Kantorei Herrenhausen beeindruckte mit der Brockes Passion von G.F. Händel

Hallo,

ich bin angetan von einer wunderbaren barocken Wiedergabe der „Brockes-Passion“ von Georg Friedrich Händel, die in der schönen Herrenhäuser Kirche – mit einer guten Akustik ausgestattet, von der Herrenhauser Kantorei aufgeführt wurde.

Foto: Herrenhäuser Kirche in Hannover-Herrenhausen
Foto: Herrenhäuser Kirche in Hannover-Herrenhausen (für alle Fotos gilt, Fotorechte: V. Hege)

Vorab ein wenig historisches zum Text der „Brockes Passion“:

Im Jahr 1712 erschien in Hamburg die Passionsdichtung „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ des Juristen und Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes (1680-1747), die im selben Jahr von Reinhard Keiser vertont wurde. 1716 komponierte Georg Philipp Telemann den Text.

Anfang des 18. Jahrhunderts galt ein Libretto nach dem Muster der Brockes-Passion als modern und aktuell, ein Textbuch einer Johannes Passion dagegen rückständig. Davon zeugen auch die vielen Vertonungen der Brockes-Passion.

Der Text des Oratoriums erzählt die Geschichte von der Abendmahlseinsetzung bis zum Tod Jesu am Kreuz. Das Stück wird durch Choräle gegliedert. Es beinhaltet außerdem Rezitative, Arie, Arioso für zahlreiche Solisten, eine einleitende Sinfonie und zahlreiche Chorstücke.

Die Reise Georgs I. – (Kurfürst von Hannover und König Georg I von England ab 1714) – nach Hannover im Sommer 1716 machte Händel im großen Gefolge des Königs mit. Im zweiten Halbjahr 1716 schuf Händel eine oratorische Passion nach dem Text des Hamburger Barthold Heinrich Brockes (1680-1747). Sein Oratorium „Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus.“ Die Dichtung von Brockes wurde später von vielen damals bedeutenden Komponisten vertont.

Händel schickte die Partitur 1717 seinem Freunde Johann Mattheson, der ebenfalls eine Brockes-Passion geschrieben hat, nach Hamburg. Dort führte Mattheson Händels Werk 1719 als Uraufführung im Hamburger Dom auf.

Georg Friedrich Händel
Brockes Passion

Ausführende:
Uta Kraus, Barbara Rotering, Sopran
Jean-Sébastien Stengel, Altus
Götz Phillip Körner, Steffen Wolf, Tenor
Torsten Gödde, Michael Humann, Bass

Le Concert Lorrain, Metz-Frankreich
auf historischen Instrumenten

Foto: Flyer der Herrenhauser Kantorei "Brockes Passion"
Foto: Flyer der Herrenhauser Kantorei „Brockes Passion“

Eine gut gefüllte Herrenhäuser Kirche erwartete froh gestimmt die ersten Klängen von Händels Oratorium der „Brokes Passion.“ Die einleitende „Sinfonia“ der Brockes Passion erklang in barocker Pracht durch das angereiste Ensemble aus Frankreich – Le Concert Lorrain, hier waren wahre Könner am Musizieren und spielten aus einem Guss eine großartige barocke Musik. In dieser Sinfonia lassen sich schon Vergleiche zwischen Bach und Händel ziehen, ihre Kompositionen liegen in etwas auf der gleichen Linie und entsprechen einem gleichwertigen tonalen barocken Klangempfinden ihrer Zeit.

Foto: Ensemble "Le Concert Lorrain" aus Frankreich auf historischen Instrumenten

Foto: Ensemble "Le Concert Lorrain" aus Frankreich auf historischen Instrumenten

Mit dem Eingangschor „Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden“ erklang ein gewaltig besetzter Chor. Es mögen zwischen 70 bis 80 Chormitglieder gewesen sein, die eine gut fundierte Chorische Ausbildung besitzen und es entsprechen umzusetzen wussten, trotz der Größe waren die einzelnen Stimmen gut heraushörbar und ergaben in der gesamten Werkswiedergabe eine klangliche Einheit von bewundernswerter Qualität. Hier muss dem Kantor und Leiter der Kantorei Herrenhausen „Martin Ehlbeck“ Bewunderung gezollt werden, wie der diesem Mammutchor eine gepflegte Klangqualität und Gesangs-Kultur zu bilden im Stande ist, das ist schon eine außergewöhnliche Leistung, zumal es sich um einen ausgesprochen Laienchor handelt.

