Archiv der Kategorie: Berühmte Pianisten

ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 989 „Aria variata alla maniera italiana a-Moll“

ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 989 „Aria variata alla maniera italiana a-Moll“

Dämonen in den Fingern
Die Läufe in Variante 9 sind genauso wie die am Ende von Pasquinis toccata.

                                                                 Bartolotti-Haus, Amsterdam

Einer der größten italienischen Keyboarder an Johann Sebastian Bach´s Tagen war Bernardo Pasquini (1637-1710), der weit über die Grenzen Italiens bekannt war. Zum Beispiel schrieb ein Medizinstudent in Leiden im Jahr 1698 einen aufgeregten Brief an einen schottischen Freund in Rom über „dieses große Weltwunder (dh Pasquini), der so schnell spielen kann, dass er scheinbar Dämonen in den Fingern hat“ (ut haberet diabolum in digitis). Die Amsterdamer Musikverlegerin Estienne Roger – deren Laden nur zehn Minuten zu Fuß vom Bartolotti-Haus, entfernt war, in dem diese Aufnahme gemacht wurde – veröffentlichte 1699 eine Ausgabe von Toccates & suites für das Messegelände Pasquini, Poglietti & Gaspard Kerle.

                                                                   Lars Ulrik Mortensen (Cembalo)

Pasquinis Musik wurde auch in Deutschland verbreitet. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete J.S. Bach in Weimar, wo er viel italienische Musik studierte und kopierte. Es war die Zeit, als Bach Vivaldis Konzerte für Orgel und Cembalo arrangierte, zum Beispiel BWV 592 und 593. Bach sammelte außerdem leidenschaftlich italienische Cembalo-Musik, kopierte Girolamo Alessandro Frescobaldi`s Fiori musicali und eine Toccata und Passacaglia von Pasquini. Vielleicht gehörte das vorgenannte Buch von Toccates & suites zu den italienischen Werken, die sein Arbeitgeber Johann Ernst von Sachsen-Weimar aus den Niederlanden mitgebracht hatte. In der Aria variata alla maniera italiana, BWV 989, verwendete Bach jedenfalls den gleichen Erfindungsreichtum und die gleiche Virtuosität. Die geschickten Parallelverläufe in Variante 9 sind zum Beispiel genau die, die am Ende von Pasquinis toccata stehen. Schließlich konnte Bach auch so spielen, als hätte er Dämonen in den Fingern.

BWV 989

TITEL
Aria variata alla maniera italiana

JAHR
vor 1714

VERÖFFENTLICHUNGSDATUM
16. November 2018

AUFNAHMEDATUM
14. Oktober 2017

STANDORT
Bartolotti-Haus, Amsterdam

Cembalo
Lars Ulrik Mortensen

CEMBALO
tba


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Ich wünsche allen viel Freude mit dem BWV 989

Herzliche Grüße 

Karin

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ALL OF BACH veröffentlicht die Kantate – BWV 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Actus Tragicus)

ALL OF BACH veröffentlicht die Kantate – BWV 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Actus Tragicus)

MUSIKALISCHE UND THEOLOGISCHE TOUR DE FORCE

Eine ungewöhnliche Instrumentierung erzeugt unheimliche Klänge.

                                                                     Ensemble All of Bach

Die Kombination der Instrumente, die Johann Sebastian Bach hier verwendet, kann auf viele Arten beschrieben werden – berühmt, eigenwillig, außergewöhnlich schön und bedeutungsvoll. In jedem Fall ist die Instrumentierung ungewöhnlich. Die Violinen fallen durch ihre Abwesenheit auf, aber es gibt zwei Blockflöten und zwei Viola da Gambas, die einen weichen, beruhigenden und manchmal fast himmlischen Klang erzeugen. Die Blockflöten scheinen mit ihren scharfen Sekunden und Unisono irdisches Leid zu symbolisieren, was Blockflötenspieler Heiko ter Schegget nicht zu schön sein sollte. Er erklärt warum im Interview.

Das ewige Leben liegt im Herzen der genialen Konstruktion dieser Kantate. Bach macht einen starken Kontrast zwischen dem irdischen Tod des Alten Testaments (jeder muss sterben) und der Erlösung des Neuen Testaments. Der Text zitiert verschiedene Bücher der Bibel in Übereinstimmung mit der lutherischen Ansicht, dass Gottes Plan für unsere Erlösung die gesamte Bibel umfasst. Der Chor „Es ist der alte Bund“ fungiert als dramatischer Höhepunkt und Symmetrieachse, in der Bach die bekannte Warnung Memento Mori (denken Sie daran, dass Sie sterben müssen) spektakulär mit der Proklamation der Sopranistin Jesu Christi kombiniert.

