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Biografie Julia Fischer – Violine


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Julia Fischer, © Decca, Uwe Arens
© Decca, Uwe Arens

1983 in München als Tochter deutsch-slowakischer Eltern geboren, gehört Julia Fischer zu den führenden Geigensolisten, die Zuhörer rund um die Welt mit ihrer Musik begeistern. Sie begann ihren musikalischen Lebensweg im Alter von knapp vier Jahren und wurde bereits im Alter von neun Jahren als Jungstudentin von der renommierten Geigenprofessorin Ana Chumachenco unterrichtet.

Ein entscheidender Meilenstein ihrer rasanten Karriere war der Gewinn des internationalen Yehudi-Menuhin-Wettbewerbs 1995 unter der Leitung des großen Geigers. Im Jahr darauf gewann sie den 8. Eurovisionswettbewerb für Junge Instrumentalisten. Seither musiziert Julia Fischer mit namhaften Dirigenten und führenden Orchestern der Welt. Viele ihrer Konzerte wurden vom Fernsehen und Rundfunk live übertragen oder aufgezeichnet. 2006 wurde Julia Fischer in die Jahrhundert-Geiger-CD-Edition der Süddeutschen Zeitung aufgenommen. 2007 erhielt sie den international hoch angesehenen Gramophone Award als Artist of the Year und 2009 erhielt sie den gleichen Titel bei der MIDEM Klassik in Cannes. Im Mai 2011 verlieh ihr die Stiftung Kulturförderung den Deutschen Kulturpreis.

Die Saison 2010/2011 begann Julia Fischer mit einem Auftritt bei den BBC Proms mit dem London Philharmonic Orchestra unter Vladimir Jurowski. Ein Höhepunkt ihrer Laufbahn war ihr „vorzügliches Philharmoniker-Debüt“ (Salzburger Nachrichten) bei den Salzburger Osterfestspielen 2011 mit den Berliner Philharmonikern, wo sie das Violinkonzert von Glazunow spielte. 2010/2011 ist Julia Fischer Artist in Residence beim Orchestre Philharmonique de Monte Carlo und in Baden-Baden.

Eine Rezitaltournee mit Martin Helmchen, mit dem sie in der vergangenen Saison eine viel gepriesene Einspielung der Schubert-Sonaten herausgebracht hat (Pentatone), führte Julia Fischer Ende 2010 durch Deutschland, nach Spanien und London. Eine enge Zusammenarbeit verbindet Julia Fischer mit der Academy of St. Martin in the Fields, die sie regelmäßig leitet, so in dieser Saison bei einer Schweiz-Tournee.

Im Mai 2011 war Julia Fischer beim Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst zu Gast. Sie gastiert regelmäßig in den USA: beim Chicago Symphony Orchestra, Cincinnati Symphony Orchestra, San Francisco Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Boston Symphony Orchestra oder beim New York Philharmonic Orchestra.

Julia Fischer ist eine leidenschaftliche Kammermusikerin. Zu ihren Kammermusikpartnern zählen u. a. Jean-Yves Thibaudet und Daniel Müller-Schott.

Sie ist zu Gast bei den großen Festivals weltweit, so u. a. bei London’s Mostly Mozart Festival, dem Aspen Music Festival, dem Ravinia Festival, dem Festival Lucerne, dem Prager Frühling, dem St. Petersburg Winter Festival, beim Schleswig-Holstein Musik Festival und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Ihr eigenes Festival Julia Fischer und Freunde findet dank der Kreissparkasse München-Starnberg alle zwei Jahre in ihrer Heimat statt, so wieder im Sommer 2012.

In der Saison 2007/2008 gab Julia Fischer, die nie das Klavierspielen aufgegeben hat, in der Alten Oper Frankfurt ihr Debüt als Pianistin mit Griegs Klavierkonzert und spielte im selben Konzert auch noch ein Violinkonzert von Saint-Saëns. Dieses viel gelobte Konzert wurde von der Unitel mitgeschnitten und im August 2010 als DVD bei Julia Fischers Exklusiv-Label Decca veröffentlicht.

