Gerücht oder Wahrheit – Thomaner Chor soll an weltlichen Orten auftreten

Hallo,

in Leipzig laufen derzeit Diskussionen darüber, ob der Thomaner Chor außer in der Thomaskirche auch an weltlichen Orten auftreten sollten. Das befürwortet der neue Kulturdezernent Michael Faber. Seiner Meinung nach wäre es angebracht, so zu verfahren, denn viele Nichtchristen scheuten den Weg in eine „Sakrale Stätte“ um den Chor zu hören.

Thomaskirche Leipzig  (Bildrechte: Stadt Leipzig)

Entschieden dagegen votiert der Evangelische Pfarrer der Thomaskirche Christian Wolff, er sieht darin  einen Angriff auf die 800-jährige Tradition des Chores, das im Jahre 1212 von Augustiner Mönchen als Vokalchor gegründet wurde und  als Kirchenchor fungiert. Pfr. Wolff’s Argumentation: sowohl das künstlerische Schaffen Bachs, wie auch das der Thomaner ist untrennbar mit der Leipziger Thomaskirche verbunden, was sollte denn an weltlichen Aufführungsorten gesungen werden…!!

Als eine Gegenreaktion kam prompt die Antwort des neuen Leipziger Kulturdezernenten Michael Faber, was soll die ganze Diskussion, ich wollte es als einen neuen Denkanstoß verstanden wissen.

Historie:

Es gab bereits zwei solcher Versuche, die Thomaner aus dem Thomaskirchen-Umfeld zu lösen und zu verweltlichen, in der NS-Zeit und nochmals zur DDR-Zeit, beide Versuche scheiterten durch den leidenschaftlichen Widerspruch der Thomaskantoren…!!

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Mein Glosse:

Was würde J.S. Bach von diesen Bemühungen des Leipziger Kulturdezernenten halten. Bachs Streitereien mit den Obrigkeiten des Leipziger Rates waren ihm zuwider und mangelten nicht an Heftigkeit, was hat die Geschichte gelehrt… es muss so weiter gehen, die Historie verlangt es…..!!

——————

Andere Glossen-Anmerkungen sind herzlich willkommen.

Gruß

Volker

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12 Gedanken zu „Gerücht oder Wahrheit – Thomaner Chor soll an weltlichen Orten auftreten

  1. Alexander

    Hallo Volker, kannst du mich mal aufklären? Der Chor steht doch seit Jahrhunderten auf weltlichen Bühnen. Oder ist eine tiefgreifende Säkularisierung des Chors gemeint? Auch die hat m. W. mit der Reformation bereits stattgefunden. Der DDR-Versuch in den Siebzigern zielte auf eine komplette Umstrukturisierung nach sowjetischem Vorbild ab, wurde jedoch unter Verweis auf Makarenko und übrigens nicht so sehr auf Betreiben des damaligen Thomaskantors sondern vielmehr des damaligen kirchlichen Betreuers der Thomaner und der Unterstützung älterer Thomaner (darunter auch des heutigen Thomaskantors) verhindert. Zumindest zu DDR-Zeiten war das Verhältnis kirchliche Stätten / weltliche Stätten ausgewogen. Würde mich mal interessieren, was mit obigem Statement gemeint ist. Alex

    Antworten
  2. Volker

    Hallo Alex,

    seit Juni 2009 habt ihr im Rat der Stadt Leipzig einen neuen Kulturdezenenten in der Person von Michael Faber. Der beabsichtigt, aus finanziellen Gründen, die Thomaner auch an weltlichen Orten auftreten zu lassen. Sein Hauptargument: „warum sollen wir die Thomaner für Auftritte in der Thomaskirche finanzieren, dann könnten sie auch an Nichtsakralen Orten auftreten“. Wie ich schon im Hauptbeitrag erwähnt hatte, sagte Faber u.a. aus, dass viele Nichtchristen den Besuch der Thomaskirche scheuen um den Chor hören zu können.

    Das scheint ein sehr fadenscheiniger Grund von ihm zu sein, ich behaupte sogar, dass viele Nichtchristen es egal erscheint und den Thomanerchor auch so hören möchten.

    Viel wichtiger scheint mir sein Argument zu sein, es von der finanziellen Seite anzugehen, nur Konzerte in der Thomaskirche zu finanzieren – nein – lasst uns etwas Neues einfallen und verwirklichen.
    Wie sagt man so schön: „Alte Besen kehren gut, neue aber viel besser“.

    Es scheint wohl wieder an der Zeit zu sein, die Thomaner nicht zur Ruhe kommen zu lassen, erst der Spiegel-Artikel und nun wieder Ungemach aus dem Rathaus- wo soll das nur hinführen. Meiner Meinung nach grenzt das fast an ein Possenspiel (Sommertheater), denn die Gegenseite (Thomaskirche) hat schon heftigen Widerspruch eingelegt.
    Bin einmal gespannt, wie das wieder in Leipzig enden wird man fühlt sich in Bach’sche Ur-Zeiten zurückversetzt…..!!