Diese Diskussion entwickelt sich zu einem musikalischen und theologischen Kraftakt, wenn Bach die beiden Ideen am Ende des Satzes nicht mehr nebeneinander stellt, sondern über- und untereinander stellt.

                                  Blockflöte: von Links –  Heiko ter Schegget, Benny Aghassi

Dies ist eine der ersten Kantaten Bachs, und die Musik war zweifellos für eine Beerdigung gedacht. Die Historiker haben natürlich nach einem passenden Anlass dafür gesucht, wie zum Beispiel dem Begräbnis des Bruders von Bachs Mutter Tobias Lämmerhirt, der am 10. August 1707 in Erfurt starb. Das Begräbnis fand vier Tage später statt. Da Erfurt etwa 60 Kilometer von Mühlhausen entfernt ist, sollte diese Hypothese mit einer Prise Salz aufgenommen werden, es sei denn, Bach hätte natürlich früher mit der Komposition beginnen können. Übrigens ist nicht klar, wer sich den Beinamen „Actus Tragicus“ ausgedacht hat, der erstmals in einer Handschrift nach Bachs Tod erschien.

                                                  Oostkerk_Middelburg (Holland)

BWV 106

TITEL
Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“

BEINAME
„Actus Tragicus“

GENRE
Kantate

JAHR
1707?

STADT
Mühlhausen

LYRICIST
unbekannte

GELEGENHEIT
Begräbnismusik

ERSTER AUFTRITT
unbekannte

VERÖFFENTLICHUNGSDATUM
4. März 2016

AUFNAHMEDATUM
16. Mai 2015

STANDORT
Oostkerk, Middelburg

DIRIGENT
Jos van Veldhoven

SOPRAN
Dorothee Mields

ALT
Alex Potter

TENOR
Charles Daniels

BASS
Tobias Berndt

RIPIENO SOPRANO
Marjon Strijk

RIPIENO ALTO
Barnabás Hegyi

RIPIENO TENOR
Immo Schröder

RIPIENO BASS
Jelle Draijer

Blockflöte
Heiko ter Schegget, Benny Aghassi

VIOLA DA GAMBA
Mieneke van der Velden,  Ricardo Rodriguez Miranda

CELLO
Lucia Swarts

KONTRABASS
James Munro

ORGAN
Siebe Henstra

THEORBE
Mike Fentross


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Ich wünsche allen viel Freude mit dem BWV 106

Herzliche Grüße 

Karin

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ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 228 – Motette: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“

ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 228 – Motette: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“

DAS KANN ICH BESSER
Prüft Bach hier seinen Schwiegervater?

                                                 Grote Kerk Naarden in Holland

Es wäre natürlich schön, wenn wir bestätigen könnten, dass Johann Sebastian Bach diese Motette BWV 228 – 1726 für das Begräbnis der Frau von Stadthauptmann Winckler komponiert hat. Dann könnte dieses Werk für den Doppelchor zu den anderen Motetten hinzugefügt werden, die Bach in Leipzig komponierte, oft im Auftrag von Privatpersonen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Fürchte dich nicht viel früher geschrieben wurde. Es erinnert stark an eine andere Motette von Bach, Ich lasse dich nicht, BWV Anh159, die von 1712-13 datiert.

Darüber hinaus weist die Struktur von Fürchte dich nicht starke Ähnlichkeiten mit einer Motette von Johann Michael Bach auf, dem Vater von Bachs erster Frau und dem führenden Motetten-Spezialisten seiner Zeit. Seine Weihnachtsmotette für Doppelchor mit dem Titel Fürchtet euch nicht, ist in zwei Teile gegliedert, genau wie Bachs „Fürchte dich nicht.“ Jeder Teil beginnt mit einem Doppelchor und einem Text aus der Bibel. Auf halbem Weg durch beide Motetten kommen die Chöre zusammen, worauf die Sopranistin zu einem ganz anderen Text wechselt, der auf einer fugenartigen Basis schwingt, die über die drei Unterstimmen verteilt ist und die biblischen Worte fortsetzt.

