Meine J.S. Bach-Eindrücke aus der St.Michaelis-Kirche Hildesheim mit der NDR-Philharmonie

Hallo,

ein bedeutendes Bach-Konzert mit Dresdener Barock-Komponisten  (Johann David Heinichen (1683-1750) und Jan Dismas Zelenka (1679-1745) – fand am Samstag, 20. Februar 2010 in  der St. Michaelis Kirche in Hildesheim statt. Die St.Michaelis-Kirchengemeinde in Hildesheim feiert in 2010 das 1000-jährige Bestehen. Aus diesem Anlass werden hochkarätige Konzerte in 2010 angeboten.

Link: http://evlka.de/michaelis2010/content.php?contentTypeID=1134

St.Michaelis-Kirche in Hildesheim

1000 Jahre St.Michaelis-Kirche in Hildesheim

Vor allem für Kunst- und Architektur-Interessierte ist das Jubiläum ein besonderer Termin, denn nördlich der Alpen gibt es keinen romanischen Bau, der es an Bedeutung mit St. Michaelis aufnehmen könnte. Mit ihrem einzigartigen Deckengemälde ist die Kirche offizielles Welterbe der UNESCO.

„Gottes Engel weichen nie“, heißt das Motto des Jubiläums. Engel sind eigentlich kein ureigenes, prominentes Thema der evangelischen Kirche, doch hier spielen sie eine entscheidende Rolle – nicht nur wegen des Namensgebers, des Erzengels Michael. Die Architektur wurzelt tief in der christlich-mittelalterlichen Zahlenmystik, die wiederum die Überzeugung widerspiegelt, dass Gottes Schöpfung von einer alles durchdringenden Harmonie beseelt ist. +)

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Programm:

NDR Philharmonie & NDR Chor

20.02.2010 – 20.00 Uhr St.Michaelis-Kirche, Hildesheim

Dirigent Roy Goodman

Solisten

Johannette Zomer, Sopran

Bogna Bartosz, Alt

James Gilchrist, Tenor

Peter Harvey, Bass

Johann Sebastian Bach

„Nun ist das Heil und die Kraft“ für Doppelchor und Orchester BWV 50

Johann David Heinichen

Concerto F-Dur Seibel 235

Johann Sebastian Bach

„Es erhub sich ein Streit“, Kantate für Soli, Chor und Orchester BWV 19

Jan Dismas Zelenka

Sinfonia a-moll a 8 concertanti ZWV 189

Johann Sebastian Bach

„Herr Gott, dich loben alle wir“, Kantate für Soli, Chor und Orchester BWV 130

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In der sehr gut gefüllten, aber kalten und zugigen St. Michaeliskirche erwarteten die Besucher ein kontrastreiches Barockprogramm, durchgeführt von der NDR Radiophilharmonie und dem NDR-Chor. Eine Übertragung des Konzertes wird es voraussichtlich am 4. April 2010 auf NDR-Kultur geben.

NDR-Radiosymphonieorchester in der St. Michaelis Kirche Hildesheim Mit Werken von J.S. Bach (1685-1750) - Johann David Heinichen (1683-1729) und Jan Dismas Zelenka (1679-1745)

Am Anfang erklang aus den Michaelis-Kantaten das Fragment von J.S. Bach, BWV 50 „Nun ist das Heil und die Kraft“. Schon hier war festzustellen, wie problematisch ein Werk mit großem Chor in der wunderbaren St. Michaeliskirche aufzuführen ist. Die klangwuchtige Kantate verhallte in dem riesigen Kirchenraum und der Hörer musste sich auf diese ungewohnten akustischen Verhältnisse erst einmal einstellen.  Mir viel als Vergleich die grandiose Aufführung von Gardiner beim Bachfest 2007 in der Nikolaikirche in Leipzig ein, das war ein Konzert-Erlebnis puren Vergnügens. Schnell löste ich mich aus diesen Vergangenheits-Erinnerungen und stellte mich auf diese ungewohnte Hör-Situation entsprechend ein. Die Aufführenden gaben ihr Bestes und gaben innerhalb der weiteren Programmabfolge eine wunderbare orchestrale Glanzleistung ab.

Was danach folgte, war ein Höhepunkt des Konzertabends.

