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Georg-Christoph Biller „Der Weg vom Thomaner bis zum Thomaskantor!“


Georg-Christoph Biller „Der Weg vom Thomaner bis zum Thomaskantor!“

                         Probe des Thomanerchores unter Leitung von Georg Christoph Biller (2012)

Für die Öffentlichkeit kam Anfang 2015 die Nachricht, dass Georg Christoph Biller als  Thomaskantor  zurücktritt, überraschend. Der Musiker und Musikpädagoge, der mehr als zwei Jahrzehnte den berühmten Leipziger Thomanerchor leitete, hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Seit 1999 wegen Depressionen in klinischer Behandlung, musste der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach vor drei Jahren beruflich die Notbremse ziehen.

„Depressionen kommen aus heiterem Himmel, machen unfähig zum klaren Denken und systematischen Arbeiten. In solchen Phasen war die Arbeit mit den mir anvertrauten Knaben und jungen Männern besonders schwierig: Wie soll man jemanden motivieren, wenn einem selbst schwer ums Herz ist?“

Pastorensohn als Thomasser

 Als Sohn eines Pastors 1955 in Nebra (Burgenlandkreis) geboren, stand in dem kleinen Ort „einer unbeschwerten Kindheit nichts im Wege“, erklärt Biller. „Besonders angetan war ich von Chormusik, weshalb ich schon als Fünfjähriger verkündete, dass ich Thomaner werden wollte.“

Nachdem ihm das dafür notwendige musikalische Rüstzeug von dem damaligen Naumburger Domkantor vermittelt worden war, konnte sich der junge Georg freuen, 1965 Aufnahme bei den Thomanern zu finden. Die nächsten Jahre verbrachte Biller im „Kasten“ – wie die Sänger bis heute ihr Leipziger Alumnat nennen.

Die Knaben bezeichnen sich nicht als Thomaner, sondern schmissiger als „Thomasser“, und unter ihnen werden die jüngsten Schüler „Sexer“ gerufen. Als solchem sei es Biller anfangs schwergefallen, sich an das Leben in einem Internat zu gewöhnen. Vergeblich hoffte er mit Ausreden die Erlaubnis zu erhalten, nach Hause fahren zu dürfen: Einmal, so erinnert sich Biller, wollte mit dem dringlichen Hinweis dem Leipziger „Kasten“ entfliehen, er müsse im heimatlichen Nebra sein Reh füttern.

Die Thomaner wurden aber nicht nur die künstlerische Heimat Billers, sondern auch der Startpunkt für seine musikalische Karriere. Mit Erhard Mauersberger und Hans-Joachim Rotzsch erlebte er zwei als Künstler und Charaktere höchst unterschiedliche Kantoren. 1992 wurde Biller Nachfolger von Rotzsch, der über seine Vergangenheit als IM des MfS stolperte.

Doch ehe es so weit war, waren die Mühen der Ebene zu durchmessen: Nach dem Abitur folgten für Biller 18 Monate bei der Nationalen Volksarmee, die auch für ihn, der in Halle und Weißenfels zu dienen hatte, weit mehr ein Straf- als der von der DDR-Propaganda so bezeichnete „Ehrendienst“ waren. Schon 1980, im letzten Jahr des folgenden Musikstudiums, zum Chordirektor des Leipziger Gewandhauses und zugleich zum Dozenten für Chorleitung an der Kirchenmusikschule in Halle ernannt, standen ihm als Dirigent und Sänger nicht nur die Türen in der DDR offen, sondern bald auch die in den Westen. Bereits in den 1980er Jahren konnte Biller jenseits der Mauer auftreten.

Den schönsten Augenblick seines noch jungen Lebens erlebte Biller jedoch weder in West-Berlin noch in Tokio, sondern in Leipzig, als der Musiker am 9. Oktober 1989 Teil der größten Demonstration war, die Honeckers DDR bis dahin erlebt hatte. „Als wir realisiert hatten, dass nicht geschossen würde, begannen wir spontan zu singen, irgendetwas, was uns gerade einfiel … In diesen Momenten erlebte ich die glücklichsten zehn Minuten meines bisherigen Lebens“, so Biller.

Erfahrungen im Westen

Nach der politischen Wende und der deutschen Einheit musste auch er sich neu orientieren. Zu dem Unterricht an der Kirchenmusikschule Halle kamen 1990 Professuren für Chordirigieren in Frankfurt (Main) und Hochschule für Musik Detmold. Im Westen habe er erstmals erlebt, was ihm aus seiner Tätigkeit in der DDR so nicht bekannt war: „handfeste Intrigen“ unter den Kollegen.

Die deutsch-deutsche Pendelei endete mit Billers Berufung zum Thomaskantor. Dass er sein Amt mit zeitlicher Verzögerung antrat, war eine Folge endloser Autofahrten: Im Juli 1992 vom Sekundenschlaf übermannt, fuhr Biller gegen einen Baum und verletzte sich schwer.