Mit den Bach-Konzerten brachte Julia Fischer 2009 ihr Debüt-Album bei der Decca heraus (Academy of St. Martin in the Fields), 2010 folgten die Caprices von Paganini. Im April 2011 erschien ihre aktuelle CD Poème mit Werken von Chausson, Respighi, Suk und Vaughan Williams. Ihre Einspielungen stoßen auf höchstes Lob bei den international wegweisenden Medien.

Ihre ersten CDs veröffentlichte Julia Fischer bei dem Label PentaTone: darunter die Russischen Violinkonzerte (2004) und Tschaikowskys Violinkonzert (2006) – jeweils mit dem Russischen Nationalorchester unter Yakov Kreizberg -, die beide mit dem Echo Klassik ausgezeichnet wurden. Für Bachs Sonaten und Partiten erhielt sie den BBC Music Magazine Award 2006 Best Newcomer, den französischen Choc der Monde de la Musique und den Diapason d’Or de l’Année. Im Rahmen einer großen Tournee spielte sie die Sonaten und Partiten Anfang 2010 in den renommiertesten Sälen Europas.

Julia Fischer beschäftigt sich auch mit zeitgenössischer Musik: Gemeinsam mit Jean-Yves Thibaudet und Daniel Müller-Schott brachte sie ein Klaviertrio von Matthias Pintscher zur Uraufführung. In der Saison 2006/2007 spielte sie gemeinsam mit dem Netherlands Philharmonic Orchestra Lorin Maazels Violinkonzert, außerdem das Violinkonzert von Nicholas Maw beim Aspen Music Festival. Im September 2012 wird sie das ihr gewidmete 2. Violinkonzert von Matthias Pintscher uraufführen.

Julia Fischer wird zum 1. Oktober 2011 auf eine Professur an die Hochschule für Musik und Theater München berufen. Sie kehrt damit als Dozentin an die Hochschule zurück, an der sie von Ana Chumachenco ausgebildet wurde. Da sie weiterhin weltweit konzertiert, unterrichtet sie an der Hochschule im Umfang einer halben Stelle. Im Alter von gerade mal 23 Jahren hatte Julia Fischer 2006 bereits in Frankfurt eine Professur übernommen.

Julia Fischer spielt auf einer Geige von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahre 1742.

http://www.juliafischer.com:8080/index.jsp?lang=de

http://www.ks-gasteig.de/kuenstleragentur/kuenstler/violine/julia-fischer/index.html

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Biografie Kati Debretzeni – Violine


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Kati Debretzeni, © Joe Plommer
© Joe Plommer

Kati Debretzeni wurde in Transsilvanien geboren und emigrierte am Alter von 15 Jahren nach Israel. Sie studierte Violine an der Musikakademie von Tel Aviv bei Ora Shiran. Aufgrund ihres Interesse an historischer Aufführungspraxis setzte sie ihre Studien im Fach Barockvioline bei Catherine Mackintosh und Walter Reiter in London fort. Im Jahr 2000 nahm sie an der Bach Cantata Pilgrimage John Eliot Gardiners als Konzertmeisterin teil. Sie kann auf vielen der kürzlich veröffentlichten Liveaufnahmen des Labels SDG gehört werden. Seither wurde sie von verschiedenen Orchestern wie Orchestra of the Age of Enlightenment, King’s Consort, English Concert, Sevilla Baroque Orchestra und Balthasar Neumann Ensemble eingeladen. Sie ist nach wie vor eine der KonzertmeisterInnen der English Baroque Soloists und führte gemeinsam mit dem Pianisten Robert Levin ein rekonstruiertes Doppelkonzert von Mozart bei den Salzburger Festspielen 2006 auf. Sie spielte Vivaldis Vier Jahreszeiten in Island und Polen. Ein weiteres Projekt war eine Tournee und CD-Einspielung der Brandenburgischen Konzerte von Bach gemeinsam mit Trevor Pinnock und seinen European Brandenburg Ensemble. Als aktive Kammermusikerin war sie von 2000 bis 2006 Mitglied von Florilegium, mit denen sie im Wiener Konzerthaus, der Wigmore Hall, dem Concertgebouw Amsterdam u.a. Konzerte gab.

