Meine Eindrücke vom wiedereröffneten Bach-Museum Leipzig

Liebe Bach-Freunde!

Eingestimmt durch einen wunderbaren Gottesdienst, der sich wie immer in der Thomaskirche durch eine reichhaltige lutherische Liturgie auszeichnete, konnte ich nach dem Besuch des Bundespräsidenten das neu-alte Bach-Museum endlich erkunden. Doch zuerst wurde noch eine große Geburtstagstorte hereingetragen und es steigerte sich die Spannung auch noch zusätzlich dadurch, dass der Stellvertretender des Thomaskantors im Innenhof einen mehrzeiligen Geburtstagskanon mit uns einübte.

Eröffnung Bach-Museum durch den Bundespräsidenten Horst Köhler

Natürlich konnten die Kuratoren des Museums nicht drumherum, Bach auch ‚interaktiv‘ und ‚medial‘ zu präsentieren und ‚aufzuarbeiten‘. So konnte man im ersten Raum an einem ‚digitalen Wühltisch‘ Bach-Dokumente für sich zusammenstellen, ordnen und vergrößern.  Weiter oben hingen Orgelpfeiffen von der Decke, die beim Berühren mit dem Ohr Bach-Melodien tief in dich hineinsummten. Nebenan konnte man Bach-Choräle in bestimmten Instrumentierungen zum besseren Verständnis herausstreichen.

Und stundenlang konnte man in der Hörbar Bach-Werke aufsuchen und selbst bestimmen, was aus dem gesammten Bach-Werke-Verzeichnis jetzt für mich erklingen sollte. Wie der Titel eines in unserem Blog schon besprochenen Bach-Taschenbuchs konnte ich sagen: „Bach und ich.“ Er entsteht jetzt durch mich neu!!.

Die alte Thomasschule zu J.S. Bach's Zeiten als Modell

Irritiert kehrte ich zurück in die sog.Schatzkammer: Wichtige Orthographe von Bach-Kantaten und Bestallungsurkunde stellten fest: Bach gehört zu den Grundlagen unserer Kultur. Nach drei Stunden konzentriertem Aufnehmens bin ich dann fast ‚bach-trunken‘ auf den Thomas-Kirchhof getorkelt. Auf dem Weg in mein Schlafquartier fragte ich mich: Was hat Dich denn jetzt wirklich berührt?

Gut-, das man Abstand gewinnen kann. Also zunächst zurück zum Gottesdienst für den Sonntag Judika mit dem Thema ‚Maria Verkündigung‘. Bach geht ja in seiner Kantate zu diesem Sonntag BWV 1 mit keinem Ton oder Wort auf die biolgischen Verwirnisse einer Jungfrauengeburt ein. Er konzentriert sich auf das Wunder, das bei Gott alles möglich ist. So will Bach  den hellen Schein des Morgensterns darzustellen. In diesem Licht verändern sich die an den Menschen gebundenen Normalitäten und erleuchten das Wesentliche: Gott geht aus vom Unscheinbaren, Nicht-Verständlichen. Pfr. Wolff hatte diese Botschaft des Predigttexts und der Kantate prägnat und nicht zu lang ausufernd den Hörern vermittelt.

Weiter zurück dann in den Innenhof des Bose-Hauses. Was standen da für merkwürdige weiße Schiebekarren herum. Kinder probierten sich daran und zeigten es uns Erwachsenen: ‚Presto – Largo – Andante … (vgl.Bild) . Bach-Melodien wurden durch die eigene kindliche Schubkraft schneller oder langsamer zum Erklingen gebracht. Mir dämmerte es: Bach selbst, der 14 Kinder sein eigen nannte, mußte doch in seinem Museum des Jahres 2010 auch mit Kinder anregenden ‚Musikmöbeln‘ vertreten sein‘. Und  so hatten es die Kuratoren auch vorgesehen. Der Lernerfolg stelle sich dann bei mir dann so ein:

Im Bach-Museum melodische Kinder-Schubkarren Presto - Largo - Andante

Erst meine eigene Anstrengung ermöglicht es mir, Bach-Töne aufzunehmen und  in mir selbst zu interpretieren uns für mich wirken zu lassen.

Musikalischer Schubkarren im Bach-Museum

Mit diesem ‚Lernerfolg‘ ging ich dann weiter im Museum herum. Beeindruckt hat mich die Rekonstruktion der abgerissenen Thomasschule und eine alte Fotografie der Komponier-Stube des Thomaskantors.

In welchen kümmerliche Verhältnissen mußte sich Bach immer wieder neu auf die wöchentlich neue Aufgabe konzentrieren:  jede Woche ein Meisterwerk!

Altes Foto: Die Komponierstube von J.S. Bach

Zum Schluss: was fehlte an der Bach-Repräsentation? Wie bereits festgestellt, verließ ich ganz ‚bach-trunken‘ das neue Bach-Domiziel. Doch ich merkte:  wenn  man den Bach-Virus nicht in sich trägt, bleiben alle medialen Kunststücke l’art pour l’art. Darum bleibt es unsere Aufgabe, die auch ohne große musikalische Kenntnisse gut nachvollziehbare bachische Sprache und Vorstellungswelt zu vermitteln, die ja versucht, das Unvorstellbare und Geheimnisvolle, aber uns Verheißene  auszudrücken.