Das Amt des Thomaskantors brachte in der neuen Zeit große Herausforderungen mit sich. Nicht nur die Lehrpläne waren neu zu gestalten, sondern auch die Unterrichtsräume und das Alumnat. Neben den Auftritten in der Thomaskirche standen immer öfter Gastspiele im In- und Ausland auf dem Programm. Auch CD-Produktionen und Fernsehaufnahmen bestimmten die Chor-Arbeit. Die habe Biller gern oft mit Leistungssport verglichen – „und bin dafür mitunter arg gescholten worden“.

Alles in allem aber gelte für den Musiker und Musikpädagogen, der sich in den vergangenen Jahren auf das Komponieren verlegt hat: „Wenn ich aus der Distanz der ersten Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt zurückblicke, bewegt mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit.“

Die Jungs vom hohen C: Erinnerungen eines Thomaskantors

Link zum Taschen-Buch nachstehend:     

Georg Christoph Biller: Die Jungs vom hohen C – Erinnerungen eines Thomaskantors,

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Arbeiter im Weinberg von St.Thomas kommen und gehen – so der 16. Thomas-Kantor G.Chr. Biller nach Johann Sebastian Bach. Bach’s Musik aber bleibt.


Georg Christoph Biller, der 16. Kantor des Thomanerchores nach Johann Sebabestian Bach, mit der Festschrift zum 800-jährigen Bestehen des Thomanerchores. - FOTO: PETER ENDIG DPA/LSN

Georg Christoph Biller, der 16. Kantor des Thomanerchores nach Johann Sebabestian Bach, mit der Festschrift zum 800-jährigen Bestehen des Thomanerchores. – FOTO: PETER ENDIG DPA/LSN

Zunächst: Meine zwei persönlichen Bilder

Erstes Bild:

Als ich vor Jahren einmal mit einer Jugendgruppe in der Jugendherberge Eisenach übernachtete, schallte spätabends aus dem Speisezahl ein bezaubender Klang von jungen Stimmen in mein Zimmer im 2. Stock. Ich fuhr aus dem Schlaf hoch und war wie elektrisiert. Das waren doch Knabenstimmen, die einen Choral von Bach sangen. Noch im Schlafanzug stürzte ich ins Foyer herunter und bekam gerade noch mit, wie ein Knabenchor unter der Leitung eines stattlichen, schwarzgelockten Mannes den Jugendherbergseltern ein Ständchen brachte. Das war schon ein besonderes Dankeschön und ich merkte gleich: die Thomaner unter Thomaskantor Georg Christoph Biller kamen zurück von einem Konzert in Bach’s Taufkirche. Sie bedankten sich vor dem Schlafen-Gehen mit einer unvergleichlichen Geste bei den Gastgebern der Jugend-Herberge.

Zweites Bild:

In der Leipziger Thomas-Kirchengemeinde gab es 2013-2015 fast vollständig personelle Veränderungen. Zum ersten Mal in der über 800 jährigen Geschichte wurde mit Britta Taddiken eine Frau Pfarrerin St.Thomas. Nachfolgerin des langjährigen und profilierten Thomas-Pfarrers Christian Wolff . Mit Pfarrer Martin Hundertmark wurde später die weitere Pfarrstelle besetzt.

Und -, was sich schon seit langem anbahnte. Nach 22 Jahren musste nun auch ab 1.2.2015 Thomaskantor Biller sein Amt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Sein schwerer Abschied wurde vom Leipziger Oberbürgermeister Dr. Jung bekanntgegeben. Wie zu Bachs Zeiten ist ja der Dienstvorgesetzte des Thomaskantor der Leipziger Magistrat. Der offizielle Abschiedstermin für Thomaskantor Biller wurde mit dem 31.1.2015 vereinbart.

Diese beiden Eindrücke-, persönliches Erleben des Thomas-Kantors, sowie die personellen Entwicklungen in der Kirchengemeinde St.Thomas, sollen meine Würdigung der Arbeit des Thomaskantors Georg Christoph Biller bestimmen. Ich will nicht wiederholen, was schon mehrfach in Dankes-Worten gesagt wurde. All‘ das können wir in Zeitungen und Internet nachlesen.

I. Menschen, die das Bach Erbe gestalten kommen und gehen. Dabei führt Bach’s Musik oft zu starken Verbindungen von jung und alt. In der Bach-Pflege lag schon immer eine auch pädagogische Aufgabe. So waren dem Thomaskantor über 150 junge Menschen anvertraut. Jungens, die keine Musik-Maschinen sind, sondern ihr Heranwachsen und ihre auszubildenden Stimmen in den Dienst von Johann Sebastian Bach stellen. Jungens, die als Chorensemble berühmt werden und in vielen Reisen Botschafter für Bach sind. Gerade in einer Kulturwelt, in der oft Spitzenensembles und Künstler richtiggehend herangezüchtet und auf die ‚Promotion‘ =  Verkaufsförderung von Labels angewiesen sind, ging dieser Thomaskantor mit seinem Klangkörper behutsam um.