Foto: Kantor und Leiter der Herrenhauser Kontorei: Martin Ehlbeck"

Foto: Kantor und Leiter der Herrenhauser Kontorei: Martin Ehlbeck"

Foto: Chormitglieder der Kantorei Herrenhausen

Foto: Chormitglieder der Kantorei Herrenhausen

Die eingesetzten Gesangs-Solisten konnten allesamt in ihrem Part überzeugen – hervorheben möchte ich aus dieser Riege die Sopranistin „Uta Kraus“, (Gläubige Seelen); was für ein Stimmvolumen, oder ein in sich gekehrtes Singen sie beim Vortrag: „Die Rosen krönen sonst der rauhen Dornen Spitzen“, offenbarte, war mehr als berührend gesungen, diese Wiedergabe auf gleich hohem Niveau konnte sie auch im: „Die zarten Schläfen sind bis ans Gehirne durchlöchert und durchbohrt“, umsetzen. Ein filigranes Singen auf hohem Niveau, einfach grandios, eine Top-Gesangs-Solistin.

Foto: Von rechts: Uta Kraus; (Magd - Gläubige Seelen) Sopran, Barbara Rotering; (Tochter Zion) Sopran, Mitte, Jean-Sébastien Stengel (Judas) Altus.

Foto: Von rechts: Uta Kraus; (Magd - Gläubige Seelen) Sopran, Barbara Rotering; (Tochter Zion) Sopran, Mitte, Jean-Sébastien Stengel (Judas) Altus

Foto: Gesangs-Solisten von links: Steffen Wolf; (Evangelist) Tenor, Götz Phillip Körner; (Petrus) Tenor,  Jean-Sébastien Stengel; (Judas) Altus,  Michael Humann; (Kaiphas) Bass.Foto: Gesangs-Solisten von links: Steffen Wolf; (Evangelist) Tenor, Götz Phillip Körner; (Petrus) Tenor, Jean-Sébastien Stengel; (Judas) Altus, Michael Humann; (Kaiphas) Bass.

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Die gesamte Brockes Passion wurde gekürzt wiedergegeben, von verschiedenen Arien und Chorsätzen wurde nur ein Anfangsteil zu Gehör gebracht um die Aufführungsdauer nicht ins Uferlose ausarten zu lassen. Probleme hatte ich mit einem teilweise hanebüchenen Text, hier hilft mir die grandiose Musik von Händel das ertragen zu können. Mein persönliches Fazit zu der Brockes Passion fällt zwiespältig aus, – ( ich habe sie das erste Mal gehört..!!) – wie tiefgründiger und gehaltvoller im Text gestalten sich die Passions-Oratorien von J.S. Bach, stark vermisst habe ich die herrlichen Luther-Choräle (z.B. „O Haupt voll Blut und Wunden..“, etc.) und feinsinnigen Rezitative und Arien. Tue ich dem Komponisten Händel hier Unrecht? – denn alle Komponisten stürzten sich zu seiner Zeit auf diesen irrelevanten Text – es war eben eine Modeerscheinung der Zeit, sich von den biblischen Evangelistenworten loszusagen, was mehr als bedauerlich erscheint, hier scheint J.S. Bach als ein Bewahrer des wahren biblischen Wortes zu sein und zu bleiben mit seiner dazugehörenden überirdischen barocken Passions-Musik.

Trotz der erwähnten textlichen Mängel erklang ein bewundernswertes Passions-Oratorium von Händel, alle Aufführenden waren mit Begeisterung bei der Sache und dieser Funke zündete auch bei dem Besucher, der die Protagonisten am Ende frenetisch feierte. Es war wieder so ein Abend, der Begeisterung hervorrief aber mich doch zum Nachdenken veranlasste, was wäre gewesen, wenn der textliche Inhalt zu der grandiosen Musik ebenfalls stimmig dazu passen würde…??

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Als Ergänzung ( ab 2.4.2009) – stelle ich dem Forum Textauszüge der Brockes-Passion mit einer kurzen historischen Sichtweise – zur Verfügung:

pdf Link: brockes-passion-auszuge-der-textfassung

Beim Download des PDF ein wenig Geduld, die Speicherung erfolgt auf dem persönlichen Rechner…!!!

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Auf dem Markt gibt es nicht gerade viele Einspielungen von der Brockes-Passion von G.F. Händel, eine bemerkenswerte CD stelle ich nachstehend vor, sie ist über amazon zu erhalten.