Konzertstück von Johann David Heinichen: Concerto F-Dur Seibel 235 Horn: Stefanie Rübel

Johann David Heinichen (1683-1729), das Concerto F-Dur Seibel 235 – wurde in einer barocken Glanzwiedergabe aufgeführt. Hier entpuppte sich die ansonsten problematische Akustik als Helfer für das Orchester und wurde ein fantastischer Kunstgenuss. Heinichen, am Dresdener Hof angestellt, komponierte hier ein Werk mit barocken Klangfinessen. Die Hörner waren wahre Könner und gaben eine Glanzvorstellung ab, besetzt mit der Hornistin: Stefanie Rübel und Fritz Kettschau – wirkten sie virtuos und mit  einer Leichtigkeit musizierten sie in den schwierigsten Passagen, dass der Hörer fasziniert von dieser Werkswiedergabe staunend diesem schönen Werk lauschte.

Eine kleine HeinichenHör-Kostprobe mit den Hörnern gefällig, hier ist sie:

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Abgerundet wurde vor der Pause das Programm mit der Bach-Kantate: BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“ von 1726 zum Michaelisfest. Als Gesangs-Solisten wirkten in dieser Kantate mit: Sopran: Johannette Zomer aus den Niederlanden, der allseits bekannte und beliebte Tenor aus der von Sir Gardiner durchgeführten Bach-Cantata-Pilgrimage 2000-Tour: James Gilchrist und ebenfalls aus dieser Cantata-Tour bekannte und beliebte Bariton: Peter Harvey. Diese beiden Gesangs-Solisten waren die Würze in dieser Bach-Kantate, hier fiel die Sopranistin sängerisch etwas ab. In der Arie: „Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir“ (auch das Themen-Motto für das 1000-jährige Festjahr in 2010 von St. Michaelis – eben dieser Kantate entlehnt), war ein Ohrwurm, wie inbrünstig und überzeugend diese Gesangsaussage von James Gilchrist vorgetragen wurde, war herzzerrührend, das sind diese schönen Momente in den Bach-Werken, wo der Hörer mitgenommen wird und sich in eine andere  heile Welt verrückt sieht..!! Hier an vorderster Front platziert, waren die Gesangs-Solisten akustisch kein Problem sondern ein exzellenter Kunstgenuss.

Nach einer längeren Pause wurde instrumental von Jan Dismas Zelenka (1679-1745) sein sinfonisches Werk: „Sinfonia a 8 concertanti a-moll, ZWV 189 von 1723, komponiert in Dresden und ebenfalls als Musiker am Dresdener Hof angestellt, zu Gehör gebracht.

Werk von Jan Dismas Zelenka: Sinfonia a-Moll a 8 concertanti ZWV 189 die Glanzvorstellung mit der Querflöte von: Heike Malz

Hier entpuppte sich wiederum, welch fantastische Könner an Instrumental-Solisten das NDR Radiosymphonieorchester in seinen Reihen besitzt. Ich meine als Querflöten-Spezialistin die Heike Malz in dem Programmheft ausgemacht zu haben, ganz sicher bin ich mir da aber nicht…!! Dieses Querflötenspiel auf einem historischen Instrument  war die Kernaussage in diesem barocken Werk und war für mich der absolute Höhepunkt.

Eine kleine ZelenkaHör-Kostprobe mit dem wunderbaren Fagott – Violin-Cello und Querflöte aus Satz IV „Arie“ gefällig, hier ist sie:

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Der große Meister: Englischer Dirigent: Roy Goodman

Zum krönenden Abschluss noch einmal J.S. Bach mit dem BWV 130 „Herr Gott dich loben alle wir“ von 1724. Hier war ich auf die polnische Altistin: Bogna Bartosz gespannt, allseits hoch gelobt als eine hervorragende Gesangs-Solistin. Hier wurde der Hörer nicht enttäuscht, sie entfaltete einen großartigen Gesangs-Part und stellte die enttäuschende Sopranistin klar in den Schatten, Diese Pracht-Kantate lebt von ihren Gesangs-Solisten und wurde wiederum zu einem glanzvollen Höhepunkt. Die Gardiner-Gesangs-Truppe war wieder beseelt dabei und gaben ihr die rechte Würze. Hierbei möchte ich auch einmal Peter Harvey lobend erwähnen, was für eine deutliche deutsche Wortartikulation er besitzt ist schon verblüffend, hier benötigt der Besucher keinen Wort-Text, das vollbringt der Bariton Harvey in perfekter Art und Manier, das zu artikulieren. Ein Traumgesang mit dem „Der alte Drache brennt vor Neid“ – perfekt gelungen, Herz was willst Du mehr. Mit dem Choral: „Darum wir billig loben dich“ endete ein in sich wieder abgerundetes schönes Konzerterlebnis.

