stimmungsfahrt von einer absoluten klanglichen Unerträglichkeit zum völligen Spannungsabfall in vollkommene Harmonik.

Von Hr. Bach mit BWV 74 wieder eingenordet, dann Roman Pfeifer „Studie über ein Lautgedicht“. Dieses Stück bewegt sich klanglich zwischen Herz-Lungen-Maschine, Intensivstation und einem vorgetäuschten Orgasmus. Zwischendurch höre ich das Pfeifen der Oberleitungen, bevor endlich meine verspätete S-Bahn einfährt, sowie ein Eckventil, das nach dem Abziehen den Wasserkasten wieder befüllt. Was für ein Schwachsinn!!! Aber warscheinlich fehlt mir der Background. Dann als letztes „neue Musik-Stück“ Dirk Reith „Sound Poem“ für Mezzo-Sopran und Sound Transducer. Ich ziehe den Hut vor der Künstlerin, die in dieser Vertonung als etwas verunglückte Walküre die Tiefen und die Höhen der Atonalität und die Abgründe von Melodik und Musikalität in kunstvollem Glissando auslotet , insgesamt war dieser Beitrag ein echter Höhepunkt. Der Komponist ist anwesend. Der Typ vor mir springt auf und schreit „Bravo“. Etwas übertrieben.

BWV 34 versöhnt mich wieder mit der Welt auch wenn das Auditorium heute auf den leider erkrankten Bass Christian Palm verzichten musste.  Insgesamt war es ein sehr interessantes Konzert, das jeden Cent wert war. Die ganze Rückfahrt kann ich mir von meiner besseren Hälfte das Lamento anhören, dass er deswegen eine neue Folge vom „Checker“ verpasst hat. Mein Musikgott hat allerdings weiterhin -wie der Allmächtige selbst – ganze 4 Buchstaben. Et in saecula saeculorum. Amen.

Gute Nacht und Friede über Israel,

Claudia

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu „RUHR2010 Teil XVI: Babel-ein musikalisches Netzwerkprojekt

  1. Adamo

    Liebe Claudia!

    Wenn ich Deine Konzertberichte lese, komme ich so richtig in Fahrt! Es scheint ja eine babylonische Musikverirrung‘ am Montagabend in der Essener Kreuz-Kirche geherrscht zu haben. Diesen tollen Pfingstkantaten solch ‚Tohuwabohu‘ entgegenzustellen, zeigt doch, dass die Veranstalter Bach nicht verstehen. Wie Du schreibst, sind es ja

    „depressive Stimmungen, die apokalyptische Gefühle, aufkeimen lassen, Rabengekrächze, Fliegen die um einen „Haufen“ oder totes Fleisch summen, bis alles von einem Gewitter gelöscht wird“.

    Solche Höreindrücke bringen keinen Musikliebaber weiter und stellen keinen Zusammenklang her! Der Name ‚Babel‘ für das Essener Projekt erscheint mir dann auch völlig verfehlt und schmückt sich mit falschen Federn: die ‚babylonische Sprachverwirrung‘ will doch eine in jedem Zeitalter mögliche produktiven Unordnung beschreiben. Sie wird so aufgelöst, dass Menschen trotz aller Unterschiede versuchen sollen, sich zu verstehen.

    Es scheint schick zu sein, eindeutig bewährte Programmpunkte wie eine Bach-Kantate in einen diffusen Rahmen zu stellen, um vermeintliche Aufgeschlossenheit oder Kritikfähigkeit zu demonstrieren.

    Allein die drei Pfingst-Kantaten wären es wert gewesen, wieder mal in’s Ruhrgebiet zu reisen. Ich freue mich schon auf Deinen Bericht über die Aufführung von BWV 192 ‚Nun danket alle Gott‘.

    Dein Musikgott mit den 4 Buchstaben leite Dich weiter auf guten Wegen.

    Wolfgang

    Antworten
  2. Volker

    Hallo Claudia,

    „Et in saecula saeculorum“
    hier würde ich für die Veranstalter des Abends entgegenstellen mit dem Zusatz:
    und in Ewigkeit – Bach – Amen..!!

    Ich habe die große Vermutung, dass der Veranstalter bewusst diesen modernen Schwachsinn mit in das Programm aufgenommen hat um das Zielpublikum zu erweitern und kann mir vorstellen, dass ein Programm – nur mit dieser Musik bestückt, den Veranstaltungsort leer gelassen hätte…?!!

    Ich stehe der Neuen- zeitgenössischen Musik nicht kritisch gegenüber wenn noch einigermaßen erträgliche Klänge zu Gehör gebracht werden, aber nur eine Geräuschkulisse mit aberwitzigen Lauten und Tönen zu erzeugen hat im reinsten Sinne nichts mehr mit Musik zu tun, das ertrage ich absolut nicht und bleibe solchen Veranstaltungen sehr gern fern. Mit Stockhausen habe ich schon so meine Probleme und kann mich mit seinen Kompositionen nur sehr schwer anfreunden. Wie gefälliger ist da unser OWL-Komponist aus Gütersloh: Hans Werner Henze, diese Musik kann ich noch nachvollziehen..!! Ihm ist ja auch bei der Ruhr2010 ein Programmschwerpunkt gesetzt worden. Wenn Du weiterhin in dieser Woche Veranstaltungen besuchst, wünsche ich Dir nur „Ohrwürmer“ im besten Sinne…

    Heute scheint in OWL endlich die „Ruhr2010“ angekommen zu sein, in der Tagespresse war heute eine ganze Seite diesem Festival gewidmet mit dem Schwerpunkt: Istanbul trifft Essen. Ich versuche einmal, dieses PDF-Formular hier zu verzweigen, falls das nicht klappt, füge ich das in deinen Hauptbeitrag mit ein.

    PDF-Link:
    https://meinhardo.files.wordpress.com/2010/05/nw_bielefeld-istanbul-essen-begegnung-ruhr2010.pdf

    Gruss
    Volker

    P.S. Guck einmal hier:
    So.
    23.05.2010
    20:00 Uhr
    Babel – Abend VIII: Last Night
    Musik und Film
    http://www.forum-kreuzeskirche.de/Babel-Abend-VIII-Last-Night::126.php

    Antworten
  3. Claudia

    Hallo Volker, hallo Wolfgang,
    mal abgesehen von dem komischen Stöhn-Stück, fand ichs ganz ok. Zeitgenössische Musik kann auch richtig toll sein, hier war´s wirklich eher experimentell. Entscheidend ist und bleibt für jede Art, dass war rüberkommt. Richtig ist lediglich, dass ich dieses Konzert ohne JSB nicht besucht hätte, und anderen wirds warscheinlich ähnlich gegangen sein. Ich bin da auch eher zufällig drauf gestoßen. Volker, wenn Du sagst Henze ist ok, kann ich ja doch mal beruhigt in ein Ruhr2010-Henze Stück gehen.
    Der So ist mit der Marienvesper im Werdener Dom belegt und am Freitag sind wir bei La Fura dels Baus in DU, daher hats sich erst mal ausgebabelt, aber beim Programm-Stöbern bin ich doch auf wirklich interessante Sachen gestoßen…
    Grüße, Claudia

    Antworten

Kommentar verfassen