Braunschweig, 15.12.2006 Volker
Phänomenaler Auftakt der SDG-Reihe „Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik im Braunschweiger Land.“
Sir John Eliot Gardiner überzeugte und begeisterte mit den Advents-Kantaten von J.S. Bach in seiner unnachahmlichen Art mit dem Monteverdi Choir und The English Baroque Soloists in der St. Martini-Kirche in Braunschweig.
Foto: Banner an der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright. V.Hege)
Foto: Aufführungsstätte der Bachkantaten St. Martini-Kirche in Braunschweig (Foto: Copyright. V.Hege)
Veranstaltungsort: St. Martini-Kirche / Altstadtmarkt 38100 Braunschweig
Johann Sebastin Bach: Kantatenwerke zu Advent
Programm:
BWV 61 „Nun kommt der Heiden Heiland“ BWV 70 „Wachet! Betet! Betet! Wachet“ BWV 140 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“
Ausführende:
The English Baroque Soloists; Monteverdi Choir; Sopran: Julia Doyle; Altus: William Towers
Tenor: Nicholas Mulroy; Bass: Matthew Brook; Oboe: Michael Niesemann; Horn: Gawin Edwards; Trompete: Neil Brough;
Leitung: Sir John Eliot Gardiner
Foto: Pausenapplaus nach 2 großartigen Bachkantaten in der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright: V.Hege)
Foto: Sir John Eliot Gardiner nach dem gelungenen Auftaktkonzert am 15.12.2006 in der St. Martini-Kirche Braunschweig (Foto: Copyright V.Hege)
Foto: Der deutsche Oboist Prof. Michael Niesemann mit einer Glanzvorstellung (Foto: Copyright V.Hege)
Als ein fantastischer Auftakt von „Soli Deo Gloria, Feste Alter Musik“ konnte in der St. Martini-Kirche in Braunschweig diese Konzert bewundert werden. Durch eine glanzvolle Interpretation und einem engelhaften Gesang des Monteverdi Choirs und prächtigen barocken Klangfarben durch The English Baroque Soloists unter der Leitung von Sir J.E. Gardiner – wurde mit herrlichen Advents-Kantaten von J.S. Bach – der Hörer mit traumhafter Musik beglückt.
Zu Beginn erklang die Kantate: BWV 61 „Nun kommt der Heiden Heiland“, die für den 1. Advent 1714 in Weimar entstand nach einem Text von Erdmann Neumeister. Die Ouvertüre als vierstimmiger Choralsatz “Nun komm der Heiden Heiland“ (Choral von Martin Luther) wurde stimmig prägnant durch sechs Sopranistinnen, sowie zu je vier Alt, Tenor und Bässen vortrefflich ausdrucksstark vorgetragen.
In dem Rezitativ und Arie für Tenor wurde durch Nicholas Mulroy – Solisten-Besetzung aus dem Vokalensemble – eine vortreffliche Wiedergabe geboten. Ausdrucksstark im Text und in seiner Stimme.
Ein Höhepunkt dieser Kantate im Bass-Rezitativ: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Gesungen wird das Rezitativo von Matthew Brook (ebenfalls eine Solisten-Besetzung aus dem vorzüglichen Vokalensemble). Ausgestattet mit einem unwahrscheinlichen Timbre und Volumen an Stimmeskraft wusste er hier zu gefallen. Unvergleichlich schön gelang den Streichern das Pianozupfen als ein Klopfen mit dem Hinweis auf den Text: ….ich stehe vor der Tür und klopfe an.
Im Abschlusschoral: „Amen, amen“! Konnte das Vokalensemble seine stimmlich ausgebildeten Qualitäten überzeugend einbringen.
Anschließend erklang die zweiteilige Kantate: BWV 70 „Wachet! Betet! Betet! Wachet!“ Es ist eine Grundfassung der Weimarer Kantate für den 2. Advent, die in Leipzig am 21. November 1723 für den 26. Sonntag nach Trinitatis, umgearbeitet wurde. Der Text ist von Salomon Franck und handelt vom Ende der Welt und der Erwartung der Wiederkunft Christi.
Hier gelang dem Trompeter (Neil Brough) mit einer „Tromba da tirarsi“, einer tiefen Zugtrompete, eine künstlerische Glanzleistung. Ansatzlos und Einfühlsam im Cantus firmus erklingt sein beispielhaftes Spiel in dem Choral: „Es ist gewisslich an der Zeit“ und sich bei den Chorälen ideal mit der menschlichen Stimme im tonalen Verhalten einbringt. Ein begnadeter Trompetenkünstler mit Weltniveau.
In den Rezitativen und Arien dieser Kantate ist das Solistenquartett von erhebender Qualität aus den Reihen des Vokalensembles besetzt. Ob Sopran: (Julia Doyle), Altus: (William Towers), Tenor: (Nicholas Mulroy) und Bass: (Matthew Brook), überzeugen durch einen sensiblen und ausdrucksstarken Gesang. Die Choräle wurden wunderbar natürlich fließend in einem transparenten Gesangsstiel überzeugend vorgetragen, die in der Diktion und wörtlichen Ausdrucksform ein Genuss des Gesanges darstellt.