Cover: G.G. Händel "Brockes Passion"

Cover: G.F. Händel "Brockes Passion"

Link zu amazon: http://astore.amazon.de/blogdiskubach-21/detail/B00008US1E

Am 2, April 2009 wurde ich bei amazon mit einer weiteren Einspielung der Brockes-Passion von Händel fündig:

Cover: Brockes Passion Händel, Wenzinger, Regensburger Domsp. von 2002

Cover: Brockes Passion Händel, Wenzinger, Regensburger Domsp. von 2002

Dirigent: August Wenzinger, Regensburger Domsp. von 2002, diese Aufnahmen sind auch im mp3-Format bei amazon preisgünstiger als die CDs – erwerbbar.

Link: http://astore.amazon.de/blogdiskubach-21/detail/B00005MJ10

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31.3.2009 P.S.

Wie soeben gemeldet wird, hat „Harmonia mundi“ eine Neuveröffentlichung der Brockes-Passion von Telemann seit Mitte März 2009 veröffentlicht. Die Ausführenden sind:

Cover: Brockes Passion von Telemann

Cover: Brockes Passion von Telemann

TELEMANN. Brockes-Passion
Künstler:

Birgitte Christensen, sop.
Lydia Teuscher, sop.
Marie-Claude Chappuis, mez.sop.
Donát Havár, ten.
Daniel Behle, ten.
Johannes Weisser, bar.
RIAS Kammerchor
Akademie für Alte Musik Berlin
René Jacobs, dir.

Eine Bestellung mit Hörprobe über dem Label j p c

Hörproben bei j p c : 2 CDs

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Grüße
Volker

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5 Gedanken zu „Kantorei Herrenhausen beeindruckte mit der Brockes Passion von G.F. Händel

  1. Volker

    Nun ja,

    wenn dazu keine Kommentare auflaufen, versuche ich es einmal mit einer Neuigkeit.
    Harmonia Mundi veröffentlicht seit Mitte März 2009 eine Neueinspielung der Brockes-Passion von Teleman mit René Jacobs und der „Akademie für Alte Musik Berlin.“
    Den Hauptbeitrag habe ich damit ergänzt.
    Bei jpc ist die Einspielung zu erhalten mit Hörproben.
    Link:
    http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Georg-Philipp-Telemann-Brockes-Passion-1719/hnum/8566456/iampartner/K84

    Hörprobe und Hinweise von Harmonia Mundi dazu:

    Link: http://www.harmoniamundi.com/telemann2009/

    Barthold Heinrich Brockes’ Beschreibung der Passion Christi gehört zu den herausragendsten Passionsdichtungen aller Zeiten. Die dramatische Ausdruckskraft dieses Libretto inspirierte nicht weniger als 13 Komponisten, unter ihnen Händel, Keiser und Mattheson. Telemanns am 2. April 1716 uraufgeführte Version wurde so berühmt, daß J. S. Bach 23 Jahre später, als er wahrlich kein Jungspund mehr war, eine vollständige Kopie davon erstellte… René Jacobs läßt diese außergewöhnliche Partitur in all ihrer Dichte und Komplexität neubelebt erklingen.

    Grüsse.

    Antworten
  2. Barbara

    Hallo Volker,
    hat ein wenig gedauert, aber ein Kommentar soll es doch von mir geben. Ja, das war schon ein tolles Konzert.

    Der Text der Brockes Passion ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber mal ehrlich, wie viele von den Kantatentexten sind genauso grausig. Aber man kann eine Geschichte auf sehr verschiedene Weisen erzählen und jedes Mal wird ein anderer Aspekt deutlich. Vieles von dem, was bei Bach gegenüber Brockes geradezu nüchtern erzählt ist, wird hier ja mit sehr plastischen Bildern geradezu sichtbar gemacht. Vieles, was sich bei mir bei Bach im Kopf abspielt, bzw. was ich an Bildern gar nicht zulasse, wird hier ausgesprochen, was bedeutet, dass ich mich damit auseinandersetzen MUSS. Nun ist der Text das eine, aber ohne die Musik bleibt er einfach nur schrecklich, bzw. er entspricht einfach nich unserem heutigen Empfinden. Und was Händel hier in Tonsprache umsetzt, ist doch sehr beeindruckend. Er schöpft die ganze Spanne der Emotionen voll aus – von „Ich will versinken und vergehn“(Petrus) bis zu den reflektierenden Arien, die wirklich zu Herzen gehen. Vor kurzem habe ich die Brockes Passion von Telemann gehört. Auch ein ganz nettes Stück Musik, aber eben halt nur nett. Da ist Händel doch ein ganz anderes Kaliber. Natürlich nicht Bach, aber für mich eine weitere wirklich berührende Möglichkeit, die Passionsgeschichte zu erzählen. Aber das ist nun Geschmackssache. Ich mag ja auch nicht jeden Tag Fleisch auf dem Teller, es kann ja auch gern mal ein Pfannekuchen sein.
    Wer will kann sich in der nächsten Woche selbst einen Eindruck verschaffen. Die Brockespassion wird sowohl in der Händelschen als auch in der Telemannschen Fassung im Radio gesendet:

    Do. 9.3.
    BR4 – 18:00-22:40 Händel Brockes Passion

    Fr. 10.3.
    HR2 – 20:00-23:00 Telemann Brockes Passion
    OE1 – 19:30- 23:00 Händel Brockes Passion
    Mitwirkende folgen in meinen Radiotipps für die kommende Woche.

