Archiv der Kategorie: Kulturhauptstadt Essen 2010-Geschichtliches

Herreweghe mit Bachs Matthäus-Passion in der Philharmonie Essen


Es gibt Werke, die begleiten uns jahrelang und sie werden umso größer, je mehr sich durch eigene Lebenserfahrung und Reflektionen darin lesen läßt. Anfänglich erscheint sie wie ein übermächtiges, komplexes Konstrukt zu dem man aufschaut wie der mittelalterliche Mensch zu einer gotischen Kathedrale, man staunt, aber es läßt sich nicht durchdringen. Mit der Zeit öffnet sich das Werk, es treten erste Strukturen zu Tage. Einige Teile rühren uns zu Tränen, andere sind in ihrer Machart und Aussage schroff, schonungslos, grausam. Geht es hier nur um das Leiden und Sterben Jesu? Nein, es geht um mehr. Es geht auch uns selbst, um unsere eigene Matthäus Passion, um Bachs eigene erlebte Matthäus Passion, Grundzüge der menschlichen Philosophie, die Auffächerung menschlicher Gefühle mit derartiger Differenziertheit und Präzision, wie ich sie vorher noch nie erlebt und gefühlt habe und für sie auch niemals Worte fände, die ihren Sinn treffen könnten; ein Kosmos voller existenzieller Grundmuster.  Angesichts dieser Größe des Werkes fällt es mir nicht einfach, darüber zu schreiben.

Philharmonie Essen: Collegium Vocale Gent – Herreweghe

Vom 25. zum 26.03.2010 schlafe ich vor Aufregung wieder schlecht, Bach und Herreweghe mit der Matthäus Passion ist eine prickelnde, aufregende Mischung in der Passionszeit, die den Adrenalinspiegel steigen läßt und mich in einen Dauerrauschzustand der Vorfreude versetzt. Am 26. stirbt der Freund meiner Begleitung und ich entgehe um wenige Minuten einem Wildunfall. Das Reh liegt mit abgetrennten Hinterläufen auf der Ruhrallee.

Besetzung:

Solisten Chor 1:

Dorothee Mields, Damien Guillon, Colin Balzer, Stephan MacLeod

Solisten Chor 2:

Hana Blazikova, Robin Blaze, Hans Jörg Mammel, Matthew Brook

Die Philharmonie in Essen ist fast ausverkauft, das Publikum ist überregional. Philippe Herreweghes Chöre stellen sich im Halbkreis auf, in der Mitte der Cantus firmus Chor. Die Solisten sind Teil des Chores, Christus (Simon Kirkbride) und der Evangelist Christoph Prégardien nehmen zwischen Chor 1 und dem Orchester Platz. Philippe Herreweghe selbst ist eher unspektakulär, ohne große Gesten, allerdings mit einer ziemlichen Maestro-Mähne.

Philharmonie Essen: Dirigent Philippe Herreweghe

Der erste Chor „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“ legt den Schalter des Alltags um, seine düstere, sog-artige Stimmung mit Bachs Stereo- und 3 D Effekten wirft uns mitten ins Geschehen, Herreweghe dirigiert seinen Top Chor mühelos durch die unwegsamen Todesabgründe, es klingt fast duftig, samtig, alle Stimmen sind gleichberechtigt, jede Stimmgruppe hat je 3 Sänger, das Tempo während der ganzen Passion niemals überstürzt oder gehetzt, es ist alles von reifer, in sich ruhender Abgeklärtheit. Eine intime Atmosphäre, in der ich es geniesse, in der ersten Reihe zu sitzen. Von Weltklasseformat auch das Gros der Solisten, besonders bemerkenswert die beiden Sopranistinnen Hana Blazikova und Dorothée Mields in den ersten kontemplativen Arien „Blute nur“ und „Ich will Dir mein Herze schenken“. Das Tempo ist langsamer als mir gewohnt, jedoch wunderbar innig gestaltet, Hana Blazikova singt trotz der hohen Lage mit warmen Mezzo-Timbre, Ihre Stimme läuft wie dunkelrotes Blut kontrastierend auf Jesus´totenbleicher Haut (ohne zu gerinnen). Dorothée Mields zelebriert mit der eigentlichen Liebesarie Sex nach Noten ohne Körperkontakt (ihr hättet die Mimik der Sopranistin sehen müssen!) und läßt einen Lichtstrahl in die düsteren Geschehnisse. Ist das Stück überhaupt ursprünglich für die MP konzepiert gewesen oder hat Bach hierfür nur „Heil“ gegen ein anderes Wort getauscht??? Sehr charismatische Stimme mit Brillianz, schlank, ohne körperlos zu wirken. Christoph Prégardien ist ein Spitzenevangelist, der auch in Sachen Gestaltung noch viel Neues zu bieten hat. Leider fällt der Christus-Sprecher etwas ab, ob er einfach indisponiert ist oder generell in der Tiefe nicht so richtig klar kommt, kann ich nicht beurteilen, vielleicht liegt es auch an der Platzierung, der Evangelist wird nur vom Continuo begleitet, während Christus gegen die Streicherbegleitung „ansingen“ muss. Bevor ich es später vergesse, möchte ich hervorheben, dass die beiden Solo-Tenöre Colin Balzer und Hans Jörg Mammel mir sehr gut gefallen haben.