Einspielungen des Amsterdam Baroque Orchestra für Channel Classics, bei denen sie als Gast-Konzertmeisterin mitwirkte, wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Die Aufnahme der Pariser Quartette von Telemann mit Florilegium wurde für den Gramophone Award nominiert. Ihre Forschungen zu Werken von Heinrich Biber sind auf einer CD mit dem von ihr mitgegründeten Ensemble Ricardo (LINN) dokumentiert, die als Kammermusik-CD des Monats im Fachmagazin „The Strad“ ausgewählt wurde. Dieses Ensemble ist spezialisiert auf den „Stylus Phantasticus“ des 17. Jahrhunderts.

Kati Debretzeni gab Kurse und Workshops in Europa und Israel. Sie unterrichtet im Fachbereich Alte Musik am königlichen Konservatorium in Den Haag.

Ein Interview auf Englisch:
http://oaeblog.wordpress.com/2010/10/12/speed-interview-kati-debretzeni/

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Neue Reihe: Bach-Kantaten zum Sonntag im Kirchenjahr mit Hörbeispielen und Kantatenbeschreibung für den 6. Sonntag nach „Trinitatis“


Thomaskirche-Taufstein, an dem elf Kinder von Johann Sebastian Bach und seiner Frau Anna Magdalena getauft wurden.

Liebe Bach-Freunde !

Nach den Veröffentlichungen einer Übersicht der BWV für Bach-Kantaten:

Link: BWV als PDF-Download im Blog 

stelle ich für jeden Sonntag im Kirchenjahr den Besuchern von

„Volkers Klassikseiten J.S. Bach“

eine Hör- oder Sehprobe und eine „Bach-Kantaten-Beschreibung“ für den entsprechenden Sonntag im Kirchenjahr zur Verfügung.

Am 31.07.2011 begehen wir den – 6. „Sonntag nach Trinitatis“

Der 6. Sonntag nach Trinitatis konzentriert sich diesmal auf die Taufe als dem Beginn eines neuen Lebens. In diesem Zusammenhang wird auch der Gedanke eines „lebenslangen Bundes“ aufgenommen. Der 6. und der 7. Sonntag nach Trinitatis könnten auch als „Sakramentssonntage“ bezeichnet werden, denn an ihnen wird der Taufe und des Abendmahls in seiner Bedeutung für das Leben des Christen gedacht.

 Am 6. Sonntag nach Trinitatis hören wir von der Taufe, dass wir durch sie zu Gottes Volk hinzuberufen sind. Die Taufe läßt uns teilhaben an dem Tod und der Auferstehung Jesu, und so haben wir auch Teil an dem wunderbaren Licht, das mit Jesus in diese Welt leuchtet.

(Textauszüge: ©  Martin Senftleben)

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Bach-Kantaten für den 6. Sonntag nach Trinitatis

BWV      9 –  Es ist das Heil uns kommen her

BWV 170 –  „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust

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Im Radio Live: 

„Bach-Kantate“ WDR3 – Geistliche Musik

Sonntag, 31.07.2011 von 09:05  – 10:00 Uhr

Livestream-

Link: http://www.wdr.de/wdrlive/wdrplayer/wdr3player.html

Allgemein Link: http://www.wdr.de/radio/wdr3/

Programm: Link: http://www.wdr.de/programmvorschau/programDateDateSender.jsp?programmeId=3;dayOffset=0

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WDR3 „Geistliche Musik“ – Programmauszug:

Johann Sebastianh Bach

BWV 170 – Vergnügte Ruh´, beliebte Seelenlust“ – Kantate zum 6. Sonntag

nach Trinitatis für Alt, Oboe, Orgel, Streicher und Basso continuo;

Andreas Scholl, Altus; Orchestre du Collegium Vocale Gent, Leitung: Philippe Herreweghe

Wilhelm Friedemann Bach

Fuge F-dur für Orgel; Friedhelm Flamme an der Orgel der Münsterkirche

St. Alexandri in Einbeck

Wolfgang Amadeus Mozart

Missa solemnis C-dur, KV 337 für Soli, Chor und Orchester; Barbara

Bonney und Elisabeth von Magnus, Sopran; Uwe Heilmann, Tenor; Gilles

Cachemaille, Bass; Arnold Schönberg Chor; Concentus Musicus Wien,

Leitung: Nikolaus Harnoncourt

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/ YouTube: BWV 170 – 

 Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust

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Kantaten-Beschreibung zum BWV 9 – und BWV 170

von „Sir John Eliot Gardiner“ ist als PDF-Download nachstehend hinterlegt!

