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Bericht von einer Bach-Werkstatt in Lemgo / St.Marien vom 3. und 5.3.2023


Unsere Augen, das Sehen und die Kronleuchter.
Bericht von einer Bach-Werkstatt in Lemgo/St.Marien (3.+5.3.23) zur Kantate ‚Du wahrer Gott und Davids Sohn (BWV 23).

Steht ein Blinder, am Wegesrand, mühselig sich nach vorne tastend. Ein ‚Promi’ soll da vorbeikommen. Stellen wir uns ein Gedränge und Geschiebe vor. Der da aus seiner ‚Blindheit‘ heraus nichts sieht, lässt sich nicht von anderen ‚gesunden‘ Schaulustigen abdrängen. Über alle hinweg ruft der Blinde dem vorbeigehenden ‚Promi‘ zu: ‚Du wahrer Gott und Davids Sohn, hilf meinem Herzensleid und meiner Leibespein!‘ Ich lasse Dich nicht ohne Deinen Segen! (Nr.1 + 2)

Fast eine alltägliche Begebenheit, aber das Geschehen da ist ein alter Evangeliums-Bericht (Lukas.18, 35-42). Solch eine früher und auch noch heute immer wieder vorkommende Szene hat Bach in Musik gesetzt.

II. Johann Sebastian Bach, der Hofkapellmeister aus dem kleinen Fürstentum Köthen, bewirbt sich als städtischer Kantor zu St.Thomas in Leipzig. Am 7.2.1723 legt er seine Bewerbungskantate ‚Du wahrer Gott und David Sohn’ (BWV 23) auf das Pult der Orgelempore. Von den erloschenen Augen des Blinden ausgehend und seinem mutigen Ruf ‚Beachte mich doch!‘ (Nr. 1 Duett Sopran, Alt, und Nr.2 Rezitativ Tenor) greift aber das Libretto und seine Komposition noch weiter zu ‚unser aller Augen‘. ‚Gott, gib denselben Kraft und Licht, lass sie nicht in Finsternissen, bis Du sie einst im Tod gedenkst zu schließen (Nr3).

III. Heute, am Sonntagmorgen (5.3.23) durfte ich in der regional bekannten Bachwerkstatt Lemgo diese Bewerbungskantate im Chor mitaufbauen. Das war ein konzentriertes und möglichst genaues Geklopfe auf die Noten (viele b’s, verminderte Akkorde, usw). Eingebaut wurde zunächst der von Luther gestellte und von Bach vom Termin her (nahende Passionszeit!) gebrauchte Choral ‚Christe, Du Lamm Gottes‘ (4), der sich im Andante zur Polyphonie erweitert. Dieser jetzt erweiterte Chor schließt mit einer kleinen, aber eindringlich Amen-Fuge. Dann wurden die 7 Einschübe (Ritornello) ‚Aller Augen warten, Herr auf dich’ akzentuiert herausgearbeitet. Die ‚Fenster der Solisten‘ (Sopran, Alt, Tenor, Bass) wurden eingehängt, dazu kam ein großer, satter Orchester-Anstrich-Klang (0boen Violinen, Viola, Continuo) als Veredelung. Fertig!

IV. Die Kronleuchter-, nicht zu vergessen! Der Blinde steht zunächst im Dunkel. Doch wir, die SängerINNEN standen immer im gleißenden Licht. Konnten unsere Noten gut absingen. Der Bauleiter Kantor Volker Jänig glättete die Bach-Bausteine und gab präzise Einsätze. In dieser positiven und sich bewegenden Atmosphäre, sind mir als Gast der Werkstatt besonders die Kronleuchter in der gotischen Kirche St.Marien eindrücklich geblieben. Die Augen für solche ‚innere Kronleuchter‘ sollte man sich leisten dürfen. So steht man im Leben doch nicht so oft im Schummrigen, oder sogar im Dunkeln. Wer will schon ‚blinde‘ Augen!

V. Das jetzt stabile und beeindruckende Kantaten-Gebäude steht den Bach-Liebhabern in einigen CD-Aufnahmen, auch in YouTube, zur Verfügung. Helmut Rilling Elliott Gardiner und die Aufnahmen der Bach-Stiftung St.Gallen waren für mich greifbar. Aber das direkte und persönliche Mitwerkeln an einer ‚Bach-Werkstatt‘ bringt meiner Ansicht die stabilsten Erlebnisse. Danke dafür!

Euer Wolfgang

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