Philharmonie Essen: Collegium Vocale Gent - Herreweghe

Im Garten Gethsemane begegnet uns dann der zweifelnde Jesus. Haben wir das nicht auch schon erlebt? Plötzlich ist man ganz alleine und verlassen, am liebsten würden wir jetzt einen Rückzieher machen. Das Ringen mit dem Für und Wider, welchen Weg gehen wir? Aber um irgendetwas zu erreichen, müssen wir unseren eigenen Weg gehen und uns den Schwierigkeiten stellen. Die Arie mit vorgeschaltetem Rezitativ „Gerne will ich mich bequemen“ ist für mich eines der phänomenalsten Stücke der Matthäus Passion. Es klingt noch sehr trotzig und wenig einsichtig, der gottgewollten Bestimmung zu folgen. Es ist der Punkt, der die Wende aus der mentalen Talsohle markiert.

Was Bach lautmalerich im nächsten Duett „So ist mein Jesus nun gefangen“ mit direkt anschliessendem Chor „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“ uns an Bildern bietet, ist an Dramatik und Energie kaum zu überbieten. Herreweghes Collegium Vocale singt uns Naturgewalten, die sonst nur das Filmzeitraffa eines Wolkenbruchs am Ende der Trockenzeit einer Wüstenregion festhalten kann. Wir bekommen die Blitze direkt ins Publikum geschleudert und hoffentlich wird dieser Typ hinter mir getroffen, der ständig mit seinem Armband nervig herumklimpert und laut Bonbons auspackt! –  Schade, knapp daneben.

Der 2. Teil beginnt gleich mit einem solistischen Stolperstein, der Arie und Chor „Ach! Nun ist mein Jesus hin“. Der Altus Robin Blaze hat dann doch ein paar Probleme die stimmlichen Fallen zu bewältigen, auch ist alles weniger geschmeidig und klingt etwas blechern, Entschädigung ist jedoch im Anmarsch. Nachdem sich Chor und Solisten in der weiterführenden Handlung einen Schlagabtausch mit Turbaechören, Chorälen, handlungschwangeren Rezitativen und Arien um Petrus´Verrat liefern, gipfelt die Szenerie in „Erbarme Dich“. So schön sphärisch und innig habe ich diese Arie selten gehört, hier passt das Androgyne des Altus Damien Guillon perfekt, es darf aber auf keinen Fall das grandiose Violinsolo unerwähnt bleiben, das ist ein absolutes Endprodukt und läßt sich schon nicht mehr verbessern. Annähernd exemplarischen Charakter hat auch die  Arie “ Komm süßes Kreuz“, phantastisch der Gambist, der mit seinem Solopart auch „ein Kreuz hat“, ich höre bis vorne sein angestrengtes Stöhnen.

Philharmonie Essen: Collegium Vocale Gent - Herreweghe

Die Begeisterung der Wissenschaft für die Arie mit Rezitativ „Jesus hat die Hand“ konnte ich nie nachvollziehen, ich bekam nie Zugang,  ist ziemlich abgehoben, hatte der Meister vielleicht beim Komponieren bewußtseinserweiternde Drogen genommen, weil der gesamte Charakter des Stücks irgendwie nicht zu dem eher menschlich-bodenständigen Rest passen will?  Bei dieser Aufführung habe ich das erste Mal gefühlt, ich erahne die Bedeutung, Jesus könnte bereits in einer Zwischenwelt sein! Nach Jesu Tod hustet jemand leidenschaflich in die kontemplative Stille, so dass sogar das Orchester peinlich berührt herüberschaut.

Der Bass Stephan MacLeod, der bereits den Hohepriester und Judas gesungen hat, war mir stimmlich vorher gar nicht so sehr aufgefallen, aber in Arie und Rezitativ „Mache Dich mein Herze rein“ ist er großartig, alles mutiert zu einem am liebsten niemals endenden Wiegenlied. Alle vorherigen Spannungen fallen ab, das Kämpfen um das irdische Leben weicht einer (scheinbar) unumkehrlichen Tatsache, Jesus ist gestorben. Bach ist aktuell, der Tod Jesu kann für viele Tiefpunkte in unserem Leben stehen, aber in einer Welt, wo jemand den Tod überwindet, da ist alles möglich. Danke für diesen phantastischen Abend Herr Herreweghe. In diesem Sinne:

Per Aspera ad Astra

mit österlichen Grüßen, Claudia

P.S. Die vertonte Version wird morgen, am Karfreitag, 02.04.2010 um 21.00 Uhr aus der Philharmonie Köln auf 3SAT ausgestrahlt, Barbara danke für den Hinweis.

RUHR2010 Teil VIII: Ruhrpott aktiv und hautnah


 

Unterwegs im Ruhrpott kann man natürlich sein Programm mit dem Auto abarbeiten, aber dabei geht ein für mich besonders wichtiger Aspekt verloren: Natur und Ökologie im Ruhrgebiet, die mir auch sehr am Herzen liegt. Durch die Reoccupation der ehemaligen Industrieareale durch die Natur, entsteht ein weiterer Reiz dieser Region, der auch immer wieder unterschätzt wird.

Von den Naturfreunden Wuppertal unter der Leitung von Wolfgang Weil, der ein guter Freund von mir ist, werden verschiedene Radtouren angeboten, die durch wirklich schöne Landschaften des Ruhrgebiets führen und somit den Teilnehmer mit allen Sinnen an dieser Kulturlandschaft teilnehmen läßt. Es ist ein Rundumkulturprogramm, das keine Wünsche offen läßt: Neben Besichtigungen historischer Bauwerke, Industriekultur und Ergebnissen des Strukturwandels werden auch soziologische und ökologische Aspekte behandelt. Immer liegen am Wegesrand Burgen, Schlösser oder neue moderne Bauten, die ins Staunen versetzen. Dazu kommen wirklich nette Leute, die alle sehr aufgeschlossen sind. Die Touren sind auch für ungeübte Radfahrer relativ gut zu bewältigen, da die Besichtigungen reichlich Pausen bieten, dazu kommt der unschlagbare Unkostenbeitrag von 12,- Euro pro Person (für Naturfreunde 3,-Euro).