    Gruß

    Volker

    Antworten
  3. Alexander

    Bin bar estaunt. Früher war es dort gang und gäbe, an weltlichen Stätten zu singen. Das Wolffsche Argument geht in zweierlei Hinsicht nicht auf: erstens war der Chor nur bis zur Reformation kirchlich, ab dann städtisch, insofern kann er sich nicht auf eine 800-jährige Tradition beufen, zweitens ist diese Zweiteilung „geistlich / weltlich“ viel jünger als 800 Jahre, was man auch an der Bedenkenlosen Parodie „weltlicher“ Kantaten in „geistlichen“ Kantaten durch Bach sieht. Verstehe nicht, was die Leute wollen, es sei denn, es geht um Geld – in diesem Fall soll die Thomasgemeinde die Finanzierung übernehmen. Alex

    Antworten
  4. Alexander

    Außerdem bietet die Thomaskirche neben der Streitfrage „Sakral- / Profanbau“ für den Nichtchristen noch ganz andere Zumutungen wie etwa (nicht immer erträgliche) Predigten, und Gebete. Insofern ist die Beschränkung auf sakrale Stätten sogar diskriminierend. Das Setting hat etwas Ausgrenzendes, Nötigendes für den Nchtchristen. Alex

    Antworten
  5. Volker

    Hallo Alex,

    wie ich aus deinem persönlichen Kenntnisstand zum Thomaner entnehmen kann, sind sie seit der – oder nach der Reformation städtisch? Dann verstehe ich umso weniger die ganze Aufgeregtheit, sie auch weltlich auftreten zu lassen. Ist doch in Ordnung so, warum sollen sie nicht außerhalb eines Sakralgebäudes auftreten, sie geben Konzerte in aller Welt und das bedeutet: Konzerthallen, etc. und nicht Sakrale Gebaude.

    Mir scheint, hier geht es wohl vornehmlich um die finanzielle Seite und wenn es so sein sollte, kann sich die Stadt nicht aus ihrer Verantwortung zum Thomaner einfach davonstehlen – der Chor ist städtisch dann sind sie auch zu unterstützen.

    Desgleichen würde den Thomanern kein Zacken aus der Krone fallen, wenn sie auch weltliche Werke singen und aufführen würden, das hat ihr Ahnherr J.S. Bach reichlich praktiziert wie im Cafe Zimmermann mit seinem weltlichen Leipziger Ensemble….

    Gruß
    Volker

    Antworten
  6. Alexander

    Der Chor scheint in den letzten Jahrzehnten einen riesigen Rückwärtsschritt gemacht zu haben. Früher waren gemischte Programme an profanen Stätten die Norm (geistlicher Teil – Pause – weltlicher Teil). Nun gut, es wird wie es wird. Alex

    Antworten
  7. Stephan

    Die Städtischwerdung des Thomanerchores zur Reformationszeit ist damit verbunden, dass insgesamt Bildungs- und medizinische Einrichtungen mit den zur Finanzierung gehörigen Grundstücken an den Landesherren bzw. die Kommunen gingen. Ersterer fungierte ja auch als politisches Oberhaupt der Kirche. Und damit liegt auch das Sorgerecht für diese Einrichtungen bei der Stadt. Damals gab es den Konsens, dass die liturgische Gestaltung der Gottesdienste erste Aufgabe der Thomaner sei. Die Grundstücke sind bei den staatlichen Einrichtungen verblieben, auch als sie keine politische Leitungsfunktion der Kirchen innehatten. Die Diskussion zielt darauf ab, liturgische Ausgestaltung durch Konzerte in nichtkirchlichen Räumen zumindest teilweise abzulösen und damit den geistlichen Charakter des Chores zu vermindern.
    Bach schrieb mit Freude weltliche Kantaten, aber für andere Ensemble und andere Auftraggeber bzw. Widmungen.
    Streit mit dem Rat der Stadt gab es vor allem wegen finanzieller Ausstattungen und darum, dass er schulische Verpflichtungen zugunsten musikalischer Aufgaben zurückdrängen wollte.

    Antworten
  8. Peter

    Die Stadt Leipzig engagiert sich weiter für den Thomaner Chor !

    Die Diskussion über den städtischen Umgang mit dem Thomanerchor reisst nicht ab. Kulturbürgermeister Michael Faber hatte zwar im Juni gegenüber der LVZ betont, es handele sich um ein Missverständnis. („Ich habe nur gesagt, dass Bach nicht nur ein Komponist geistlicher Musik ist, und dass wir ihn sowohl in sakralen als auch in profanen
    Räumen hören können“).