                                                                          Grote Kerk Naarden in Holland

Der große Unterschied ist, dass Johann Michael Bach in seiner ruhigen Motette (die Worte an die Hirten aus dem Lukas-Evangelium sind: „Fürchte nicht, denn ich bringe große Freude!“) Die jubelnde Weihnachtsbotschaft mit dem ebenso heiteren lutherischen Choral verbindet „Gelobet seis du, Jesus Christus“. Johann Sebastian dagegen entscheidet sich für eine viel größere Komplexität in seiner Fürchte dich nicht. Im biblischen Text, der Jesaja entnommen ist, betont er die Zweifel und Ängste des Gläubigen. Demgegenüber stehen die tröstlichen Worte des von der Sopransängerin gesungenen Paul-Gerhardt-Chors „Warum soll ich mich denn grämen“ noch deutlicher hervor.

Ende 1707 heiratete Bach Johann Michael Bachs Tochter Maria Barbara . In dieser Zeit war er immer noch stark von dem geleitet, was seine Vorgänger geschrieben hatten – am liebsten mit einem kompositorischen Meisterwerk. Natürlich können wir es nicht genau wissen, aber es wäre genauso wie der junge Bach, eine so wunderbare Motette als etwas zweifelhafte Hommage an seinen neuen Schwiegervater zu schreiben.

Motetten, BWV 225-231, 118 und Anh159

Kantaten waren Bachs tägliches Brot und regelmäßiger Teil seiner wöchentlichen Aufgaben als Thomaskantor. Seine Motetten waren ein ganz anderer Fall. Außer der Kantate wurde in Leipzig kaum neue Musik gespielt (Musik wurde stattdessen aus der Motettensammlung Florilegium Portense ausgewählt). Dies gab Bach Spielraum für das Schreiben von Auftragsarbeiten für private Anlässe, oft Beerdigungen. Leider sind wahrscheinlich Dutzende dieser Werke verloren gegangen. Die Stücke, die überlebten, sind seit ihrer Komposition im Repertoire geblieben, im Gegensatz zu Bachs anderen Vokalwerken.

Die überlebenden authentischen Motetten – neun Werke, obwohl die Forschung weitergeht – bauen auf einem Genre mit einem eindrucksvollen Stammbaum auf. Vor dem Hintergrund der strengen Polyphonie der Renaissance entlehnte die Generation von Schütz (1585-1672) Elemente aus den opulenten, vielschichtigen Werken Giovanni Gabrielis und verlieh ihnen eine mitteldeutsche, lutherische Note. Auch bei Bachs Inhalt standen Choräle und biblische Passagen im Vordergrund, wobei der weltliche Madrigalismus (oder vereinfacht ausgedrückt: die Darstellung der Worte) nur dazu diente, den Ausdruck des religiösen Genres zu verstärken.

BWV 228

TITEL
„Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“

GENRE
Motette

JAHR
ca. 1707? / 1726

STADT
Mühlhausen / Weimar / Leipzig

Lyrikerin
„Verse 1 und 2 aus Jesaja 41:10 und 43: 1; Verse 3 und 4 aus Paul Gerhardts Choral“ Warum soll ich mich denn grämen „(1653)

GELEGENHEIT
unbekannte

ERSTER AUFTRITT
unbekannte

VERÖFFENTLICHUNGSDATUM
2. Dezember 2016

AUFNAHMEDATUM
14. Mai 2016

STANDORT
Grote Kerk, Naarden in Holland

Dirigent

Stephan MacLeod

SOPRAN
Orlanda Velez Isidro, Klaartje van Veldhoven, Griet de Geyter, Aleksandra Lewandowska, Marjon Strijk, Hilde van Ruymbeke, Stephanie Pfeffer, Marta Paklar

ALT
Barnabás Hegyi, Gemma Jansen, Elena Pozhidaeva, Bernadett Nagy, Marine Fribourg, Victoria Cassano McDonald

TENOR
Adriaan de Koster, Wolfgang Frisch, Guy Schneiden, Diederik Rooker, Immo Schröder, Ronald Threels

BASS
Matthew Baker, Sebastian Myrus, Pierre-Guy Le Gall Weiß, Martijn de Graaf Bierbräuwer, Michiel Meijer, Jelle Draijer

VIOLINE 
Shunske Sato  Sayuri Yamagata

VIOLA
Staas Swierstra

CELLO
Lucia Swarts, 

VIOLONE
Robert Franenberg

OBOE 
Martin Stadler

OBOE 
Peter Frankenberg

FAGOTT
Benny Aghassi

Organ
Pieter-Jan Belder

Cembalo
Siebe Henstra


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Ich wünsche allen Besuchern viel Freude mit der Motette !