Nachstehend kann das PDF-Programm für die Ruhrtouren und die Touren zur Renaturierung der Emscher runtergeladen werden.

 

Exemplarisch stelle ich Euch hier eine Tour von Herne nach Dortmund vor:

Akademie Mont Cenis (Stadt der Zukunft – ganz unter Glas): Sitz der Fortbildungsakademie des dt. Innenministeriums. Bis 1978 wurde hier fast 100 Jahre Kohle abgebaut, die Zeche wurde danach jedoch abgebrochen. Entstanden ist hier ein Wohn- und Bildungsprojekt, das energetisch völlig autark ist. Es herrscht im Innern eine gleichbleibende Temperatur, die Energie liefert ausschliesslich die Sonne. Der Park um Mont Cenis ist nicht ein importiertes Forum Romanum, sondern eine bewußte Gestaltung mit Elementen des Schwerindustriezeitalters. Die Ähnlichkeit mit antiken Ruinen und die Ehrfurcht davor ist vorhanden und sicherlich gewollt.

Akademie Mont Cenis

Siedlung Teutoburgia: Die Zeche Teutoburgia wurde 1925 wegen Unwirtschaftlichkeit stillgelegt.

Im Ortsteil Börnig findet man heute die unter Denkmalschutz stehende und komplett im Originalstil restaurierte Siedlung Teutoburgia. Keines der 136 Gebäude gleicht dem anderen, und doch bilden sie alle zusammen eine harmonische Komposition.
Als Werkssiedlung für die Zeche Teutoburgia zwischen 1909 und 1923 gebaut, schien die Zukunft ähnlich trist wie die der bereits 1925 stillgelegten Zeche. 1988 begann die VEBA, die Siedlung in Schuss zu bringen und die Fassaden detailgetreu zu rekonstruieren. 1998 erstrahlten die Häuser mit ihren rund 530 Wohneinheiten im neuen Glanz. Teutoburgia hat den Aufstieg zur Villengegend geschafft.
 

Siedlung Teutoburgia

Kunstwald Teutoburgia: Auf dem Hauptplatz dehnt sich neben einer alten Platanenreihe eine mit Wegen durchschnittene Grünfläche aus, eine Art Blumenbeet. Im „klingenden Duftgarten“ verströmen Minze, Kamille, Lavendel und heimische Wildstauden einen angenehmen Geruch. Zum optischen und olfaktorischen Erlebnis kommt noch ein akustisches: Aus vier Holzpodesten erklingt sphärische Musik, die „Windmelodie aus der Tiefe“.

Das Foto zeigt einen Wanderer, der eine Mauer überschreitet. Sinnbild für den Aufbruch der Region.

Zeche und Gewerbepark Erin: Von 1867-1983 förderte diese Zeche, ihr Name rührt vom Gründer, der irischer Landsmann war, ERIN ist die lateinisierte Form von Irland. Zu der Zeche gehört heute eine renaturierte Landschaft mit einem Gewerbepark und es vermittelt den Eindruck von harmonischem Miteinander. Die Aufgabenstellung für Harmonie von Wachstum, Kapitalismus und der Natur bleibt weiter aktuell.

Gewerbepark und Zeche Erin

Zeche Zollern II (schönste Zeche des Ruhrgebietes, das ist wieder was für Iris)Prunkvolle Backsteinfassaden und opulente Giebel mit Zinnenkranz und Ecktürmchen rund um den grünen Ehrenhof erinnern auf den ersten Blick eher an eine Adelsresidenz als an eine Schachtanlage, auf der Kohle gefördert wurde. Genau dies war Teil der Bauidee. Heute ist das „Schloss der Arbeit“ im Westen Dortmunds zweifellos eines der schönsten und außergewöhnlichsten Zeugnisse der industriellen Vergangenheit in Deutschland. Kaum vorstellbar, dass der Bau in den 60er Jahren für den Bau einer Schnellstrasse abgerissen werden sollte. Eindrucksvoll das Konzept der Anlage, sowie ein Jugendstiltor (war mal auf einer Briefmarke). Der Erhalt von Zeche Zollern markiert den Startschuss für die Denkmalpflege der Industriekultur in Deutschland.

Zeche Zollern II

Das Haus Bodelschwingh ist ein Wasserschloss und wurde im 13. Jahrhundert von der Familie von Bodelschwingh errichtet und befindet sich bis heute im ursprünglichen Familienbesitz.Das Schloss Bodelschwingh ist neben dem Wasserschloss Haus Dellwig und dem Wasserschloss Haus Rodenberg die größte und bedeutendste Wasserburg in Dortmund. Die gesamte Schlossanlage ruht auf Eichenholzpfählen.

Schloss Bodelschwingh im Dortmunder Norden

Kokerei Hansa (Führung: ein Highlight der Industriekultur): Die Kokerei besteht hauptsächlich aus dem Bestand von 1928 und der besondere Reiz liegt in der Ökologie,  verschiedene, auch geschützte Pflanzen siedeln sich hier an. Ein gefluteter Lagerraum mutiert zum Feuchtbiotop.