Von links: Tenor James Gilchrist; Alt: Bogna Bartosz (Polen); Sopran: Johannette Zomer (Niederlande)

Als ein umsichtiger und liebenswürdiger Leiter des Konzertes ist der englische Dirigent Roy Gootman – (Gründer des englischen „Brandenburg Consort“) zu benennen, vertraut mit der historischen Aufführungspraxis. Ein wunderbar inspiziertes NDR Orchester, besetzt mit Spitzen-Instrumentalisten, hier einmal noch zusätzlich erwähnt die 1. Violonistin: Katrin Rabus, eine wahre Könnerin.

Bildmitte: die hervorragende 1. Violonistin: Kathrin Rabus

Von links: Bass-Bariton: Peter Harvey; Tenor James Gilchrist; Alt: Bogna Bartosz (Polen)

PDF  Zeitungs-Rezension – h i e r – klicken..!!

Schön, dass die Dresdener Barock-Komponisten Heinichen und Zelenka einem in Erinnerung zurückgerufen wurden. Als wahrer Meister der Barock-Komponisten ist wieder einmal der Name: „Johann Sebastian Bach“ zu nennen,  er war der strahlende Über-Engel an diesem Abend.

Gruß

Volker

+) Text: St. Michaelis

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6 Gedanken zu „Meine J.S. Bach-Eindrücke aus der St.Michaelis-Kirche Hildesheim mit der NDR-Philharmonie

  1. Claudia

    Hi Volker, Du hast Dir für diesen Bericht wirklich besonders viel Mühe gegeben. Die Musikbeispiele waren super, hat mich so ein bisschen träumen lassen, als wäre ich dabei. Das Fotoalbum unterstützte das noch. Tja ein manchmal breiiger Klang ist der Tribut, den wir den geschichtsatmenden Räumen zollen. Aber sonst waren ja alle Engel beieinander und auch gut drauf!
    von der Sopranistin habe ich neulich mal einen Bericht gelesen, das hörte sich eigentlich so an, als wenn da was gewesen wäre!
    Sonst muss es doch auch sehr stimmig gewesen sein.
    Lieben Gruß und noch kräftige Konzertnachwehen,
    claudia

    Antworten
  2. muriel

    Hejjjjjjjjjj, was war denn mit Johanette Zomer los? Ich kenne sie als eine ganz vorzügliche Sopranistin. Vielfach zu hören bei Ton Koopmann, Bachkantaten und Buxtehude. Na gut, vielleicht indisponiert. Wenn ich die Namen der Solisten gelesen hätte, ich wäre nur wegen J.Zomer zum Konzert gefahren.

    Liebe Grüße
    muriel

    Antworten
  3. Wolfgang

    Hi Volker!

    Ein wunderbares Konzert hast Du beschrieben. Gerne wäre ich auch dabei gewesen.
    Claudia meint zur von Dir geschilderten ‚breiigen Akustik‘ das Richtige:

    Das ist nun einmal ‚der Tribut, den wir den geschichtsatmenden Räumen zollen.‘

    Dagegen gaben die Mitwirkenden ihr Bestes, sind aber eingebunden in eine jeweilige historisch oder gesellschaftlich aktuelle Situation. ‚Geschichtsatmend‘-, wahrlich ein treffender Begriff. Wir als Sänger oder Hörer lernen und werden doch immer wieder motiviert von dem Atem, der dank Geschichte konserviert wurde. Gegenprobe ist das heutige Komositionsniveau oder auch die U-Musik. Da bleibt doch wenig ‚über den Tag hinaus‘ hängen.

    So ordnet sich der ‚kleine Chorsänger‘ bis hin zum ‚bedeutendenden Solisten‘ dem Raum und den gesellschaftlichen Gegebenheiten unter.

    Dennoch kann der ‚Raum‘ oder die ‚Zeit‘ störend sein. Da muß man dann abstrahieren können, oder-, man sagt sich: ich gehe nicht mehr hin.

    Einen schönen Abend wünscht

    @Wolfgang

    Antworten
  4. Martin

    Hallo zusammen,

    es scheint, dass ich da wirklich etwas verpasst habe. Einerseits ein weiteres Blog-Treffen, andererseits ein schönes Konzert.
    Für die Michaelis-Kantaten scheinen J.Gilchrist und P.Harvey wirklich die besten Spezialisten zu sein – während Gardiners Bach Cantata Pilgrimage führten sie die Kantaten in Bremen und Neviges auf (tags darauf BWV 50 in Bonn nochmal als Zugabe), dann nahmen beide an Gardiners Tour 2007 mit dem gleichen bzw. erweiterten Programm teil und nun diese Aufführung. Wahrscheinlich noch etliche weitere, von denen ich nichts weiss. Als ich vor einiger Zeit das Konzert vom 3. September 2009 (Gardiner führte schon wieder sein offensichtliches Lieblingsprogramm auf) im Radio hörte, war ich etwas enttäuscht, dass beide Solisten nicht dabei waren. Für mich gehören sie einfach in diese Kantaten.