Kantaten für den 6. Sonntag nach  „Trinitatis“ 

(Aufführungs-Ort: St. Gumbertus-Kirche Ansbach am 30. Juli 2000)

Gardiner – Ausführungen zum BWV 170

BWV 170 – „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“

Kantaten für den Sechsten Sonntag nach Trinitatis:

Der Wechsel von der zauberhaften schottischen Insel Iona, wo einige von uns aus Anlass des 250. Todestages Bachs aufgetreten waren, auf direktem Wege nach Ansbach in Franken war zwangsläufig unangenehm krass. Für die Feier in der alten Iona Abbey hatten wir ein Programm zusammengestellt, das einige der intimsten und bewegendsten Stücke enthielt und das wir an einem milden Sonnentag aufführten, mit den Schreien der Seemöwen und dem Blöken der Schafe im Hintergrund. Unser Programm für die Bach-Woche in Ansbach enthielt, neben der Wiederholung der Kantate Aus der Tiefen vom vergangenen Wochenende in Mühlhausen und zwei Motetten, die beiden Kantaten Bachs, die für den Sechsten Sonntag nach Trinitatis erhalten sind: BWV 170 Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust, eine Kantate für Alt und obligate Orgel, Oboe d’amore und Streicher, und BWV 9 Es ist das Heil uns kommen her, eine Choralkantate aus der Zeit um 1732.

BWV 170 „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ ist die erste der beiden Solokantanten für Alt, die Bach im Sommer 1726 auf fünfzehn Jahre vorher veröffentlichte Texte des Darmstädter Hofbibliothekars Georg Christian Lehms schrieb. In diesem Jahr hatte Bach offenbar einen hervorragenden Sänger zur Verfügung, vielleicht Carl Gotthelf Gerlach, der damals an der Universität studierte und unter Johann Kuhnau bei den Thomanern gesungen hatte, und war begierig, aus seinem Talent einen möglichst großen Nutzen zu ziehen. Oberflächlich gesehen vertonte Bach einen kernigen, wenn auch ausgesprochen altmodischen, an barocker Symbolik reichen Text zu einer Zeit, als der galante Stil in Mode kam und sich sogar schon auf seine eigene Kirchenmusik auszuwirken begann. Faszinierend ist, auf welche Weise es ihm gelingt, aus diesen völlig konträren Ausdrucksformen eine überzeugende Synthese zu schaffen.

Die Anfangsarie ist reines Entzücken, ein warmer, üppiger Tanz im 6/8-Takt in D-dur. Man fühlt förmlich Bachs liebevolles Lächeln über dieser Musik schweben, die uns den Weg zur ‚Himmelseintracht’ weist. Eine jener unbeschreiblich schönen Melodien des Komponisten, die sich in unserem Hörgedächtnis einnisten, sie braucht einen ganzen Takt, um in Gang zu kommen, doch sobald das geschafft ist, erweckt sie den Anschein, als würde sie nie aufhören können (sie ist zwar nur acht Takte lang, wirkt jedoch endlos). Doch erhält diese ausladende, der Oboe d’amore und der ersten Violine anvertraute Melodie ihre Schönheit und heitere pastorale Stimmung erst durch ihr harmonisches Gerüst. Die sanft plätschernden Achtel in den tiefen Streichern werden zu Dreiergruppen verschleift und erinnern an das ‚Bogenvibrato’ oder was die Franzosen balancement nannten, während die abwärts gerichtete Basslinie klingt, als deute sich hier ein Ostinato an – mit anderen Worten der Beginn eines Musters, das sich schleifenartig wiederholen wird. Nun ja, es kommt tatsächlich wieder, aber nicht konsequent oder so, dass es in irgendeiner Weise vorhersagbar wäre. Mit Lehms’ Text vor Augen sucht Bach nach Möglichkeiten, wie er als Lebensziel den Frieden der Seele herausarbeiten kann, und nach Mustern, die ihm gestatten, hin und wieder auf die Sünde und die Schwäche des Fleisches zu verweisen.