Führung auf der Kokerei Hansa

Bis bald und Fortsetzung folgt. Claudia

RUHR2010 Teil VII: Zeche im Dornröschenschlaf


Die Ruine der kleinen Arbeitskapelle (das ist ja keine Kathedrahle)

Jenseits der touristischen Pfade und der „Route Industriekultur“ erkunde ich heute das Gelände der Zeche Rudolph in Heidhausen-Oefte. Was es so alles gibt! Ich unterhalte mich meiner Kundin über das journalistische Ruhr2010-Projekt: „Wir haben ja hier auch eine Zeche, Zeche Rudolph, mitten im Wald!“ Na, das wäre doch mal ein echtes Schmankerl für Euch, so ein Geheimtipp. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch eine geschlossene Schneedecke hatten, und die Zufahrt bei Schnee etwas kriminell ist, haben wir uns für heute auf eine kleine Wanderung durch den Oefter Wald verabredet. Bei strahlendem Sonnenschein und schneefreier Witterung mache ich mich auf den Weg, es riecht nach Frühling, ich höre einen Specht.  Mir fehlt ein bisschen die Orientierung. Hier soll also eine Zeche sein, alles ist zugewuchert und im Sommer muss man sich hier bestimmt durch das meterhohe Dornengestrüpp und Brennesseln seinen Weg bahnen. Meine Kundin erzählt mir, dass hier die 24-Zimmer Villa des Betreibers gestanden hat. Wie lange ist das her? Circa 80 Jahre? Da ist ja von den Stadtmauern von Jericho mehr übrig! Nur noch eine überwucherte ca. 1,00m hohe Mauer läßt es erahnen.

Reste der Zechenvilla

Der etwas matschige Untergrund führt uns tiefer in den Wald hinein, dann taucht, wie ich es nie vermutet hätte, plötzlich die Ruine des alten Maschinenhauses auf. So groß hatte ich mir diese „Zeche Eimerweise“ nicht vorgestellt und dann noch mitten in der Knüste! Casper David Friedrich hätte es nicht stimmungsvoller im Bild festhalten können. Bemooste Wurzeln schlagen sich ins Gemäuer und machen die Exkursion zu einer glitschigen Angelegenheit, alles ist wie ein großer Abenteuerspielplatz, die Sonne zaubert phantastische Effekte auf das alte Gemäuer, da den Bäumen ja noch das Laubkleid fehlt. Gegenüber der Ruine soll der Fördertum gestanden haben, ein bewachsener kleiner Hügel, das letzte Rudiment. Um das Maschinenhaus stehen Pappeln, wie ich erfahre, Zeichen des Reichtums und Wohlstandes. Auch die Pionierbäume, die Birken haben schon nach der Zechenschliessung eine stattliche Größe erreicht.

Die Ruine des Maschinenhauses

Hinter dem Maschinenhaus liegt der Schachteingang. Wer es nicht weiss, sieht es nicht, die Seiten sind abgerutscht und verschütten den Eingang, die verbleibende Öffnung (Stollenmundlöcher) ist mit einem Gitter gegen Besucher (es ist gefährlich, die Stollen zu betreten) gesichert. Hier ist das Reich der Fledermäuse, die von einer  Naturschutzgruppe betreut werden. Es ist wie, wenn man Reste einer Römerstadt oder einer fast unkenntlichen Burgruine betritt, auf den ersten Blick ist gar nichts zu erkennen! Überall liegen Backsteine herum, die aber als solche gar nicht auszumachen sind, weil sie voller Moos sind! Ein alter Luftschacht ist besser erhalten als der eigentliche Zugang, die meisten Schächte sind auch zubetoniert um Unfällen vorzubeugen, mir wird jedoch berichtet, dass die Schächte allesamt mit Backsteinen als Rundbögen ausgekoffert wurden. Ziemlich nobel, wo sonst nur Holzbalken zum Stützen verwendet wurden.

Stollenmundloch

1872 gind Rudolph in Betrieb, 1873 förderte die Zeche 2048 Tonnen und hatte 31 Mitarbeiter. Bis in 50 m Tiefe  wurde der Flöz Redlichkeit abgeteuft, allerdings stellte man bereits 1878 den Betrieb erstmals ein. 1899 wurde eine großzügige Schachtanlage mit 3 Dampfkesseln gebaut und der Schacht Wilhelm bis auf 90m abgeteuft, jedoch schon 1901 bereits wieder geschlossen (899 Tonnen / 120 Mitarbeiter). Man war auf eine Gebirgsstörung, den sogenannten „Sutan“ gestoßen. Im April 1951 reaktivierte man die Zeche wieder, aber 1966 war dann entgültig Schluss. Seither verfällt alles, das Gelände gehört heute dem Essener Bistum. Viele Strassennamen in Essen Heidhausen sind den Geschehnissen unter Tage zuzuordnen. „Auf dem Sutan“, „An der Braut“, „Sarnsbank“ usw. (Braut und Sarnsbank sind hierbei auch Namen von Kleinstzechen)

Es war eine spannende Reise in die Vergangenheit für die ich mich ganz herzlich bedanke. Wen es interessiert, es gibt eine ganze Reihe von Rundwanderwegen in Heidhausen, die noch andere Leckerbissen und bisher unbekannte Sehenswürdigkeiten preisgeben.

