5.2.2007 von Alexmusician.
Hallo,
mit dieser Rezension möchte ich mich einem weiteren Höhepunkt der Pilgrimage widmen, dem Konzert in der Leipziger Thomaskirche am 22.10.2000 (18. Sonntag nach Trinitatis). An diesem Abend kamen die Kantaten “Du Friedefürst, Herr Jesu Christ” BWV 116, “Gott soll allein mein Herze haben” BWV 169 für Alt-Solo, “Herr Christ, der ein’ge Gottessohn” BWV 96, die Motette “Der Gerechte kommt um” sowie der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a zur Aufführung.
Foto: Thomaskirche in Leipzig
Bei diesem Konzert hatte ich die Möglichkeit, bereits am Samstag anzureisen und das ganze Wochenende in der Nähe des Meisters zu verbringen und Bach’s Musik an “ihrem Ort” zu hören. Schon in den Proben spürte man Bach’s Geist am Ort und die Musiker waren merklich von Beginn an damit erfüllt und infiziert.
Das Konzert selbst geriet zu einer emotionalen Sternstunde. Allerdings machten sich auch Spuren der Leipziger Geistlichkeit bemerkbar, mit denen Bach sicherlich auch zu kämpfen hatte. Zunächst einmal gab es große Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Probenzeit, in denen die Kirche geschlossen blieb. Im Konzert erschien dann zu Beginn der örtliche Pfarrer und mahnte, daß man bitteschön nicht klatschen dürfte, es sei schließlich geistliche Musik. Die treuen Gardinerfans, die sich flugs als des deutschen nicht mächtige Engländer ausgaben, ignorierten dies standhaft:). Allerdings gab es auch ein paar Sturköpfe, die sich strikt an den Befehl der angestaubten Geistlichkeit hielten…
Gardiner hatte das Programm so zusammengestellt, daß es schwungvoll begann und andächtig und anrührend enden sollte. Wiederum war die Kirche zum bersten gefüllt, als Chor und Orchester die Bühne betraten. Der Meister trat auf und es begann die hinreißende Orchestereinleitung zur Kantate 116. Wie immer bestach der Chor durch Kraft und unglaubliche Prägnanz in Sprache und Gesangskunst. Die Solisten waren Katherine Fuge, Natalie Stutzman, Christoph Genz und Gotthold Schwarz. Bis auf Nathalie Stutzman ließen auch diese keine Wünsche offen. Nathalie Stutzman jedoch war für meine Ohren zu opernhaft mit großem Vibrato, daß einfach nicht zu Bachs Musik paßt. Die Kantate endete mit dem schlichten Choral “Erleucht auch unser Sinn und Herz”.
Es folgte die Kantate 169 mit einer großangelegten Sinfonia, die eine Umbearbeitung des 1. Satzes vom E-Dur Cembalokonzert BWV 1053 darstellt. Hier gelang Organist Silas Standage eine Meisterleistung. Gekonnt und schwungvoll spielte er den z. T. haarsträubend schweren Orgelpart. Auch in dieser Kantate konnte Nathalie Stutzman nicht überzeugen, sie erwies sich leider auch hier als vibratoreiche Opernsängerin und wußte nicht zu überzeugen. Der Schlußchoral “Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst” wurde andächtig un voller Überzeugungskraft vom Monteverdi Choir gesungen.
Die nun folgende Kantate 96 war für mich die schönste des Abends. Der Eingangschor beginnt hier mit einem großangelegten Orchesterpart über dem als Krönung eine Sopranino-Blockflöte in himmlischen Sphären spielt. Außerdem liegt der cantus firmus nicht, wie sonst eher üblich, im Sopran, sondern wird monumental vom Alt vorgetragen. Diese ganze Choralfantasie birgt so eine himmlische Ruhe aber auch einen solch wunderbaren Fluß, wie sie Christus als “Morgenstern” beschreibt. Mir gegenüber saß im ganzen Konzert ein älterer Herr aus England, der sich zuvor als guter Freund von John Eliot vorgestellt hatte und gerade bei dieser Kantate hatte ich den Eindruck er stand einem Zusammenbruch nah. Es war aber auch wirklich hart: Diese fantastische Musik an Bachs Arbeitsstätte… ich glaube, jeder hatte da ein bißchen mit seiner Fassung zu kämpfen. Besonders schlimm wurde dies dann bei den beiden letzten Werken des Konzertes “Der Gerechte kommt um” und Bach’s eigenem Sterbechoral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” BWV 668a. “Der Gerechte kommt um” ist eine Bearbeitung der Kuhnau’schen Motette “Tristis est anima mea”. Es scheiden sich hier zwar die Geister, ob die Bearbeitung wirklich von Bach ist, aber die Motette ist auf so zauberhafte Weise instrumentiert, daß dies eigentlich nur aus der Hand Bach’s kommen kann.
Nach dieser Motette trat das Orchester ab und der Chor ging mit Gardiner hinter das Podium und versammelte sich um Bach’s Grab. Bei dem Gedanken daran wird mir jetzt beim Schreiben noch anders. Als Abschluß erklang dann von diesem Ort der Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit”. Es kann sich glaube ich niemand vorstellen, wie unser aller Gefühlswelt in diesem Augenblick aussah. Nach dem Choral stand Gardiner allein minutenlang an Bach’s Grab und betete und auch wir Zuschauer waren zum Großteil völlig fertig. Ich glaube ich habe noch nie so viele heulende Gäste und v.a. auch Musiker gesehen. Es war so unglaublich, was an dem Abend natürlich unter Einfluß der sehr anrührenden Musik passierte. Hinterher spielten sich sehr schöne menschliche Szenen ab, bei denen man Gardiner als “Patriarch” und Vater für seine Musiker erleben konnte.
Wiederum war ein unvergeßlich schönes Konzert zu Ende gegangen.
Viele Grüße,
Alex
———————————————————————————
Bereits abgegebene Kommentare nachstehend:















