Lehms, ein wortgewaltiger und leidenschaftlicher Verseschmied, kommt schon von Nr. 2 an (einem Rezitativ) richtig in Fahrt, wo er das Tagesevangelium (aus der Bergpredigt in Matthäus 5, 20–26) und die Epistel (Paulus an die Römer, 6, 3–11) paraphrasiert und zusammenfasst. Demnach, erklärt er, sei die Welt ein ‚Sündenhaus’, deren Mund ‚voller Ottergift’ den unschuldigen Nächsten als Dummkopf und Narr beschimpfe. Bach liefert erwartungsgemäß die entsprechenden deklamatorischen Gesten und Ausdrucksnuancen und wechselt bei dieser Gelegenheit zu der entfernten Tonart fis-moll. In dieser Welt, in der das Unterste zuoberst gekehrt ist, folgt nun eine ungewöhnliche, recht umfangreiche Arie in A-dur, die für eine zweimanualige obligate Orgel vorgesehen ist. Allerdings haben wir, wie es Bach offenbar bei der Uraufführung der Kantate gehandhabt hatte, zwei Orgeln verwendet, eine für jedes Manual, die eine im Chorton notiert, die andere im Kammerton. Diesen Stimmen fügt Bach in der mittleren Lage nur eine Linie mit unisono geführten Violinen und Bratschen hinzu. Dieser besonderen, ‚Bassettchen’ genannten Verfahrensweise sind wir in diesem Jahr schon verschiedentlich immer dann begegnet, wenn Bach der Meinung ist, eine besondere Stimmung müsse geschaffen werden, und auf die übliche Stütze durch den Basso continuo verzichtet.

Er verwendet sie symbolisch mit Bezug auf Jesus (der keine ‚Stütze’ braucht), der die Gläubigen vor den Folgen der Sünde beschützt (wie in der Sopran-Arie ‚Aus Liebe’ in der Matthäus- Passion), und, am anderen Ende, auf die Menschen, die immer wieder in Sünde verfallen, wie in jener wunderbaren Sopran-Arie ‚Wir zittern und wanken’ aus BWV 105, oder (so wie hier) bezogen auf die ‚verkehrten Herzen’, die (im wahrsten Sinne des Wortes) den Boden unter den Füßen verloren haben, weil sie sich von Gott abwenden. Die Arie ist aus der Warte eines passiven Zeugen aufgezeichnet, der sieht, wie die rückfälligen Sünder ‚mit rechten Satansränken’ Gottes Strafgericht verlachen und ‚sich nur an Rach und Hass erfreun’, und das Unbehagen des Sängers auf seinem Beobachtungsposten ist im zerklüfteten Rhythmus der Bassettchen-Linie zu spüren. Bach weicht an zwei Stellen von der chromatischen, fugierten Verflechtung der beiden Orgellinien ab und liefert stattdessen einen schnelleren, diatonischen Austausch zwischen den Stimmen, der so angelegt ist, dass er im A- Teil mit der in Lehms’ Text erwähnten ‚Rach und Hass’ und im B-Teil mit den Worten ‚frech verlacht’ zur Deckung gelangt.