Bis bald, Claudia

RUHR2010 Teil VI: Neues Museum im Ruhrland


Ruhrland Museum auf Zollverein

Heute haben wir mit Freunden das neue Ruhrlandmuseum auf Zollverein besucht. Das Wetter zeigt sich von seiner „musealen Seite“ (es regnet in Strömen), so dass wir draußen auch nichts verpasst haben. Pünktlich um 10.00 Uhr morgens öffnet die große Rolltreppe, die orange beleuchtet ist wie ein Strom Roheisen im Inneren des Hochofens, ihre Tore und läßt uns in den Bauch der ehemaligen Kohlewäsche. Ein riesiger großzügiger Empfang lädt ein. Bereiche der Waschanlagen, die früher mit Führung schon zugänglich waren, wurden in die neue Architektur des Stuttgarter Architekturbüro HG Merz integriert.

Die beeindruckende Lichttreppe

Zuerst betritt man den Gegenwartsbereich, der auf einer Fotoaussstellung und Kuriositätensammlung bestimmte Klischees und Realitäten des Ruhrgebiets beleuchtet, wie z.B. die Schrebergartenmentalität, Feinripp und Würstchengrill, Migrationsghettos, Proletentum mit getunten Mantas usw. Es ist so ein bisschen ein Brainstorming aus gesammelten Werken aus dem Wirtschaftswunder, Geologischen Fünden und einer derben Sprach- und Esskultur, die Puzzleteile zum Mythos Ruhrgebiet liefern sollen. Da stellt einer seine SA Spielfiguren zur Verfügung, Bergmannsuniformen, ein Fuchssschwanz vom Manta, 60-er Jahre Geschirr („der Teller is´ egal, Hauptsache ´nen Kotlett drauff“) es fehlen aber auch nicht „Sargdeckel“ (riesige Gesteinsbrocken, die am Ende eines Flözes oft zu schweren Unfällen geführt haben) oder stumme Migranten, bestimmte Pflanzen, die sich nach der Stilllegung ihr Territorium wieder zurückerobert haben. Es läßt schmunzeln und macht manchmal auch nachdenklich.

Wollhaarnashorn

Im „Gedächtnisbereich“ geht es dann um Fakten, chronologisch wird (in toller Präsentation!!!) die Entstehung der Kohle im Karbon mit ihren archäologischen Funden bis zur Neuzeit dargestellt. Von alt- bis jungsteinzeitlichen Funden gehts weiter über den Einfluss der Römer, das Frankenreich, die Christianisierung, Aufstreben der Städte der Ruhrregion, Bedeutung des Hellwegs und der Hanse, Engelberts Tod und seine Folgen (darüber habe ich bereits berichtet). Es schliesst an eine kleine phantastische geologische Sammlung und ein kleiner ethnologischer Teil mit afrikanischen Masken und Schrumpfköpfen aus Papua Neuguinea (naja). Dieser „Gedächtnis“-Teil hat mir gut gefallen, da vieles knapp und prägnant erklärt wurde und die Chronologie durch die einzelnen Räume vereinfacht wird. Es wird mir hierbei klar, dass das Ruhrgebiet schon vor Krupp bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht hat (Mercator…).

Portal des Gelsenkirchener Renaissanceschlosses Blick vom Renaissancetrakt in den nächsten Raum

Die dritte Ebene beschäftigt sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts,  die NS Zeit und die Bedeutung der Stahlindustrie, Bedingungen von Migranten, das normale Leben, Umweltverschmutzung, Renaturierung, Niedergang der Region, der noch nicht abgeschlossene Strukturwandel, sowie die einzelnen Produktionsprozesse über Kohleverarbeitung. Ich werde garantiert dieses Museum noch einmal besuchen und mit Ebene 3 anfangen, da wir nach 2h Informationsinput nicht mehr so richtig aufnahmefähig waren. Mir hat besonders gut die Synthese aus ursprünglich belassener Architektur, die Archaik der industriellen Anlagen und moderner Auffassung von innovativer, attraktiver Architektur gefallen, so dass der Besuch des Ruhrlandmuseums als lohnenswert eingestuft werden kann. Die Informationen waren gut veständlich, interessant präsentiert, so dass auch nichts mehr von dem muffigen Charme früherer naturkundlicher Museen bleibt. Um Zollverein herum macht sich die Gentrifizierung breit, das heisst, die prosperierende Gegend, die vormals von einem eher armseligen Malochertum geprägt war, wird von kapitalkräftigen Neubauten und einer neuen, yuppiehaften Kultur verdrängt, die von dieser Aura des Weltkulturerbes profitiert und den „Lebensraum“ für die angestammten Bewohner verteuert.

Alfred K., das alte Filzauge

Alfred Krupp, das alte Filzauge

Ich verabschiede mich mit dem Standardbild von Zollverein, vielleicht kann man auch erkennen, dass diese Architektur ein wenig einschüchtert…

LINK: www.ruhrmuseum.de

Eintritt: Erwachsene 6,-Euro

Aufwiedersehen! Fortsetzung folgt, Claudia

Aufwiedersehen!

RUHR2010 Teil V: Es wird schon Werden…


Essen-Werden, die „Perle an der Ruhr“

Heute möchte ich Euch mitnehmen in den Stadtteil, in dem mein Mann und ich arbeiten. Rechts der Ruhr sieht man schon die große Abteikirche wenn man vom Bredeneyer Berg ins Tal fährt. Häuser drubbeln sich auf nur jedem erdenklichen Fleckchen. Auf der gegenüberliegenden Ruhrseite findet sich der S-Bahn Anschluss und mitten durch Werden führt die unerträgliche Bundesstrasse 224. Na gut, sie ist halt Memoria dafür, dass wir uns in einer Großstadt befinden.