Denn seine jugendlichen Stimmen verändern sich mit jedem Jahr und die Jungens sollen später nicht mit ‚Starallüren‘ ins Leben geschickt werden.Von dem hohen Anspruch, der mit Bach’s Namen nun mal verbunden ist, werden die Jungens für ihr Leben geprägt. Zusammen mit ihrem Thomaskantor sollen sie aber ’normale‘ Menschen bleiben. Sie verrichten in ihrer Kirchengemeinde St.Thomas einen seit Jahrhunderten üblichen Dienst und sollen ihre Unbekümmertheit behalten. Im Bach-Film ‚Die Thomaner‘ können wir in dieses alltägliche Leben Einblick nehmen.

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Vielleicht passt es zu dieser vom Thomaskantor Biller geförderten ‚Einfachheit‘, dass die Thomaner damals in Eisenach mit ihrem Leiter in der einfachen Jugendherberge und nicht im First-class-Hotel untergebracht waren. Sie bedankten sich mit dem Besten , was sie besitzen: einem Bach-Choral.

II. Menschen, die das Bach-Erbe verwalten und pflegen kommen und gehen. In Bach’s Musik und seinen vertonten Texten wird ein zeitloses Ethos verkündet. So viele Themen, die Menschen bewegen und verändern können, werden angesprochen. Viele sagen, dass Bach ’s Musik Zeit und Raum sprengt. Bach wäre, obwohl zu Lebzeiten oft verkannt, noch heute als Musiker unübertroffen. Seine Musik bringt uns in neuen Formen Gott, biblische Gestalten und Themen nahe. Sie will uns mit den musikalischen Formen von Forte und Piano, Crescendo und Decrescendo, Dur und Moll, Präludium und Fuge und vielem mehr helfen, unsere menschlichen Fragen anzugehen.

Immer wieder werden Bach-Interpretationen und Formen der Darstellung für das Bach-Werk gefunden. Bach verjazzt, Bach als Tanz-Theater, Bach-Melodien als Apotheke, die seelische Verwicklungen heilen. Bach als Bach-Radweg, Bach-Museen, Bach-Menü und vieles mehr. Es ist einfach wunderbar, wenn sich Menschen mit ihren Gaben und Ideen in den Dienst der Bach-Pflege stellen. Jede Zeit braucht dazu als Mitte des Ganzen ihren ‚richtigen‘ Thomaskantor. ‚Kraft Amtes‘ steht er im Focus der weltweiten Bach-Pflege. Dabei ist der Thomaskantor m.A. mehr als nur der Hüter und Bewahrer des Bach-Erbes. Mit den jährlichen Bach-Festen und den weiteren Leipziger Thomas-Konzerten hat er die Aufgabe, alle bedeutenden Interpreten einzuladen, die zu eindrucksvollen Bach-Aufführungen beitragen können.

So haben wir in Leipzig namhafte Bach-Dirigenten und -Künstler gehört. Das Bach-Bild wurde andauernd verändert und reichhaltiger. In den vielen Bach-Predigten haben sich die Thomas-Pfarrer bemüht, die Glaubensaussagen von Bach’s Melodien herauszustellen. Künstler haben rund um die Thomas-Kirche Bach-Kunstwerke geschaffen. Doch die Menschen und der Thomas-Kantor, die dieses Bach-Erbe so erneuern, kommen und gehen. Bach’s Kantaten und Passionen, seine Instrumentalmusik und seine Präludien, Fugen und Choräle bleiben. Wie die Sänger und Instrumentalisten, ob alt oder jung, die immer wieder ausgebildet werden und bei Bach hängenbleiben.

Thomaskantor Biller hat in 22 Amtsjahren alle diese Einflüsse und Möglichkeiten als ‚Hausherr des Bacherbes‘ genutzt. Viele ehemalige Thomaner sind ihm dankbar, dass er ihnen dieses unvergleichliche Erbe nahegebracht hat. Die jetzt praktizierenden Thomaner werden seine väterliche Fürsorge vermissen. Doch wir können sicher sein, dass das zuständige Wahlgremium aus Kirche und Stadt einen guten und würdigen Nachfolger in das Amt des Thomas-Kantors berufen wird.

Adamo

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P. S.

Gotthold Schwarz wird das Interim im Thomaskantorat bis zum 31. März 2016 übernehmen.

Gotthold Schwarz - Interim-Thomaskantor (Foto: Gert Mothes)

                              Gotthold Schwarz – Interim-Thomaskantor (Foto: Gert Mothes)

Einen entsprechenden Vertrag hat die Stadt Leipzig jetzt mit dem erfahrenen Dirigenten abgeschlossen. Alle Konzertreisen und Auftritte des Thomanerchors können nun wie geplant stattfinden.

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