Foto: Die Gesangssolisten: Matthew Brook (Bass); Nicholas Mulroy (Tenor); William Towers (Altus); Julia Doyle (Sopran) (Copyright: V.Hege)
Nach einer Kurzpause wurde eine kleine Programmänderung in der Konzertabfolge vorgenommen. Für die vorgesehene Kantate BWV 140 „Wachet auf“ wurde die zweiteilige Kantate BWV 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“ vorgezogen.
Diese Kantate ist für das Fest Mariae Heimsuchung am 2. Juli 1723 in Leipzig komponiert. Bach verwendet Teile eines Textes von Salomon Franck, der ursprünglich für den 4. Advent gedacht war. Durch Hinzufügung eines unbekannten Autors wurde er dem Marienfest angepasst. Dieses Kantatenwerk ist aufgrund seiner Innigkeit an Klangfarben und wunderschönen Rezitativen und Arien – davon drei unterschiedlich instrumentierte Rezitative und vier Arien, die ersten drei geringstimmig, die vierte vollstimmig – ein Kleinod und erfreuen sich einer großen Publikumsgunst.
Hervorheben möchte ich hier die herrliche Sopran-Arie (Julia Doyle) des fünften Satzes: „Bereite dir, Jesu, nach itzo die Bahn“ Inniger und warmherziger kann ein Gesangsvortrag von diesem Format nicht erklingen, das Violinsolospiel dazu erfüllt das Herz mit einem überschäumenden Glücksgefühl. Zum Abschluss erklingt der Schlusschoral: „Jesus bleibet meine Freude“ in überschwänglicher Klangespracht. Bemerkenswert hierbei das prägnante und bezaubernde Oboenspiel (Prof. Michael Niesemann), das aufhorchen lässt, hier ist ein Spitzenspieler, von dem in Zukunft noch mehr zu hören sein wird.
Hier erweisen sich alle Beteiligten als die vorzüglichen Interpreten. Gardiner war auf einen nuancenreichen Ton bedacht immer wieder erzielt er raffinierte Klangeffekte. Die Ungereimtheiten so manch anderer Ensembles in der Aufführungsform der Alten Musik gelingt ihm im Gegensatz dazu vortrefflich. Seine Auffassung von bachscher Musik ist prägnant in seiner persönlichen Art und Wiedergabe. Sein Empfinden zu Bach strahlt Wärme und Glaubenszuversicht aus und lässt den Hörer diese Wesensart beeindruckend miterleben.
Der Schluss erfolgte mit der Kantate BWV 140 „Wachet auf ruft uns die Stimme“ diese komponierte Bach für den 27. Sonntag nach Trinitatis, den 25. November 1731 in Leipzig. Der unbekannte Textdichter behielt alle drei Strophen des berühmten Liedes von Philipp Nicolai bei, die Bach im Eingangschor, in der Choralbearbeitung für Streicher Tenor und Basso continuo in der Mitte sowie im Schlußchoral verwendet.
Im Duett zwischen Jesus (Baß) und der Seele (Sopran) setzt Bach als obligates Instrument einen Violino Piccolo (Terzgeige) ein, welche in himmlischen Höhen jubiliert. Diese Nuance wird von Bach in dem vierstimmigen schlichten Schlußchoral nochmals mit eingesetzt, ein Kunstgriff, durch die hohe Lage der Liedweise und die Oktavierung der Terzgeige untermauert er die Seligkeit im himmlischen Jerusalem musikalisch.
Eine Kantate die gespickt ist mit herrlichen und bekannten Chorälen. Eingangschoral: “Wachet auf ruft uns die Stimme“, im vierten Satz: „Zion hört die Wächter singen“, sowie der grandiose Schlusschoral: „Gloria sei dir gesungen.“ In diesen Chorälen findet die Sangeskunst ihre Darbietungskünstler in Form des Monteverdi Choirs. Die gesangliche Mitteilung, das Können der Wortartikulation lässt den Hörer nur staunen, dieses Vokalensemble, bestehend aus 18 Mitwirkenden erzielt mühelos alle Nuancen des Singen aufs Vortrefflichste, ob im Piano oder kraftvoll eingefordert wie im Abschlusschoral „Gloria sei dir gesungen“, für sie bestehen keine unüberwindbare Hürden, einfach perfekte Gesangskultur auf höchstem Niveau. Auf dem gleichen Level liegend ein spielendes Barockorchester in seiner unnachahmlichen Art die grandiose Barockmusik klanglich und vortrefflich interpretieren zu können.
Ein fantastischer Abend neigt sich dem Ende und entlässt die Besucher beglückend und beschwingt in die Weihnachtszeit. Nicht endend wollender Applaus beschließt ein Konzerterlebnis, dass von überragenden Mitwirkenden und einer genialen Musik gekennzeichnet war.
Volker