Mir als Nicht- Organisten erscheint das alles ein wenig merkwürdig und unpersönlich. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Arie, mit wendigeren, klagender klingenden Instrumenten gespielt, wie zum Beispiel den Unisono-Violinen in ‚Et incarnatus’ der h-moll-Messe, mehr zu Herzen gehen würde. Offensichtlich war Bach knapp mit der Zeit, nachdem er beschlossen hatte, dieses Werk am 28. Juli 1726 mit der Kantate seines Meiningener Cousins Johann Ludwig (Ich will meinen Geist in euch geben) zu koppeln; diese wurde vor der Predigt aufgeführt, und Vergnügte Ruh während der Verteilung des Abendmahls. Mir erscheint die Orgel als Soloinstrument in der stolz einherschreitenden Da-Capo- Arie in D-dur (Nr. 5), die das Werk beschließt, sinnvoller eingesetzt, wenngleich auch dies eine Entscheidung gewesen sein mag, die in letzter Minute unter Zeitdruck zustande kam und Bach nötigte, das Orgelsolo selbst zu spielen. Ursprünglich mochte er für diesen Satz ein melodisches Blasinstrument vorgesehen haben – vielleicht eine Oboe d’amore –, und dann, als er Vergnügte Ruh in seinen letzten Jahren, um 1746/47, wieder aufführte, wählte er für diesem Satz sicher eine obligate Flöte, was die in der Uraufführung verwendete zweite Orgel entbehrlich machte. Das erklärt, warum sein ältester Sohn, Wilhelm Friedemann, 1750 in Halle unbedingt die erste Arie wieder aufführen wollte, nicht jedoch den restlichen Teil der Kantate. 

© John Eliot Gardiner 2009

Aus einem während der Bach Cantata Pilgrimage geschriebenen Tagebuch

Übersetzung: Gudrun Meier

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Eine interessante Schlussanmerkung von J.E. Gardiner

zur Aufführung in St. Gumbertus, Ansbacher-Bachwoche 2000

Das letzte Mal waren wir 1981 hier in Ansbach, als man uns eingeladen hatte, fünf verschiedene Programme mit Bachs Musik aufzuführen. Der Chor übertraf sich damals selbst, und dies zu einer Zeit, als wir als English Baroque Soloists immer noch damit beschäftigt waren, unseren Weg als ein Ensemble zu finden, das sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben hatte. Neunzehn Jahre später wurde das erste Stück in unserem Programm, die Motette ‚Lobet den Herrn’, die mit einem überwältigenden ‚Hallelujah!’ endet, mit völliger Stille quittiert. Plötzlich fiel mir wieder ein, wie bestürzt ich damals war, als der zaghaft einsetzende Beifall mit lauten Pst!-Rufen erstickt wurde, 1981 und auch am Ende unseres ersten Auftritts 1979 hier.

Irgendwie wirkte es so, als würde der ganzen Sache der Reiz genommen – der Ehre, die man vermeintlich uns, den Ausländern, erwiesen hatte, als man uns auserwählte und einlud, an diesem führenden Bach-Fest teilzunehmen, fast einem Mekka (oder Bayreuth) der Bach-Feiern. Einige von uns hatten Mühe, nicht aufgebracht zu reagieren, nicht was die fehlende hörbare Zustimmung betraf, sondern die Einstellung, die hinter diesem kapriziösen Verzicht auf Applaus lag. Der Grund dafür war nicht so sehr die (mangelnde) Qualität der Aufführung, jedoch vielmehr der pseudo-religiöse Respekt, den ein Publikum, das sich als wahrer Wächter der heiligen Bach-Flamme verstand, dieser Musik entgegenbrachte. Historisch nicht ganz stimmig an dieser exzessiven Bach-Huldigung ist, dass die Musik als ein statischer Gegenstand oder eine heilige Reliquie gesehen wird, während Bach eindeutig sehr großen Wert darauf legte, dass seine Musik aufgeführt wird, wie es uns im Laufe des Jahres immer wieder bestätigt worden war.

In gewisser Weise wird ihre Komposition erst während der Aufführung ‚vollendet’, und das ist der Grund, warum wir als Musiker so achtsam jeder Spur folgen, die uns in der Notation der Kantaten Hinweise auf Bachs eigene Aufführungspraxis gibt. Wir sind auch bestrebt, ein produktives und dynamisches Dreiecksverhältnis zu schaffen, zwischen dem Komponisten Bach, der sein Werk selbst aufgeführt hat, uns als Musikern, die es neu erschaffen, und schließlich dem Publikum, das an diesem Prozess teilhat. So war es in allen ostdeutschen Städten gewesen, wo wir in diesem Jahr aufgetreten waren. Doch wenn die Zuhörer als begeisterte Bach-Anhänger zu dem Schluss gelangt sind, das Gelände verteidigen zu müssen, kann diese lebenswichtige chemische Reaktion zwischen ihnen und uns nicht mehr stattfinden, und damit entfällt auch der ‚Auftrieb’, den ein reaktionswilliges Publikum einem auftretenden Ensemble geben könnte.