    Dennoch stellt MDR-Figaro im Internet jetzt die Frage: „Kulturkampf in
    Leipzig?“ Zudem heisst es, Faber überlege, ob die Stadt die Auftritte des Chores in der Thomaskirche weiter finanzieren solle. Der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, hatte sich, wie berichtet, gegen städtische „Entkirchlichungstendenzen“ ausgesprochen.

    Laut Faber engagiert sich die Kommune auch weiterhin für das Knabenensemble. „Der Thomanerchor ist eine städtische Einrichtung und die Thomaskirche eine der originären Wirkungsstätten des Thomanerchors. Daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern“, so der
    Kulturbürgermeister gestern auf LVZ-Nachfrage. Ausserdem arbeite die Stadt intensiv daran, die Lebensbedingungen für die Thomaner zu verbessern. Das Alumnat solle deshalb umgebaut und erweitert werden.

    Der Stadtrat werde voraussichtlich im September über die Zwölf-MillionenEuro-Investition entscheiden. „Das Gesamtprojekt Forum Thomanum wird dadurch entscheidend vorangebracht. Unser Ziel ist es, den Thomanerchor zu seinem 800-Jahr-Jubiläum so aufzustellen, dass er für die Zukunft gut gerüstet ist.“

    Quelle: aus LVZ (Leipziger Volkszeitung)

    Peter.

    ————–
    Ein ebenso passendes Dokument möchte ich von Peter nicht vorenthalten, es geht um einen Choral, der von Grundschülern zum Bachfest gesungen werden sollte und von der Schulleiterin verboten werden sollte.

    Hier zum PDF: Jesus-Choral am Bachfest beinahe verboten

    https://meinhardo.files.wordpress.com/2009/07/jesus-choral-am-bachfest-beinahe-verboten.pdf

    ————–

    Volker/admin

    Antworten
  9. muriel

    Was sollen wir dazu sagen, würde der Apostel Paulus fragen. Hinter allem steht meiner Ansicht nach die Tatsache, dass die ehemaligen DDR-Bürger, jedenfalls ein großer Teil von ihnen, sich sehr wohl in ihrem Antikirchentum fühlen, das ihnen die SED-Leute zuerst einimpften und das ihnen jetzt als Normalität erscheint.
    Für den Raum der ehemaligen DDR gilt nach der Wende das schöne Wort: Frieden schaffen ohne Pfaffen. Diese Auffassung steckt variiert wohl hinter dem ganzen Streit. Eine empfindlich gewordene Kirche und Leute, die die Erfahrung gemacht zu haben meinen, ohne Glauben geht es besser.

    Ob ich da sehr daneben liege?
    Liebe Grüße
    muriel

    Antworten
  10. Volker

    Liebe Muriel,

    danke für deinen Ausführlichen Kommentar zu der Problematik – sakrale Orte – oder weltliche Orte – für den Thomaner Chor.

    Stimme mit Dir zu, dass die SED zu DDR-Zeiten den Leuten antichristliches eingebleut hat. Wen verwundert es, wenn die überwiegende Bevölkerung in den neuen Bundesländern sakrale Aufführungsstätten meiden – wie der Teufel das Weihwasser. Ob sie gut damit fahren ist eine persönliche Ermessensfrage – hier kann wahrscheinlich nur noch die Jugend davon überzeugt werden, dass die Kirche als Institution absolut ihre Berechtigung hat und das Leben bereichert. Hier sollte der Hebel angesetzt werden, um sie wieder für die Kirche und ihrer Musik überzeugend gewinnen zu können. Denn ohne Glauben wird es für sie ein trostloses Leben geben.
    Aber wie schon Vorgangs erwähnt, dass muss jeder mit sich selber persönlich ausmachen und damit in’s Reine kommen.

    Wünsche Dir einen schönen Sonntagabend.

    Liebe Grüße
    Volker

    Antworten
  11. mangki

    @muriel:
    Ich nehme an, du bist Christin. Es zeugt von Arroganz, wenn du sagst: Die SED hat den DDR-Bürgern den Atheismus eingeimpft, und jetzt sind alle DDR-Bürger auf dem falschen Weg.
    Wer hat dir denn deinen Glauben eingeimpft?
    Warum bist du nicht Hindu oder Moslem?
    Und: Heute gibt es bundes- und weltweit reichlich Atheisten. War das alles die SED?

    @Volker:
    Auch du streust diese Arroganz. Ich bin Atheistin – und du behauptest, mein Leben und das meiner Kinder wäre trostlos.

    Wegen genau solcher gefährlichen Auffassungen werden wir Atheisten politisch aktiv und wehren uns gegen diese Arroganz.

    Antworten
  12. mangki

    Und nun zum Thema:

    Mir geht es tatsächlich so, dass ich die Thomaner ungern in der Kirche besuche. Da hat Herr Faber nicht unrecht.

    Dann lieber Gewandhaus.

    Und wenn die Thomaner von der Stadt unterstützt werden, dann sollten sie auch (auch!) auf weltlichem Boden singen.

    Antworten

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