Eng verknüpft mit der Entstehung der Stadt Werden (seit 1929 zu Essen) ist die Gründung des Benediktinerklosters durch den Hl. Liudger Ende des 8. Jahrhunderts. Die Basilika St. Ludgerus trohnt auch heute noch majestätisch über dem Rest des Ortskerns, sie hat bis in die jüngste Zeit das Leben in der Stadt bestimmt. Im Jahr 1317 erhielt Werden das Stadtrecht. Im Jahr 1498 wurde fast die ganze Stadt durch einen großen Brand zerstört.

Stich von Werden 1581

Die Stadtherren waren die Äbte von Werden, von denen die Wichtigsten in der Krypta der Basilika begraben sind. Das Kloster hatte ursprünglich einige Besitztümer im Essener Umland, im Jahre 1803 jedoch war es mit der Herrschaft der Äbte vorbei, die Abtei wurde, wie viele andere Klöster, dazu gehörte auch das Stift Essen, im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses säkularisiert.

Foto: Basilika Sankt Ludgerus

Die heutige Basilika und ehemalige Abteikirche St. Ludgerus wurde um 799 zusammen mit dem Kloster Werden erbaut. Nach einigen größeren Bränden konnte sie schließlich im Jahre 1275 wieder eingeweiht werden. Sie gilt als eine der schönsten Kirchen des Rheinlandes und als Paradebeispiel des rheinischen Übergangsstils. Sie besitzt einen barocken Hochaltar und Gemälde des Werdener Malers Theodor Mintrop.  Am 6. Juli 1993 wurde die Kirche durch Papst Johannes Paul II.  zur Basilica minor erhoben..

In der Krypta liegen die Gebeine des Hl. Liudger (auch Gründer des Bistums Münster),  des Begründers des Kloster Werden begraben. In der angeschlossenen Schatzkammer befindet sich mit dem Helmstedter Kreuz ein bedeutendes Kunstwerk des Übergangs von der ottonischen zur romanischen Plastik sowie mit dem Liudgerus-Schrein einer der wenigen barocken Reliquienschreine. Nach umfangreicher Restauration bis 2008, erstrahlt das ehrwürdige Gemäuer wieder in neuem Glanze.

Das Bistum Essen hat an verschiedenen Standorten sogenannte „Spirituelle Kulturtankstellen“ eingerichtet, an denen Informationen über kulturelle Veranstaltungen in Essen eingesehen werden können, wo ich auch auf sehr interessante Events gestoßen bin, wie z.B. Orgelmeditationen mit anschliessenden thematischen Führungen.

Link:

http://www.kirchevorort.de/bet3/einrichtg/hort/index.php?id=2

Die St.-Lucius-Kirche gilt als die älteste Pfarrkirche nördlich der Alpen (Baubeginn ab 995). Nach der Säkularisation 1803 wurde die Kirche 150 Jahre als Stall genutzt, anschließend diente sie als Wohnraum für Flüchtlinge. Im Jahr 1965 wurde sie rekonstruiert und wieder geweiht. Sie gehört heute zum Pfarrverbund St. Ludgerus.

Die Evangelische Kirche Essen-Werden wurde am 24. Juni 1900 geweiht. Sie besitzt wertvolle Jugendstil-Malereien, die vor einiger Zeit wieder freigelegt wurden. Gestiftet wurde sie unter anderem von der Familie Krupp sowie von der in Werden ansässigen Familie Huffmann.

Die Folkwang Hochschule für Musik, Theater und Tanz hat ihren Hauptsitz in den früheren Abteigebäuden Werdens. Studierende und Lehrende aus aller Welt machen die Kunsthochschule zu einem inspirierenden Ort, an dem der Folkwang-Gedanke – die Einheit der Künste – seit 1927 lebendig ist.

Folkwangschule mit Dom:

Foto: Folkwangschule mit Dom

Werden besitzt einen kleinen, aber feinen, historischen Stadtkern, der zum Bummeln einlädt, zahlreiche Cafés und gastronomische Lokalitäten sorgen für´s leibliche Wohl. Probleme gibts in Werden immer wieder mit Parkplätzen, daher ist es ratsam auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Foto: Historische Altstadt Essen-Werden

Musikalische Highlights:

10.07.2010 um 17:00 Uhr – Folkwang Hochschule:

Yaara Tal+Andreas Grothuysen/Pina Bausch Theater – J.S. Bach: Goldbergvariationen (Bearbeitung für 2 Klaviere ) Eintritt frei! Reservierung unter info@klavierfestival.de erbeten, da begrenzte Plätze

23.05.2010 um 17:00 Uhr – Basilika St. Ludgerus :

Marienvesper-Claudio Monteverdi im Rahmen von „Musica Enchiriadis“ mit der Himmlichen Cantorey und dem Knabenchor Hannover, Karten sind über die Philharmonie Essen erhältlich

25.04.2010 um 18:00 Uhr – Ev. Kirche Werden:

Bach Kantate BWV 12 Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen „Momente der Ewigkeit“, Eintritt frei

Liebe Grüße, Claudia

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RUHR2010 Teil IV: Anfang und Ende aller Kohle


Nicht nur um das „Rheingold“ ranken sich Legenden, auch die Geschichte des „schwarzen Goldes“ beginnt mit einer Sage: Im Wittener Muttental, der Wiege des Bergbaus an der Ruhr, macht im Mittelalter ein Schweinehirt (Mutten=Säue) morgens die Entdeckung, dass sein Lagerfeuer noch glühende Kohlen enthielt.