    Was mich an der Programmgestaltung wundert:
    Wieso setzt man BWV 50 an den Anfang, wenn man schon (von den Proben) weiss, dass man eine schwierige Akustik zu bewältigen hat?
    Gardiner hat dies in Neviges damals vermieden, ebenso wie 2007 in Braunschweig. Beide Kirchen haben einen starken Hall und haben, wenn sie mit etlichen hundert Zuhörern gefüllt sind, nochmals eine ganz andere Akustik. Auch Weltklasseensembles müssen brauchen einige Takte, um sich auf solche Gegebenheiten einzustellen. Da „Nun ist das Heil und die Kraft“ nur 3,5 min lang ist und der Chor direkt von Beginn an einsetzt, ist es doch schade, dass so nun fast zwangsläufig einige der wichtigen ersten Takte der Akustik zum Opfer fallen.

    In Neviges hat er deshalb mit BWV 130 begonnen (BWV 50 folgte am Ende und als Zugabe), in Braunschweig mit „Es erhub sich ein Streit“ von J.C. Bach, wenn ich nicht irre. BWV 50 folgte dann kurz vor der Pause, als sich alle ausführlich an die Akustik gewöhnt hatten und demenstsprechend schwung-, machtvoll und mitreissend geriet dann die Aufführung.

    Wurde eigentlich auf barocken Instrumenten musiziert? Auf den Fotos kann ich das nicht erkennen.

    Allen einen schönen Tag und schöne Grüsse
    Martin

    Antworten
  5. Barbara

    Hallo Volker und hallo alle anderen,
    es ist doch erstaunlich, wie unterschiedlich ein Konzert wahrgenommen werden kann. Erst einmal – wenn ich ein Konzert in einer Kirche besuche, möchte ich – gerade bei so wunderbaren Bach-Kantaten – auch hören, dass ich in einer Kirche bin und nicht in einem perfekt konstruiertem Konzertraum. Die Mauern dieser Kirche haben für mich wirklich etwas sprituelles ausgestrahlt, vielleicht haben sie auch auf die Musik geantwortet. So bin ich mit dem Gefühl nach Hause gefahren, einen magischen Moment erlebt zu haben. Von Klangbrei kann man absolut nicht reden. Ich habe jetzt 2 unterschiedliche Konzerte der Radiophilharmonie Hannover im Rahmen des Ring Barock erlebt. Bei dem ersten Konzert – das war Klangbrei, aber hier hat Roy Goodman wirklich hervorragend das Orchester zu einer klaren, durchsichtigen Spielweise animiert. Die Radiophilharmonie, um auf Deine Frage zu antworten, Martin, ist ein modernes Orchester und spielt in moderner Stimmung. In ihrer Reihe Ring Barock laden sie seit einigen Jahren ausgewiesene Barockspezialisten ein, um sich von ihnen in die historische Aufführungspraxis einweisen zu lassen. Von Reinhard Goebel über Peter Neumann zu Andrew Manze waren schon die meisten der bekannten Dirigenten hier. Ebenso sind die Gesangs- oder Instrumentalsolisten die Bekanntesten des Genres. Im nächsten Konzert im Juni wird dies übrigens Carolyn Sampson sein. Auch mit Bach.
    Der Chor war leider der Schwachpunkt. Sie haben excellent gesungen, wunderbar phrasiert – aber die Mauer, die das Orchester aufgebaut hat, war stellenweise zu hoch. Und die können wirklich singen, glaubt es mir. Vielleicht war auch durchaus das Ziel, dass das Orchester nicht nur Begleitung für den Chor sein sollte, sondern mehr Gewicht bekommen sollte. Das wäre eine Frage an Roy Goodman wert gewesen.
    Johanette Zomer ist eine so phantastische Bachsängerin. Es war schon überraschend, wie sie an dem Abend gesungen hat. Aber auch Sänger haben schlechte Tage und zur Zeit ist es ja kein Wunder, wenn jemand mit den Viren kämpft. Ich denke, das wird es gewesen sein. Um so bewundernswerter, dass sie sich hingestellt und gesungen hat. Selbst hinter den zeitweise etwas scharfen Tönen war zu hören, wie wunderbar sie Bach interpretieren kann.
    Die Werke von Heinichen und Zelenka haben mir zeiteilig ein Schmunzeln ins Gesicht getrieben, sie haben zwischen den wunderbaren Kantaten für ein wenig Erdung gesorgt.
    Was Du sonst geschrieben hast, Volker, kann ich nur unterstreichen.
    Es war ein wunderbarer Abend
    Barbara

    Antworten
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