    Gruß
    Barbara

    Antworten
  3. Volker

    Hallo Barbara,

    wunderbar, dass Du dich zu Wort meldest. Ich habe in den vergangenen Tagen immer wieder an die Aufführung in Herrenhausen denken müssen, es war ein tolles Konzert und hat mich ungemein gepackt. Jetzt habe ich mich einmal ganz intensiv mit dem Brockes-Text befasst. Ist doch nicht sooo alles unmöglich, wie ich es im ersten Moment so aufgefasst hatte.

    Wenn man sich ganz genau mit dem Sinn des Textes und den Protagonisten: Tochter Zion, Johannes, Jacobus, Petrus, Jesus, Caiphas, Kriegsknecht und Gläubige Seele, etc. befasst, ist die Aufteilung der Vortagenden sehr gelungen und der dazugehörende Text teilweise Banal aber besitzt auch ungemeine Stärken, der Text rüttelt einen auf, darüber nachzudenken, wie wäre es, wenn….!“

    Und so hat es ja Brockes mit seinem Text gewollt den Lesern und Hörern die Passion möglichst lebhaft zu vergegenwärtigen. Sie sollten das Geschehen nicht nur mit dem Verstand erfassen, sondern es intensiv
    mitfühlen, sollten sich selbst als Sünder erfahren und sich bekehren.

    Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich die Brockes Passion das erste Mal mir angehört habe und nun von ihr geradezu gepackt worden bin. Als erstes habe ich Textauszüge mir zusammengestellt und sie mir zu Gemüte geführt. Hilfreich wäre es gewesen, wenn dazu die entsprechende Händel-Musik als Background gelaufen wäre.

    Der Schluss-Choral der Brockes-Passion ist textlich eine Wucht, mit dem:

    Ich bin ein Glied an deinem Leib,
    Des tröst’ ich mich von Herzen;
    Von dir ich ungeschieden bleib’
    In Todesnot und Schmerzen.
    Wann ich gleich sterb’, so sterb’ ich dir,
    Ein ewig’s Leben hast du mir
    Mit deinem Tod erworben.

    Davon hätte ich gerne mehr in dieser Art im Text vorfinden mögen.

    Allen Interessenten habe ich diese Brockes-Textauszüge als PDF im Hauptbeitrag mit hinterlegt.
    Ich gebe hierzu noch einmal den Link an:
    (Ist aber auch im Hauptbeitrag vorhanden)

    Link: http://meinhardo.wordpress.com/files/2009/03/brockes-passion-auszuge-der-textfassung.pdf

    Beim Download des PDF ein wenig Geduld, die Speicherung erfolgt auf dem persönlichen Rechner…!!!

    Für deine vorab zur Verfügung gestellten Radio-Angaben zur Brockes-Passion ganz herzlichen Dank, da werde ich zugreifen und mir die Aufnahmen entsprechend speichern. Auszüge hatte ich die Tage auch von Telemann gehört, sie sind sehr galant gehalten, eben sein Stil, hier hat Händel ganz klar Grösseres geleistet.

    Schaut ab und zu einmal in den Hauptbeitrag, hier habe ich einiges nachträglich neu hinzugefügt, CD-Einspielungen, Download des PDF mit den Auszügen des Brockes-Textes, etc.

    Grüsse
    Volker

    Antworten
  4. Udo

    Eine weitere Aufnahme der Händel-Brockes-Passion gibt es bei
    Brilliant: Händel the Masterworks: Dir. N. McGegan und dem Stadtsingechor Halle, 1994. Lizenz von Hungaroton

    Antworten
  5. Monika Zimpel-Rademacker

    Es sind sehr schöne Fotos, die gemacht wurden.
    Ich war ja leider krank, Magen-und Darmgrippe, als dieses schöne Stück aufgeführt wurde.
    Der Text ist ja auch nicht immer das Wichtigtes, die schöne „Händelklänge“ finde ich persönlich ganz toll.
    bis bald
    eure Monika

    Antworten

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