Seit 1510 wird die Kohle hier im Tagebau abgebaut, oder besser abgeschürft. Der ausgeschilderte „Bergbaurundweg Muttental“ führt in die Geschichte des frühen Bergbaus ein und durch die wunderschöne Landschaft des Muttentals. Zu besichtigen ist u. a. das „Bethaus der Bergleute“ und eine abgebrochene Steilwand, die die Sedimente und ihre Aufschichtung des oberen Karbon sichtbar macht.

Impression vom Bergbaurundweg, man sieht deutlich das Flöz unter dem helleren Gestein.

Nach dem Tagebau erfolgte der Abbau zunächst durch waagerechte Stollen, dann von senkrechten Schächten aus. Die Zeche Nachtigall, die am Rundweg liegt, ist eine der ersten Zechen, in denen der Übergang zum Tiefbau erfolgte. 1892 stellte die Zeche die Kohleförderung ein.  Die Ausstellung „Zeche Eimerweise“ beschreibt das Leben auf Kleinzechen. Entstanden in der Not der Nachkriegsjahre, waren von 1945 bis 1976 über 1000 Klein- und Kleinstzechen in Betrieb. Der für Besucher geöffnete Nachtigall-Stollen zeigt „unter Tage“ typische Arbeitssituationen im Kleinbergbau.

  • Link: www.lwl-industriemuseum.de
  • Link:  www.ruhr-guide.de (Bergbauwanderweg)
  • Der Rest ist bekannt, kleine Kuhdörfer mutieren zu Großstädten, die Einwohnerzahlen explodieren, ohne sichtbare Ordnung reihen sich Fördertürme, Montankonstrukte und Transporttrassen aneinander, für die benötigten Facharbeiter entstehen Werkssiedlungen, die ehemals ländliche, lockere Bebauung wird buchstäblich zugepflastert. Überall im Ruhrraum schiessen die Zechen wie Pilze aus dem Boden, es qualmen die Schlote. Die Zeche, die zum Symbol für die Umnutzung wurde, von der Unesco 2001 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, ist zum Markenzeichen der Ruhr2010 geworden. Sie ist die Verkörperung der Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs einer ganzen Region.

    1847 kauft der Duisburger Industrielle Franz Haniel (1779-1868) 13 zusammenhängende Grubenfelder, teufte den ersten Schacht ab und nannte die entstehende Zeche „Zollverein“ nach der 1834 in Kraft getretenen Freihandelszone aus 14 deutschen Staaten. Der Name war Programm, stand der Deutsche Zollverein doch synonym für wirtschaftlichen Aufschwung und Prosperität. Tatsächlich wuchs auch Zollverein kontinuierlich: wurden 1851 im ersten Jahr der Förderung mit 256 Bergleuten 13.000 t Kohle gefördert, hatte sich bis 1890 die Belegschaft verzehnfacht, und die Fördermenge war mit 1 Mio Tonnen auf das 75-fache nahezu explodiert.

    Um die Anlagen weiter modernisieren zu können, ging die Familie Haniel, in deren Alleinbesitz Zollverein bislang gewesen war, mit der Phoenix AG für Bergbau und Hüttenbetrieb eine Interessengemeinschaft ein. 1926 schließlich wurde Zollverein in die neu gegründete „Vereinigte Stahlwerke AG“ integriert. Dadurch konnte finanziell der Plan einer Zentralschachtlange verwirklicht werden.

    Die Zusammenlegung von Förderung und Aufbereitung aller Zollverein-Kohle in einer Schachtanlage versprach eine Kapazitätssteigerung auf das Vierfache einer Durchschnitts-Zeche. Die noch jungen Architekten Martin Kremmer und Fritz Schupp entwarfen ab 1927 die neue Zentralschachtanlage XII nach dem Bauhaus-Prinzip „form follows function“: die optimalen Abläufe der Kohleförderung und –aufbereitung waren die Vorgaben für das Arrangement der Übertagebauten. Mit 12.000 t täglicher Kohleförderung war Zollverein die größte Zeche des Ruhrgebiets geworden. Im Vergleich zu den Anfängen wurde nun an einem Tag gefördert, wozu man 1851 ein ganzes Jahr gebraucht hatte.

    Blick von Zollverein auf Essen-Katernberg

    Zollverein war aber nicht nur die größte Zeche des Reviers, sie wurde auch als die „schönste Zeche der Welt“ bezeichnet (doch, Iris, doch!!!).

    Architektonisch im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten, dominieren strenge Symmetrie und Geometrie sowohl die einzelnen kubischen Gebäude wie auch ihre Anordnung auf dem Areal. So verlaufen die Gebäude an parallelen Linien und bilden zwei, sich rechtwinklig kreuzende Achsen. Inmitten der ersten Achse, der Produktionsachse, ragt der 55 Meter hohe Doppelbock, das Fördergerüst, hervor. Am Ende der zweiten Achse, der Versorgungsachse, stand der 106 Meter hohe Kamin des Kesselhauses, der 1979 abgerissen werden musste. Die Formensprache ist sachlich, reduziert, ästhetisch, einheitlich rote Backsteinfassaden im Stahlfachwerk bestimmen das Bild. Schacht XII wird als Gesamtheit begriffen, als Monument. Damit entspricht die Anlage durchaus dem Repräsentationsbedürfnis ihrer Eigentümerin, der Vereinigten Stahlwerke AG, die als Europas größter Montankonzern galt.