Immer wieder werden sich Kinder und Erwachsene danach sehnen, das unbestimmter Gefühl nach Gott und irdischer Ordnung Gestalt werden zu lassen.  Im Leipziger Bach-Haus finden sich dazu vielfältige Anregungen. Gerne war ich bei der Eröffnung dabei.

Gruß

@Wolfgang

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6 Gedanken zu „Meine Eindrücke vom wiedereröffneten Bach-Museum Leipzig

  1. Volker

    Lieber Wolfgang,

    danke für deinen so aufschlussreichen Bericht von der Wiedereröffnung des Bach-Museums in Leipzig vom 21. März 2010. Deine tollen Fotos dokumentieren mir, dass es sich lohnt, hier den Spuren von J.S. Bach zu folgen. Die modernen Möglichkeiten sind ja überwältigend und sind der Zeit entsprechend angepasst worden. Nett finde ich die Idee für Kinder, mit dem Schubkarren Musik-Klänge erzeugen zu können, dass lässt für sie das Museum sehr erträglich und nicht langweilig erscheinen zu lassen und so sollte es auch sein, sie für die Musik und sein Umfeld in diesem Sinne begeistern zu können.

    Ansonsten findet man im Internet nur helle Zustimmung zu diesem neuen gestalteten Bach-Ort, der so manches Schätzchen sein Eigen nennt und damit den Besucher förmlich anlocken wird. Freuen wir uns als Bach-Freunde darüber, dass in dem Bose-Haus diese tolle Umgestaltung möglich gemacht wurde. Unser Johann-Sebastian hätte sicherlich seine helle Freude daran, dass nun seine Werke wirklich unsterblich werden und an einem gelungenen Ort für jedermann zur freien Verfügung stehen.

    Grüsse
    Volker

    Antworten
  2. Martin

    Hallo Wolfgang,

    vielen Dank für diese ausführliche Beschreibung!
    Ich bin sehr gespannt darauf, das Museum im Juni selbst zu entdecken! Wahrscheinlich wünsche ich mir dann (wie in jedem Bach Museum) abends eingeschlossen zu werden, um mir alles mal in angebrachter Ruhe und Ausführlichkeit zu Gemüte führen zu können. Gerade während des Bachfests wird das wohl eher kaum möglich sein…

    Schöne Grüße,
    Martin

    Antworten
  3. Iris

    Hallo, Wolfgang,
    am letzten Wochenende habe ich Dich beneidet und war deshalb auch ganz gespannt auf Deinen Bericht. Vielen Dank. Jetzt müssen wir normal Sterblichen bis J u n i warten, um dann auch Staunen zu können.
    Herzl. Gruss
    Iris

    Antworten
  4. Claudia

    Hallo Wolfgang,
    es beruhigt mich, dass Du „nur“ 3h im Museum verbracht hast, deine Schilderungen können auch darauf schliessen, dass man besser einen ganzen Tag einplanen sollte… Kann man denn mit Bach-Trunkenheit noch Autofahren ;-)?
    Ich bin wirklich sehr neugierig alles „in Echt“ zu erleben, Danke schon mal für Deinen detailreichen Ausflug zu Hr. Bach.
    Schöne Nachwehen noch von Laipz´sch,
    Claudia

    Antworten
  5. Wolfgang

    Liebe Bach-FreundINNEN!

    Danke für Eure Kommentare. Auch das Presse-Echo auf die Museumseröffnung war breitgestreut.

    Zu meinem Bericht füge ich noch eine genauere Bezeichnung hinzu:

    ‚Klang-Droschken‘

    nennt man die weissen Schiebekarren mit den musikalischen Tempobezeichnungen. Keiner der von mir in der Woche drauf gelesenen Presseberichte hatte dieses dem vielfachen Kinds-Vater Bach geschuldete wichtige kindgerechteMuseums-Detail erwähnt.

    Dagegen aber sind viele gerne auf die ‚Geldkassette‘ redaktionell draufgesprungen, in der ‚Bach seine Aktien hortete'(so Überschrift Die Welt 20.3.)

    Ich hoffe, dass die Reifen der Klang-Droschken noch nicht abgefahren sind, wenn einige von Euch zum Bach-Fest in’s Bose-Haus kommen.

    Mit gesegneten Ostergrüßen

    @Wolfgang

    Antworten
  6. Montanus

    Lieber Wolfgang,
    letzte Woche war ich im Bach-Museum.

    Die weite Reise nach Leipzig hat sich unbedingt gelohnt! Und weil Du schon so viel Zutreffendes geschrieben hast, das ich voll unterschreibe, erübrigen sich weitere Kommentare meinerseits.

    Die „Klang-Droschken“ habe ich allerdings weder gesehen noch gehört. Sind sie schon kaputt, wurden von konzentrierten Besuchern als störend empfunden – oder waren sie nur ein Gag zur Eröffnung?
    Jedenfalls: Auch ohne die putzigen Dinger ist das neue Bose-Haus für jeden Bach-Freund ein Muss!

    Gesegnete Ostern!
    Montanus.

    Antworten

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