Diese Überlegungen traten in ein anderes Licht, als eine ältere Dame nach dem Konzert am Morgen nach vorn kam und mir ein Sträußchen mit Blumen aus ihrem Garten überreichte. Die letzte Spur Groll verschwand, als sie am Abend mit einem noch größeren Strauß wiederkam, diesmal aus wilden Wiesenblumen. 

Anmerkung dazu: Dieses Thema haben wir im Blog ausführlich behandelt:

Link: Beeindruckend – Stiller Schluss-Applaus nach einem Oratorium-Vokalwerk?

und  Link: 

https://meinhardo.wordpress.com/2008/01/24/sinn-oder-unsinn-der-beifallskundgebung-in-kantaten-konzerten/

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  Sir Gardiners Kantaten-Beschreibungen: h i e r  zum Download als PDF  Gardiner

  Künstler-Beitrag –  Link: Künstlerbeitrag Maya Homburger, Violine 

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/ YouTube: BWV 9 – 

  Es ist das Heil uns kommen her

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 Hörprobe: Kuhnau/Bach Motette:  „Der Gerechte kommt um

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CD für den 6. Sonntag nach „Trinitatis“ 
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Link: CD’s Bach-Kantaten:
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Cover: CD’s – SDG 156 – Vol. 4
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BWV 9 “Es ist das Heil uns kommen her“ 

Gardiner Pilgrimage CD – SDG 156 – Vol.  4 – CD  1

BWV 170 “Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ 

Gardiner Pilgrimage CD – SDG 156 – Vol.  4 – CD  1

Kuhnau/Bach Motette:  „Der Gerechte kommt um

Gardiner Pilgrimage CD  – SDG 156 –  Vol. 4 – CD 1

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Ich wünsche allen Besuchern einen schönen Sonntag..!!

Herzliche Grüße

Volker

Biografie Anne Schumann – Violine


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Anne Schumann, in Dohna bei Dresden geboren, studierte moderne Violine an den Musikhochschulen in Weimar (Peter Krebs) und Dresden (Professor Heinz Rudolf). 1989 wurde sie Mitglied des Gewandhausorchesters Leipzig. Bereits in dieser Zeit beschäftigte sie sich intensiv mit der historischen Spielweise.

Anne Schumann, Violine

Anne Schumann, Violine

Sie besuchte Meisterkurse u. a. bei Monica Huggett und Stanley Ritchie. Seit 1993 ist sie als freischaffende Barockgeigerin tätig und arbeitet in führenden europäischen Barockorchestern, z. B. mit John Eliot Gardiner, Christophe Rousset, Marc Minkowski, Trevor Pinnock.

Mit John Eliot Gardiner und den English Baroque Soloists ging sie im Jahr 2000 auf die Bach Cantata Pilgrimage 2000. Die Livemitschnitte dieser Kantatenkonzerte erscheinen jetzt nach und nach bei dem neuen Label “Soli Deo Gloria”.

Mehrere Jahre war Anne Schumann Konzertmeisterin des Barockorchesters der Europäischen Union (EUBO). In Leipzig gründete sie ihr eigenes Ensemble, die Chursächsische Capelle Leipzig, welches sich besonders der Aufführung vergessener Kammermusikwerke widmet. Dabei spielt neben der Beschäftigung mit historischer Geigenliteratur das Repertoire für Viola und besonders für Viola d’amore eine große Rolle.

Anne Schumann ist in verschiedenen Ensembles als Konzertmeisterin gefragt (z. B. Händelfestspielorchester Halle, Les Amis de Philippe, Telemannisches Collegium Michaelstein).

Seit einiger Zeit unterrichtet sie auch bei Sommerkursen, so z. B. bei der Akademie für Alte Musik in Bruneck, beim Internationalen Sommerkurs im Kloster Michaelstein und bei Musica viva Musikferien in der Toskana.

http://www.anneschumann.info/home.html