    Im gleichen Stil wurde 1957 bis 1961 die Kokerei gebaut und am 12. September 1961 in Betrieb genommen. Die räumliche und architektonische Nähe zu Schacht XII symbolisiert auch die funktionale Nähe.  Auch die Kokerei schaffte Produktionskapazitäten der Superlative. Nach ihrer Erweiterung in den 70er Jahren „buk“ sie täglich in 304 Öfen bei 1.250 Grad 10.000 t Kohle zu 8.600 t Koks. In Spitzenzeiten hatte die Kokerei 1.000 Mitarbeiter.

    Das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters machte auch vor Zollverein nicht Halt. Die größte Zeche des Ruhrgebiets konnte trotz aller Rationalisierungsbemühungen dem Kostendruck ausländischer Kohleförderung nicht Stand halten. Am 23. Dezember 1986 fuhr die letzte Schicht nach 135 Jahren Bergbaubetrieb ein. Damit schloss die letzte der Essener Zechen ihre Tore. Am 30.Juni 1993 folgte die Kokerei. Eine Ära ging zu Ende. Heute ist Zollverein Eventlocation, Besuchermagnet und verfügt über ein kleines Gewerbegebiet, wo sich vorrangig Firmen aus der Dienstleitstungsbranche angesiedelt haben. Die Arbeitsplätze allerdings, die so geschaffen wurden, liegen weit unter den Spitzenzahlen der Zeche. Es bleiben so viele Fragen offen. Wo sind all die Arbeitnehmer hin? Wird seither Hartz IV weitervererbt? An einigen Bevölkerungschichten ist der Strukturwandel schlicht vorbei gegangen.  Und so endet mein Rundumschlag von den Anfängen bis zum unrühmlichen Ende. Was mich immer wieder aufs neue an dieser Zeche fasziniert, ist die erstarrte Zeit, die die unglaubliche Arbeit und das Ineinandergreifen der einzelnen Prozesse verdeutlichen, mit welchem Aufwand und Opfern unser Wohlstand und eine Industrievormachtstellung geschaffen wurden.

    Link: www.zollverein.de

    Das neue Ruhrlandmuseum und das Designmuseum „Red Dot“ befinden sich ebenfalls auf dem riesigen Areal der Zeche Zollverein.

    Gruß aus dem verschneiten Velbert-Langenberg

    Claudia

    RUHR2010 Teil II: Mord und Totschlag


    Das Ruhrgebiet im Mittelalter

    Woher hat das „Bergische Land“ seinen Namen? Wer die Landschaft sieht, könnte glauben, die Antwort ist einfach, es ist nämlich ziemlich bergig. Aber diese Überlegung ist FALSCH. Nein, die Fürsten von Berg, mit Sitz in Burg bei Solingen sind die Namensgeber.

    Ein Sproß aus diesem Adelsgeschlecht, Engelbert I. Erzbischof zu Köln, ist Protagonist eines mittelalterlichen Krimis, der sich am 07.11.1225 bei Gevelsberg ereignet hat.

    Im Alter von dreizehn Jahren wurde Engelbert mit kirchlichen Pfründen bedacht als Propst des Georgstifts von Köln, ein Jahr später als Dompropst. Er war weniger dem geistlichen Amt zugetan, als der praktischen und handfesten Politik. In Auseinandersetzungen zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. wurde er wegen falscher Parteinahme seines Amtes enthoben und sogar exkommuniziert.

    Romantisierendes Gemälde auf Schloss Burg:

    Engelbert tat Buße, unterwarf sich dem Papst, beteiligte sich 1212 am Kreuzzug gegen die Albigenser und wurde 1216 Erzbischof von Köln. Seine politischen und verwaltungstechnischen Erfahrungen nutzte er zum Aufbau und zur Reorganistion des Bistums.  Als Reichsverweser für König Friedrich II. übte er die Herrschaft in verschiedenen Gebieten aus,  Streitigkeiten um Machtansprüche rheinischer Grafen und von deren Verwandten standen auf der Tagesordnung. Als er 1225 an einem kalten Novembertag von Soest zurück nach Köln ritt, geriet er bei Gevelsberg in einen Hinterhalt und wurde von seinem entfernten Neffen Friedrich von Isenberg, der Klostervogt in Essen war, und seinen Komplizen, durch ca. 50 Verletzungen ermordet.

    Datei:Denkmal Engelbert01.jpg

    Denkmal in Gevelsberg für die Ermordung des Erzbischofes Engelbert

    Heute vermutet man, dass der Mord nur aus Versehen geschehen ist und der Erzbischof -wie damals üblich- gefangen genommen werden sollte. Friedrich von Isenburg wurde in Köln gerädert und seine Isenburg (auf Essener Stadtgebiet mit traumhaftem Blick ins Ruhrtal nach Hattingen) geschliffen.  Dieser Mord zog verschiedene Burgen und Stadtgründungen nach sich, z.B. entstand die Stadt Hamm/Westf.  als Folge des Mordes.

    Die Isenburg bei Hattingen:

    Das archäologische Museum Herne widmet dieser Thematik im Kulturhauptstadtjahr 2010 die umfangreiche Sonderausstellung AufRuhr 1225! vom 27.02.-28.11.2010. Auf der Internetseite der Sonderausstellung sind auch interessante Videos über die Vorbereitung der Sonderausstellung.

    Link:   http://www.lwl.org/LWL/Kultur/Aufruhr/

    Mit eiskalten Grüßen, Claudia