Herzliche Grüße

Karin

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ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 1067 „Suite Nr. 2 h-Moll“

ALL OF BACH veröffentlicht das BWV 1067 „Suite Nr. 2 h-Moll

Reise durch die Zeit

Ein köstlicher Querschnitt des europäischen Barock für einen virtuosen Flötisten.

                                                       Instrumental-Ensemble ALL OF BACH

Von den pompösen Auftaktbars bis zum frivolen Finale, Bachs Suite Nr. 2 ist ein köstliches Stück Musik. Und das gilt wörtlich für den Flötisten, der seinen Wert ohne jede Atempause beweisen muss. Die Reihe der höfischen Tänze – Rondeau, Sarabande, Bourrée, Polonaise und Menuett – wird von einer Ouvertüre aus typisch langsamen gepunkteten Figuren begleitet und ist durchdrungen von französischem Esprit. Der brilliante Flötenpart markiert das Stück jedoch nicht weniger als ein extravagantes italienisches Solokonzert, unter dem Bach ein solides deutsches Fundament aufgebaut hat. Die Arbeit ist auch eine Reise durch die Zeit, die im Lully-Stil des 17. Jahrhunderts beginnt und mit dem extrem galanten Schlussabschnitt endet.

Es ist fraglich, ob Johann Sebastian Bach diese „Badinerie“ eigentlich dazu bestimmt hatte, sich über die vorangegangene Musik lustig zu machen. Aber eins ist sicher – der Flötist (höchstwahrscheinlich der französische Virtuose Pierre-Gabriel Buffardin) muss sich prächtig amüsiert haben. Immerhin hatte der berühmte Flötist Johann Joachim Quantz, der kurzzeitig ein Schüler von Buffardin war, ziemlich böswillig gesagt, dass sein Meister nur schnelle Stücke spielte, so wie er darin glänzte.

Orchestersuiten, BWV 1066-1069

Obwohl es verlockend ist, von den vier Orchestersuiten zu sprechen, könnte es gut sein, dass Bach ein oder zwei oder sogar zehn davon schrieb. Denn im Gegensatz zu den Brandenburgischen Konzerten sind diese vier Orchestersuiten nicht miteinander verwandt. Spezialisten wie Joshua Rifkin betrachten sie sogar als Arrangements für Stücke aus anderen Genres. Bach schrieb einfach vorzeigbare festliche Musik für die wohlhabenden Höfe von Weimar und Köthen; gelegentliche Musik, die später im Repertoire des Collegium Musicum eine neue Heimat fand.

                                                                          TRAVERSO: Marderwurzel

Bachs Suiten (Reihe stilisierter Tänze) strahlen den Stil und die Atmosphäre der Tanzmusik aus, die Lully am Hof ​​Ludwigs des Vierzehnten komponiert hat. Heutzutage nennen wir das eine Suite, aber zu dieser Zeit war es als Ouvertüre oder Eröffnungsstück bekannt. Als eine Hommage an den König begann eine solche Abfolge von Tänzen mit einer stattlichen Eröffnung, die einen bemerkenswert stakkatoiden Rhythmus hatte – zu dem der König Zugang hatte -, gefolgt von einem etwas schnelleren, fugierten Mittelteil.

Eine interessante Hypothese über den relativen Mangel an Suiten von Bach ist, dass er das Genre nicht ausreichend beherrschen konnte. Das Modell kam direkt aus dem Pariser Lully und würde keine Konkurrenz dulden. Besonders die pompöse Ouvertüre – mit langsam-schnell-langsam, fugalem Mittelteil und „französischen“ Rhythmen – ist typisch … und vielleicht zu restriktiv für unseren jungen deutschen Kapellmeister.

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BWV
1067

TITEL
Ouvertüre in h-Moll

BEINAME
Orchestersuite Nr. 2

GENRE
Orchesterwerk (Suite)

JAHR
1738-39

STADT
Leipzig

VERÖFFENTLICHUNGSDATUM
27. November 2015

AUFNAHMEDATUM
30. November 2014

STANDORT
TivoliVredenburg, Utrecht

TRAVERSO
Marderwurzel

VIOLINE 1
Shunske Sato (Leitung), Annabelle Ferdinand, Lucia Giraudo

VIOLINE 2
Anneke van Haaften, Paulien Kostense, Hanneke Wierenga

VIOLA
Bernadette Verhagen, Jan Willem Vis, Femke Huizinga

CELLO
Lucia Swarts, Barbara Kernig

KONTRABASS
Joshua Cheatham

CEMBALO
Siebe Henstra


Ich wünsche allen Besuchern ein wunderbares Erlebnis mit der Orchestersuite Nr. 2

Herzliche Grüße

Karin

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Eine J.S. Bach-Piano-Lehrstunde gab es im Palau de la Musica Catalana in Barcelona!

Eine J.S. Bach-Piano-Lehrstunde gab es im Palau de la Musica Catalana in Barcelona !

                   András Schiff im Palau de la Musica Catalana Barcelona am 4.10.2018

Zu Gast war András Schiff und tätigte einmal folgende Aussage:

„Eigentlich machen wir Pianisten heute alles falsch.“ Sagt er. Und nimmt sich selbst dabei nicht aus. Bach, Schubert oder Mozart immer bloss auf den – zugegebenermassen herrlich tönenden – Steinway-Flügeln zu spielen, ebne das klangliche Potenzial dieser Musik entschieden ein. Andererseits seien die meisten historischen Tasteninstrumente leider ungeeignet, unsere gross dimensionierten Konzertsäle zu füllen. Es ist ein Dilemma, in das sich der Pianist András Schiff sehenden Auges, aber mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit hineinbegeben hat. Schiff hat in den vergangenen Jahren eine wachsende Lust am Musizieren auf historischen Instrumenten entwickelt.

Zum Anfang erklang das Italienisches Konzert in F-Dur, BWV 971

Beim «Italienischen Konzert» BWV 971 konnte man sich gleich zu Beginn selbst einen Höreindruck von der Problematik machen, die András Schiff so offen anspricht. Der erste Satz mit seiner für Bach eher untypischen Vollgriffigkeit und bewusst ausgestellten Bravour tönt auf dem modernen Instrument zwangsläufig sehr direkt, manchmal fast wie eine Ahnung von frühem Beethoven, jedenfalls merklich weniger spielerisch als etwa auf einem Cembalo.

Dann aber, im Mittelsatz, ereignet sich das erste von vielen kleinen Wundern. Schiff transzendiert hier das Neben- und Gegeneinander von Solostimme und ostinater Begleitung in ein inniges Gebet, bei dem die rechte Hand wie losgelöst im Gesang über der Basslinie schwebt. Dieses Kunststück, bei dem sich der Klavierklang plötzlich ins Immaterielle, ja Unirdische lichtet, wiederholt Schiff später vor allem im zweiten Teil, bei den in jeder Hinsicht überwältigenden «Goldberg-Variationen».

Vor der Pause erklang die Ouverture h-Moll BWV 831.

Das pianistisch anspruchsvolle Werk gelingt technisch wie musikalisch ungemein eindrucksvoll.

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Erleuchtete Interpretation der Goldberg-Variationen BWV 988

Wie abgeklärt und schwerelos wirkt dagegen dann die Wiedergabe der «Goldberg-Variationen» BWV 988. András Schiff zelebriert das gut 85-minütige Stück als ein pianistisches Hochamt; er erinnert mit seiner unerhört feinsinnig und nuanciertes Spiel auf die 30 Variationen zulaufenden Wiedergabe vielmehr daran, dass dieses Gipfelwerk der Klavierliteratur einst zur Erbauung, um nicht zu sagen: zur Unterhaltung geschrieben wurde.

Tatsächlich klingt die Musik bei Schiff, der keinerlei technische Probleme zu kennen scheint, kurzweilig und tiefsinnig zugleich. Und auch das leidige Thema «Bach auf dem Klavier» ist – ein weiteres Paradox dieser buchstäblich erleuchteten Interpretation – einen Moment lang unerheblich. Denn hier klingt einfach alles stimmig und fantastisch.

Zu früh einsetzender Schluss-Applaus zerstörte ein wenig das Gehörte und dem Pianisten gefiel es ebenso wenig, was durch sein Kopfschütteln erkennbar war. Schade, dass dieser kleine Wehrmutstropfen ein geniales Bach-Konzert ein wenig eingetrübt hat.


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